Robert B. Fishman

Journalist, (Hörfunk-)Autor, Fotograf, Moderator, Workshop-Trainer, Bielefeld

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Artikel

Mit Algorithmen Judenhass aufdecken

Antisemitismus im Netz und offline

Hass gegen Jüdinnen und Juden wächst - im Netz und in der analogen Welt. Dies ergab auch eine Umfrage, die der Jüdische Weltkongress Ende Januar veröffentlicht hat. Manche hetzen im Internet offen gegen Minderheiten, andere verschlüsseln ihre Botschaften. So entgehen sie den Algorithmen von Facebook, Twitter und anderen Plattformen, die allzu krasse Hassbotschaften ausfiltern, sperren oder löschen. Nun werden Computer-Programme entwickelt, die auch versteckte antisemitische Hetze im Netz erkennen.

Ein Klick in einschlägige Internetforen wie „ Politcally Incorrect" auf 4chan reicht, um in Abgründe zu blicken. Da behaupten User unwidersprochen, dass „Juden die Kirche kontrollieren", um auf diesem Wege „die Weißen zu beherrschen". Längst findet der Hass aus dem Internet seinen Weg auch in die analoge Welt. In Deutschland demonstrieren Impfgegner*innen mit angehefteten gelben Judensternen, auf denen in Frakturschrift „Ungeimpft" steht. Sie behaupten, ihnen gehe es „wie den Juden im Nazi-Reich" oder sehen gar eine jüdische Weltverschwörung hinter der Pandemie. Juden und Jüdinnen hingegen haben Angst.

Schon vor der Corona-Pandemie sagten bei einer Eurobarometer-Umfrage fast zwei Drittel der in Deutschland Befragten, dass der Hass auf Jüdinnen und Juden zunehme. 68 Prozent der Teilnehmer*innen fühlten sich nicht über jüdische Geschichte und Traditionen informiert.

Der Politikwissenschaftler und Digital-Experte Benjamin Fischer leitet das Programm der Alfred Landecker Foundation in Berlin. Zusammen mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität (TU) Berlin entwickeln hier Forschende im Projekt „ Decoding Antisemitism " (Antisemitismus entschlüsseln) ein Computer-Programm, das versteckte, antisemitische Hassbotschaften im Internet aufspürt.

Tools, die Chiffren entschlüsseln können

„Antisemitismus ist eine Form des Hasses, die oft in Chiffren kommuniziert wird", sagt Fischer. Genau deshalb sei es wichtig, implizite, also versteckte Formen des Hasses greifbar zu machen.

Computer-Programme erkennen nur, was Menschen ihnen vorher beigebracht haben. Ironie, Witze oder Abwertungen, die man nur im Zusammenhang mit anderen Aussagen als solche wahrnimmt, erkennt auch intelligente Software nicht. Ein Beispiel: Im Netz richtet sich der Hass oft gegen den jüdischen Mäzen und Multi-Millionär George Soros. Statt ihn direkt herabzuwürdigen, setzen seine Gegner Symbole wie Schlangen oder Dollar-Zeichen anstelle des Buchstabens „S" in seinen Namen.

Um auch solch versteckte Botschaften und Zusammenhänge zu erkennen, arbeiten im Team von „Decoding Antisemitism" Fachleute aus der Linguistik, der Diskurs- und Bildanalyse, der Geschichte, aus Sozial- und Politikwissenschaften sowie der Antisemitismusforschung zusammen. Gemeinsam haben sie bisher mehr als 50.000 antijüdische Kommentare auf britischen, französischen und deutschen Medienseiten ausgewertet.

Doch wo fängt Antisemitismus an? Schon bei der Kritik an der israelischen Besatzung im Westjordanland? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei „Decoding Antisemtism" orientieren sich an der Definition der International Holocaust Rembrance Alliance IHRA. Die arbeitet mit Beispielen.

Für Projektleiter Matthias Jakob Becker von der TU Berlin sind „Äußerungen antisemitisch, in denen judenfeindliche Stereotype auf jüdische Menschen projiziert werden". Als Beispiele nennt er Behauptungen, wie (alle) Juden seien „geldgierig, mächtig, sie kontrollieren die Medien, trinken das Blut von Kindern und so weiter". Straftaten seien dann antisemitisch, wenn „die Angriffsziele deshalb ausgewählt werden, weil sie jüdisch sind, als solche wahrgenommen oder mit Jüdinnen und Juden in Verbindung gebracht werden".

Becker, Fischer und die weiteren Wissenschaftler*innen bei „Decoding Antisemitism" entwickeln ein Open-Access-Tool, also eine frei zugängliche Software, die auch versteckte, verklausulierte antijüdische Hassbotschaften sichtbar macht.

Aufgespürt: Überkommene Stereotype gemixt mit neuem Hass

Ähnlich arbeitet das Forschungsprojekt „ Digitaler Hass " der Alice Salomon Hochschule und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), beide ebenfalls in Berlin. Es füttert einen Algorithmus mit Verschwörungsgeschichten, die die Leute im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ins Netz stellen und verbreiten: „Wir durchsuchen große Text-Korpora nach insbesondere rassistischen und antisemitischen Narrativen in den verschwörungstheoretischen Diskursen", erklärt die Mathematikerin und Datenwissenschaftlerin Helena Mihaljević.

Auch hier forscht ein interdisziplinäres Team nach Methoden zur automatischen Erkennung von Hass und Hetze. Daten werden aus Kanälen der sogenannten Querdenker auf Twitter und Telegram bezogen. Bisher, sagt die Projektmitarbeiterin, gebe es kaum vergleichbare Forschung, speziell nicht in den deutschsprachigen Ländern.

Vor allem falle auf, wie alte antisemitische Verschwörungsgeschichten sich mit neuen Formen des Hasses vermischen. Als Beispiel nennt Mihaljević den Vergleich von Lockdowns und Impfpflicht mit dem Nazi-Terror gegen Jüdinnen, Juden und andere Verfolgte. Neu sei auch die Vermischung der aus den USA stammende QAnon-Erzählung mit antisemitischen und anderen rassistischen Verschwörungsgeschichten vor allem auf Telegram.

Ihre Erkenntnisse wollen die Projekte „Decoding Antisemitism" und „Digitaler Hass" sowohl Bildungseinrichtungen und anderen Forschenden als auch der Zivilgesellschaft zur Bekämpfung von Hass und Hetze zur Verfügung stellen.

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