Robert B. Fishman

Journalist, (Hörfunk-)Autor, Fotograf, Moderator, Workshop-Trainer, Bielefeld

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Die Stadt ist unser Garten | Forum - Das Wochenmagazin

Stadtgarten für die Nachbarschaft in einem Neubaugebiet in Göteborg, Foto: Robert B. Fishman

Tomaten und Kräuter vom Wegesrand: Weltweit legen die Menschen in den Städten Gärten an, um sich mit frischem Obst und Gemüse zu versorgen. Allein in Berlin stehen rund 15.000 Interessentinnen und Interessenten auf der Warteliste für eine Schrebergarten-Parzelle. Gemeinschaftsgärten fördern den sozialen Zusammen­halt und eine gesunde Er­nährung in der Gemeinde 

Klimakrise, Pandemie, schlechte Luft oder Flächenfraß: Probleme in der Landwirtschaft gibt es derzeit genug. Aber auch kleine, ­ trendige Lösungen. Eine davon: Urban Gardening, das Anlegen von Gärten mitten in Städten, um sich mit Obst und Gemüse zu versorgen. I


n der Corona-Krise wächst die Nachfrage nach einem Stück Grün vor der Haustür, auf dem man gesunde Nahrungsmittel anbauen kann. Allein in Berlin stehen rund 15.000 Interessenten auf der Warteliste, um eine Schrebergarten-Parzelle zu pachten. Andere Großstädte melden ähnliche Zahlen.


Urbane Gärten speichern Wasser

Unter dem Motto „Essbare Stadt" haben beispielsweise Andernach, Kassel und andere Kommunen in ihren Parks Obstbäume gepflanzt und Gemüse­beete angelegt. Die Leute dürfen kostenfrei ernten, was dort wächst. Gepflegt werden die Gärten von städtischen Mitarbeitern oder - in Andernach - von Langzeitarbeitslosen, die so wieder eine sinnvolle Aufgabe haben. Die Stadt München verpachtet „Krautgärten" an acht über die Stadt verteilten Standorten jeweils von Frühjahr bis Herbst an Bürger, die auf den Flächen Lebensmittel nach Bio-Regeln anbauen. 


Ebenfalls in München hat der Verein Green City von der Stadt ein Stück Land bekommen, auf dem die Mitglieder ihr eigenes Gemüse anbauen. Beetpaten bestellen jeweils zwei Quadratmeter kleine Flächen. Auch auf dem Gelände eines ehemaligen Autohauses im dicht bebauten Stadtteil Giesing grünt und blüht es: Auf dem „Grünspitz" bewirtschaften Anwohner einen Gemeinschaftsgarten. 


Im Neubaugebiet Freiham - dem mit geplant mehr als 25.000 Einwohnern derzeit größten in Deutschland - entstehen weitere Bürgergärten. Ähnliche Projekte gibt es unter der Regie zivilgesellschaftlicher Organisationen, von Vereinen oder auch der Kommunen in vielen Städten weltweit - seien es die Stadtgärten in Göteborg und Malmö, die Prinzessinnengärten in Berlin, die urbane Farm in Dessau oder die zwölf Gärten der Gemüseheldinnen in Frankfurt/Main. 


Permakulturgärten der Gemüseheld*inn*en


Gemeinsam mit der Stadt, dem Frankfurter Ernährungsrat und der Goethe-Universität haben diese über die Stadt verteilt Permakulturinseln angelegt. Der Begriff setzt sich aus dem Englischen „permanent" und „agriculture" zusammen. Das Konzept verzichtet auf den Einsatz von Chemikalien und schweren Maschinen. Durch genaue Beobachtung der Natur und eine geschickte Kombination verschiedener Pflanzenarten produzieren Permakulturgärten nach Angaben der Frankfurter „Gemüseheldinnen" „auf 1.000 Quadratmeter genau so viel Ertrag wie ein Hektar biologisch bebauter Boden". Anwohner betreuen die grünen Inseln unter Anleitung der Profis. Vorbild ist die Permakultur-Farm Bec Hellouin in der Normandie. Urbane Gärten wie diese kühlen, speichern und reinigen Wasser, schützen vor Überschwemmungen, schlucken Lärm, binden Schadstoffe wie Feinstaub, schaffen Frischluftschneisen und liefern ohne lange Transportwege verpackungsfreie, gesunde, frische Lebensmittel. Außerdem bieten sie Lebensräume für Insekten und andere bedrohte Tier- und Pflanzenarten. So leisten sie einen Beitrag zum Erhalt der schwindenden Biodiversität. 


Saatgut selbst gezüchtet 


Viele Stadtgärtner züchten ihr Saatgut selbst und erhalten damit Pflanzensorten, die es in industrieller Monokultur-Landwirtschaft längst nicht mehr gibt. Monika Egerer erforscht an der Technischen Universität München TUM die ökologischen und sozialen Auswirkungen des gemeinschaftlichen Gärtnerns in der Stadt. Allein in Berlin habe sie in den Gemeinschaftsgärten 90 verschiedene Wildbienen-Arten und 355 verschiedene Wildpflanzenarten gefunden - darunter 13, die auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen. Ihre Umfragen in urbanen Gärten in Berlin und München ergeben ein eindeutiges Bild: Die Menschen genießen die Ruhe, erleben einen Ausgleich zum stressigen Alltag und empfinden das gemeinsame Arbeiten im Garten als wertvolles Gemeinschaftserlebnis. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie gewinnen viele bei der Gartenarbeit wieder ein Stück Kontrolle über ihr Leben und ihren Alltag, gestalten ihre Zeit sinnvoll produktiv und erleben die selbstwert-stärkende Wirksamkeit ihres Tuns.


Gärtner steigern Aufenthaltsqualität

Auch die Städte profitieren von den urbanen Gemeinschaftsgärten. Sie sparen Ausgaben für die Pflege der jeweiligen Grundstücke und stärken die Gesundheit der Nutzer. Gefördert werden so auch der soziale Zusammenhalt in der Gemeinde und die lokale Wertschöpfung. Arme Familien, die sich Bio-Gemüse aus dem Laden nicht leisten können, erfahren Entlastung. Untersuchungen belegen, dass Menschen, die selbst Obst und Gemüse anbauen, die Natur und ihre Lebensmittel bewusster wertschätzen und auch mehr auf gesunde Ernährung achten. Die ehrenamtlichen Gärtner schützen Brachflächen vor Vermüllung und Vandalismus und steigern die Aufenthaltsqualität. 


Interkulturelle Gärten


Vielerorts leisten die Gemeinschaftsgärten als „interkulturelle Gärten" auch einen Beitrag zur Integration von Zuwanderern. Nachbarn unterschiedlicher Herkunft säen, pflanzen, jäten und ernten gemeinsam auch über Sprachbarrieren hinweg. Im Idealfall lernen alle voneinander. Unterschiedliche Pflanzen und Anbaumethoden bereichern die Artenvielfalt auf dem Grundstück. 


Nach außen tragen die Gemeinschaftsgärten zu einem positiven Bild der jeweiligen Stadt bei. Andernach profitierte zum Beispiel von zahlreichen Medienberichten über die „Essbare Stadt": Viele Touristen kommen, um sich auf Führungen das Projekt erklären zu lassen. Damit die Gärten auf Dauer funktionieren, müssen sie gut organisiert sein. 


Das Leibniz Institut für ökologische Raumentwicklung (IOER) in Dresden hat verschiedene Urban-Gardening-Konzepte unter anderem in Dresden und München sowie die „Essbaren Städte" in Kassel und Andernach untersucht. Dauerhaft erfolgreich seien demnach Kommunen, die die Bürger an Aufbau, Gestaltung und Betrieb der Gärten beteiligen, das Projekt nachhaltig finanzieren und in den Verwaltungen dafür Verantwortliche benennen. Wichtig sei es auch, örtliche Vereine, Kirchengemeinden und andere kommunale Akteure einzubinden und die Grundstücke dauerhaft vor dem Zugriff von Bau-Investoren zu sichern. Sind diese Bedingungen erfüllt, können urbane Gärten einen Beitrag zur Verbesserung des Stadtklimas leisten, den Menschen zusätzliche Erholungsräume verschaffen und den sozialen Zusammenhalt stärken.

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