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Diese Frau lässt die Fussball-Bonzen zittern

Dank dem Verfahren gegen führende Fussball-Funktionäre in Amerika ist die amerikanische Justizministerin Loretta Lynch plötzlich weltweit bekannt. Ein Porträt.

Der Vorfall ereignete sich vor 40 Jahren. Aber in den Augen der Anhänger von Loretta Lynch – die seit einem Monat an der Spitze des amerikanischen Justizministeriums steht – bringt die Anekdote die Hartnäckigkeit der ranghöchsten amerikanischen Kriminalitäts-Bekämpferin auf den Punkt. Lynch, die in einfachen Verhältnissen in North Carolina aufwuchs und unter dem subtilen Rassismus der Sechziger- und Siebzigerjahre litt, besuchte in Durham eine Primarschule, in der sie kurz nach der Abschaffung der Rassentrennung eine der wenigen Afroamerikanerinnen war. Als sie in einer Prüfung ein Bestresultat erzielte, vermuteten ihre Lehrer, sie habe geschummelt. Sie musste die Prüfung wiederholen. Dabei erzielte sie eine noch höhere Punktezahl.


In der Tat legte Lynch – stark geprägt durch ihren Vater, einen Baptistenprediger und Lokalpolitiker – in ihrer langen Karriere eine gesunde Mischung aus Ehrgeiz und Beharrlichkeit an den Tag. Nach Studien an der Harvard University und der elitären Harvard Law School bei Boston arbeitete die junge Juristin für eine renommierte Kanzlei, bevor sie 1990 in den Staatsdienst trat. Lynch heuerte bei der Staatsanwaltschaft an, die als verlängerter Arm des Justizministeriums für den östlichen Bezirk des Staates New York zuständig ist. Dafür nahm sie eine Einkommenseinbusse in Kauf.


Rasch kletterte die begabte Afroamerikanerin in der Behörde die Karriereleiter hinauf. 1998 wurde sie zur Nummer zwei der Staatsanwaltschaft ernannt, die ihren Sitz im New Yorker Stadtteil Brooklyn hat. Im Sommer 1999 folgte die Berufung zur neuen Chefin, durch den demokratischen Präsidenten Bill Clinton. 2001, nach dem Machtwechsel in Washington, zog sich Lynch in die Privatwirtschaft zurück und wurde Partnerin der einflussreichen Anwaltskanzlei Hogan & Hartson. Acht Jahre später kehrte sie nach Brooklyn zurück – auf Wunsch von Präsident Obama.


Als oberste Strafverfolgerin im «Eastern District», in dem acht Millionen Menschen wohnen, stand Lynch im Schatten ihres einflussreicheren Kollegen Preet Bharara. Dieser sitzt in Manhattan, steht dem südlichen New Yorker Bezirk («Southern District») vor, und ist damit automatisch auch Herr über die Wall Street. Nach der Finanzkrise machte sich der schmissig auftretende Bharara einen Namen mit publizitätswirksamen Klagen gegen gesetzlose Banker und Trader. Die heute 56 Jahre alte Lynch hingegen zog es vor, abseits des grellen Rampenlichts zu arbeiten.


Dies bedeutet nicht, dass Lynch vor kontroversen Verfahren zurückschreckte. Letzten Herbst nahm ihr Büro Ermittlungen gegen die Gunvor Group in Genf auf, die sich im Besitz des steinreichen Putin-Freundes Gennadi Timtschenko befindet. Fast gleichzeitig eröffnete Lynch zudem ein Verfahren gegen die UBS. Sie wirft der Schweizer Grossbank vor, amerikanischen Kunden mithilfe dubioser Wertpapiere bei der Hinterziehung von Steuern geholfen zu haben.


Die grösste Aufmerksamkeit erregte Lynch im Jahr 2012. Damals beschloss die Juristin, von einer Anklageerhebung gegen die britische Grossbank HSBC abzusehen – obwohl sie der britischen Grossbank vorwarf, jahrelang beide Augen zugedrückt zu haben, als mexikanische Drogenkartelle und Terroristen HSBC-Konten Geld wuschen. Dieser Vergleich kostete HSBC 1,9 Milliarden Dollar.


Kaum im Justizministerium angekommen, präsentierte Lynch in der vorigen Woche das Ergebnis aufwendiger Ermittlungen gegen die weltweit tätigen Grossbanken Barclays, Citi, JP Morgan Chase, Royal Bank of Scotland und die UBS. Vier dieser Banken rang die Ministerin ein Schuldeingeständnis im Skandal um manipulierte Devisenkurse ab – obwohl sich die Finanzinstitute hartnäckig gegen diesen Schritt weigerten, der noch vor kurzem einem Todesurteil für die betroffenen Banken gleichgekommen wäre. Natürlich waren diese Klagen vor ihrem Vorgänger Eric Holder vorbereitet worden. Lynch aber hätte den Prozess stoppen oder zumindest verlangen können.


Anders sieht die Ausgangslage im Fifa-Fall aus, in dem Lynch am Mittwoch eine 161 Seiten dicke Anklageschrift gegen 14 Angeschuldigte veröffentlichte. Die Ministerin ist mit der komplexen Materie bis ins Detail vertraut, weil sie selbst – als Staatsanwältin in Brooklyn – am Anfang der Ermittlungen stand.