Rebecca Sandbichler

Freie Journalistin und (Online-)Redakteurin, Innsbruck

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Reportage

Wann wird's endlich wild?

Auf der Suche nach dem wahren Urwald-Leben tingelt unsere Autorin mit Mann und drei Kindern wochenlang durch Malaysia. Sie will Kultur, nicht Touristenkitsch. Erst im tiefen Regenwald Borneos versteht sie, dass echte Erfahrungen selten bequem sind.


Das Kanu zischt, unter mir brodelt das Wasser. Oh nein, wir hängen auf einem Baumstrunk fest! Natürlich muss mein Boot mitten im Dschungel von Borneo ein Loch kriegen und nicht zuhause auf dem Baggersee. Hastig stoße ich das Paddel links und rechts in den Grund und stemme uns frei; fast treffe ich dabei meine kleine Tochter Juno am Kopf. 

„Was ist los?“ fragt unser einheimischer Begleiter Justin und paddelt mit Aaron zu uns zurück. Voll angezogen springt er in den brusthohen Fluss und untersucht die Unterseite des Kanus. Schon werden wir vom nächsten Zischen aufgeschreckt: Josef! Mit unserem Sohn Levi steckt mein Mann an derselben Engstelle fest und ist genervt: „Hättest du mich nicht warnen können?“ Justin aber beruhigt uns: „Kein Problem, es war nur der Boden. Wir können weiter.“


Zum Glück. Wie sollte uns auch hier jemand abholen kommen? Wir treiben doch seit einer Stunde durch den Regenwald des Kelabit-Hochlands und sehen bloß Grün, Grün, Grün. Einmal schimmert ein Pfahlbau durch dichte Bambusgruppen, ein marodes Langboot versinkt halb im Fluss. „Schaut mal, ein Wasserbüffel!“, ruft Josef plötzlich in die Stille. Das haarige Vieh glotzt uns an und schlingt gleich wieder hohes Gras in sich hinein.

Endlich steuert Justin eine schlammige Uferstelle an: „Wir stoppen hier“. Mit seiner Machete verschwindet er im Dickicht um Feuerholz zu schlagen. Fasziniert folgen unsere drei braungebrannten Dschungelkinder dem sehnigen, langhaarigen Kelabit bei jedem seiner geübten Hiebe. Nach wenigen Minuten lodert auf der Böschung ein Feuer und Justin reibt Hühnerkeulen mit dem seltenen Salz aus seinem Dorf Bario ein. Der schrille, durchgehende Gesang der Zikaden untermalt unser kleines Dschungelpicknick. Erster Gang: süße Hochland-Ananas. „Mama, das sind die besten Ananasse, die es auf der Welt gibt“, urteilt Levi zwischen dem Kauen. Hat sich die ganze Reise nicht allein dafür gelohnt?


Reif für die Insel


Mit zwei Tramper-Rucksäcken und drei Kindern sind wir in den vergangenen vier Wochen bis in den hintersten Winkel von Borneo vorgedrungen. Weil wir ja unbedingt das wilde, echte Malaysia finden wollten. Das südliche Nachbarland von Thailand gilt als wirtschaftlicher Musterknabe im südostasiatischen Raum. Die meisten Menschen sprechen gut Englisch und Familien genießen im kinderfreundlichen Malaysia das Rundum-Sorglos-Paket: Als eine der artenreichsten Naturlandschaften der Welt mit einer faszinierenden Kulturgeschichte ist es gleichzeitig relativ sicher und sauber. Dieses Land wirkt auf so angenehme Weise aufregend, dass es sich zuweilen wie ein überdimensionierter, tropischer Freizeitpark anfühlt.


Die Welt mit ihren Krisen und Kriegen, der Steuererklärung und dem Sparkassen-Newsletter wird von türkis-blauem Wasser überspült.


Wie wohl alle berufstätigen Eltern von drei Kindern, suchen wir vor irgendwelchen Abenteuern genau das: Entspannung. Besonders schön ist das Nichtstun auf der kleinen Insel Sibu vor Malaysias Ostküste. Verzückt waten wir trotz tropischer Mittagshitze durch die lauwarmen Wellen des südchinesischen Meeres, als wir nach drei Flügen und fast 40 Stunden Reise endlich mit dem Motorboot den Strand erreichen.

Wir ziehen in eine Holzhütte zwischen Kokospalmen und brauchen zwei Wochen lang keine Schuhe mehr. Statt Telefonklingeln haben wir Meeresrauschen im Ohr, statt Netflix gucken wir in den klaren Nachthimmel: „Da, schon wieder eine Sternschnuppe!“

Auf der Insel ist unseren drei Nervenbündeln ein Stock genug, um stundenlang im Sand zu spielen. Die einzige Sorge: Soll ich vor dem Essen noch Lesen oder lieber Schnorcheln gehen? Die Welt mit ihren Krisen und Kriegen, der Steuererklärung und dem Sparkassen-Newsletter wird von türkis-blauem Wasser überspült.

Nur blöd, dass auch Malaysia selbst nicht zu spüren ist. Denn dieses Paradies könnte überall sein. 


Unser Reiseführer lockt uns mit einem Versprechen weiter bis nach Borneo: Auf der drittgrößten Insel der Welt sei Malaysia noch echt und ursprünglich. Also fliegen wir.


Aufdringliche Straßentiger


Borneo gehört neben Malaysia überwiegend zu Indonesien und zu einem Hundertstel auch noch dem Ölstaat Brunei. Wir landen jedoch in der nordwestlichen, malaysischen Region Sarawak. Schon beim Spaziergang durch die Hauptstadt Kuching geraten wir hinein in den typischen Trubel. In Chinatown strömt der Geruch von Räucherstäbchen aus drachenverzierten, chinesischen Tempeln. Im eng verzweigten Fischerviertel rufen Muezzine die gläubigen Muslime in ihre kleinen Moscheen.

Wir quetschen uns bei Sonnenuntergang in eine schmale Flussfähre und setzen über zu einem Markt mit vielen Snackbuden – die Karaoke-Maschine weist lautstark den Weg. Unsere Jungs freuen sich aufs Essen, das meist auch für kleine Gaumen verträglich gewürzt wird. „Kriegen wir Hühnerspieße mit Erdnusssoße?“, drängelt Aaron. Es sind mehr Katzen als Menschen da: Sie streunen um die Tische und fressen Essenreste von den Tellern. Fast fällt Josef über eine, als er fünf Gläser mit frischem Melonensaft zu unserem Tisch balanciert. Leider stolpert auch Juno aufgeregt hinter den Straßentigern her und wir halten unser stures Mädchen nur mit Mühe zurück.

Eigentlich sind wir ja bestens auf die Tropen vorbereitet: Wir haben alle Impfungen gemacht, den wirksamsten Moskitoschutz gekauft und tragen jederzeit ein Erste-Hilfe-Set bei uns. Nur Tollwut haben wir nicht eingeplant.

Aaron und Levi spielen zum Glück lieber Fangen mit den zwei Söhnen der Fruchtsaftverkäuferin und üben Karateschläge an Plastikflaschen. Kichern, Kitzeln, Grimassen schneiden – dafür brauchen Kinder keine Worte. Gerne würden wir mit der Mutter quatschen, aber alle sind wir schüchtern und stecken in unseren Rollen fest: Wir sind Gäste, sie räumt unsere Gläser ab.


Nachts im finsteren Regenwald


Im Nationalpark Mulu Gunung fühlen wir uns noch mehr wie richtige Touristen. Mitten in diesem geschützten Stück Urwald bietet unser Hotel schamlosen Luxus: einen Pool mit Cocktailbar, eine stets gekühlte Minibar und frische Waffeln zum Frühstück. Dabei sind wir doch nur wegen der Fledermäuse da, die in der Dämmerung angeblich zu Millionen aus Südostasiens größter Höhle schwärmen und auf Moskitojagd gehen.

Es ist eine kindgerechte Wanderung dahin: Hand in Hand laufen Aaron und Levi über Holzplanken durch den Dschungel, spielen Verstecken hinter riesigen Farnblättern und hängen sich an Lianen. Blau und grün schillernde, handtellergroße Schmetterlinge torkeln wie betrunken um die Blüten der Wildbananen. Immer wieder flattern Fledermäuse wenige Zentimeter an unseren Köpfen vorbei.

Die Szenarien unseres Reiseführers treten nicht ein: Nur wenige Fledermaus-Schwärme wagen sich in den Nieselregen und schwirren als schwarze Gespenster hoch über uns hinweg. Das entlockt den Erwachsenen „Ahs“ und „Ohs“, den Kindern ist schnell langweilig.

Dafür finden wir in den tausend Schattierungen des Urwalds ein anderes Tier: „Da ist ein Chamäleon“, flüstert Levi, so leise Vierjährige flüstern können. Die grüne Echse sitzt unbeeindruckt im Schein der Taschenlampe und lässt sich betrachten.


Auch die Finsternis der unzähligen Höhlen von Mulu birgt Überraschungen. Ihre hunderttausende Jahre alten Kalksteinformationen sind Kunstwerke des Zufalls: Einige sehen wie Elefanten, Adler oder Affen aus, andere könnten menschliche Gesichter sein. Unser Höhlenführer Stan zeigt uns perfekt angepasste Tiere dieses kargen Ökosystems: durchsichtige Krebse, kannibalische Fliegenarten oder kopfüber hängende Fledermäuse und ihre Babys, die sich sogar schlafend im Fell der Eltern festkrallen. 

Das Leben in der Sippe ist normal auf Borneo, auch für die Menschen: „Unsere ganze Familie wohnt zusammen in einem Langhaus“, erzählt Stan. In solchen hölzernen Pfahlbauten – aber auch in modernen Betonhäusern – leben manchmal hunderte Verwandte unter einem einzigen langen Dach.


Ein Bett im Reisfeld


Für Touristen gibt in vielen Regionen von Borneo geführte Tagestouren zu Langhäusern, in denen kostümierte Bewohner traditionelle Tänze aufführen und wo die Besucher mit dem Bambus-Blasrohr einige Pfeile schießen dürfen. Aber wir wollen nicht derartig bespaßt werden. Ich lese, natürlich in unserem Reiseführer, dass man im Kelabit Hochland nahe der indonesischen Grenze noch viele private Langhäuser findet. Hier erlebe man den Alltag der Menschen noch relativ unverfälscht, da kaum Touristen den Weg dorthin auf sich nehmen.

Klingt gut! Wir schreiben einer kleinen Familie im Dorf Bario, ob wir in ihrem Langhaus Platz finden werden. Erst seit wenigen Jahren führt überhaupt eine Holzfällerstraße in diesen versteckten Winkel Borneos, eine rumpelnde Tagesreise lang. Menschen und Waren kommen deshalb vor allem mit einem winzigen Propellerflugzeug ins Hochland. „Da kann man ja dem Piloten zuschauen!“, jubelt Aaron, als wir in der Industriestadt Miri so eine Twin-Otter-Maschine besteigen. Es ist kein Flugzeug für Ängstliche. Die ganze Zeit fliegen wir tief und schauen auf scheinbar endlose Palmölfelder, angelegt in einem akkuraten Raster aus staubig-roten Erntewege. Plötzlich wuchert wieder Regenwald, das Land wird hügelig und Menschen haben in all das Grün ein paar Straßen, Häuser und eine Landebahn gebaut: Willkommen in Bario.


Die Dänin Tine und ihr einheimischer Mann Stephen holen uns mit ihrem vier Jahre alten Sohn Noah vom kleinen Flughafen ab. Aaron und Levi legen sofort jede Schüchternheit ab: Sie dürfen auf der Ladefläche des Pick-ups mitfahren. Das Langhaus steht auf einem Hügel; vom offenen Wohnraum aus blickt man über Reisfelder, auf bunte Holzhäuser und bewaldete Bergzüge. Stephen ist Künstler und hat die gehobelten Planken mit seinen indigenen Malereien behängt. Auch die Kinder fühlen sich wohl, weil Noah seine Spielsachen mit ihnen teilt. „Er hat sogar Lego“, freut sich Aaron und Levi schaufelt mit seinem Gastbruder gleich ein tiefes Loch in die rote Erde des Gartens.


Familie mit Garantie


Später rennen sie wie alte Freunde durch die leere Empfangshalle im ältesten Langhaus von Bario. An den Wänden hängen die Porträts der ehemaligen Bewohner: Verblichene Schwarz-Weiß-Fotos zeigen selbst Kleinkinder mit schwer behängten Ohren. „Nur einige Dorfälteste haben noch lange Ohrläppchen“, sagt Tine dazu. Die Jungen tragen moderne Kleidung und viele arbeiten oder studieren in Malaysias großen Städten. Zurück bleiben die Alten: Im großen Wohnraum liegt eine abgemagerte Greisin in ihrem Krankenbett. Auf Zehenspitzen schleichen wir vorbei. „Alle pflegen sie gemeinsam “, flüstert Tine. Familie bedeutet hier Verantwortung, aber auch, dass man immer einen Platz im Langhaus hat.


Das abendliche Festmahl bei unseren Gastgebern beweist es. Borneos Staatssekretär, ein Cousin von Stephen, ist zu Besuch in der Heimat. Auf dem Tisch drängen sich Schüsseln mit dem guten Bario-Reis, Büffelfleisch, Reheintopf, gebratenem Fisch, gekochten Wurzeln, Farnsalat und natürlich Ananas. Ich bin nervös, wie sich unsere Rabauken bei diesem Essen wohl benehmen werden. „Papa, bitte noch mehr Büffel“, ist jedoch alles, was Levi nach diesem Tag herausbringt. Und niemanden stört es, dass Juno Reis auf der Tischdecke verteilt.

Bei den anderen Gästen gelten wir fast als Helden, weil wir mit Kindern so weit gereist sind. „Meine Mutter ist Chinesin, die würde das bei ihren Enkeln niemals erlauben“, versichert uns eine junge Frau aus Kuala Lumpur, der Hauptstadt in Festland-Malaysia.

Als die Kinder längst schlafen, können wir uns stundenlang nicht vom großen Tisch losreißen. Wir erzählen, wir lachen und vergessen, dass um fünf schon wieder der Hahn krähen wird.


Als ich mich im Morgengrauen mit kaltem Wasser aus dem Eimer wasche, denke ich belustigt an unsere Badewanne daheim in Tirol. Sie ist Welten entfernt und doch fühle ich mich hier in diesem Langhaus auf Borneo seltsam zuhause. Ich fasse einen Entschluss: Wir werden auf Reisen künftig öfter bei Einheimischen übernachten. Das ist zwar selten so komfortabel wie ein Strandresort oder ein Hotelzimmer mit Pool. Aber aus Bario nehmen wir Erfahrungen mit, die im Reiseführer nie beschrieben waren.