Randi Häussler

Hörfunk- und Fernsehjournalistin

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Radio-Beitrag

Die Mückenflüsterin

DRadio Wissen – Sie sind Schwedens Plagegeister Nummer 1 - Mücken. Der erste Reflex beim Surren einer Mücke ist bei den allermeisten Menschen: Zuhauen. Nicht so bei Emma Åhlen. Die Schwedin sammelt Mückenlarven und verkauft die geschlüpften Mücken dann für wahrscheinlich gutes Geld an die Pharma-Industrie.

Atmo: Stapfen

Emma Åhlen und ich stapfen über eine sumpfige Wiese in Nordschweden – 50 Kilometer nördlich der Stadt Umeå hat sie ihr Revier. An den Füssen Gummistiefel, in der Hand Eimer und Kescher, nähert sich Emma einem kleinen Graben, in dem dunkles Wasser steht.

Atmo: Kescher

OTON 1 EMMA Die Mücken, auf die ich es abgesehen habe, heißen skogsmyggor – Waldmücken. Die lateinische Bezeichnung für die Art ist „Aedes“. Die Weibchen legen ihre Eier an Orte, wo nur zeitweise Wasser steht – wenn die ausgetrocknet sind im Sommer. Im Frühling dann schlüpfen die Larven aus den Eiern, wenn der Schnee geschmolzen und das Wasser warm genug geworden ist. Sie schlüpfen also früh im Jahr, sie sind es, die uns nerven, wenn wir zur Mittsommerzeit abends draußen sitzen wollen.

Atmo: Kescher

Emma zieht den Kescher sachte durch das Wasser. Nahe der Oberfläche schweben die Mückenlarven – schwarze, wenige Millimeter große Kügelchen mit einem kleinen Schwanz.
In Emmas Kescher bildet sich bald ein dunkles Knäuel. Sie fischt mit der Hand Gras und kleine Zweige heraus und lässt die Larven dann in den Eimer plumpsen, den sie vorher mit Wasser aus dem Graben gefüllt hat. Sofort löst sich das Knäuel in viele, viele kleine schwarze Punkte auf, die munter im Wasser herum zucken. Etwa 40 unterschiedliche Mückenarten gibt es in Schweden.

OTON 2 EMMA Nur wenige Arten existieren zeitgleich nebeneinander in demselben Graben, hier in Nordschweden. Und wenn ich so in den Eimer gucke, kann ich mit bloßem Auge sehen, dass die hier alle dieselbe Art sind. Später nehme ich dann aber eine Stichprobe raus und schaue mir sie unter der Lupe an.

Nach 10 Jahren im Geschäft kennt Emma, die aquatische Biologie studiert hat, sich aus – kann anhand der winzig kleinen Härchen am Kopf der Larven erkennen, ob es „ihre“ Mücken sind. Wenn sie am Ende der Saison etwa ein Kilo getrocknete Waldmücken an ein Pharma-Unternehmen verkauft, garantiert Emma 95-prozentige Reinheit.
Die Pharmaindustrie braucht Emmas Mücken, genauer gesagt ein Protein in den Speicheldrüsen der Insekten, um Allergietests und einen Impfstoff gegen Mückenallergie herzustellen.

ATMO: anderes Stapfen

Den Großteil des Jahres arbeitet Emma mit ihrem Mann in der gemeinsamen Firma – sie produzieren Pfeifen, mit denen bei der Jagd Wild angelockt wird. Im Frühsommer aber klinkt sich Emma wegen der Mücken für ein paar Wochen aus.

OTON EMMA 3 Wenn ich Anfang Mai loslege, dann macht es total viel Spaß. Es ist so schön draußen, die Sonne scheint und man kann kleine Eidechsen durchs Gras laufen sehen – alles ist so harmonisch. Und wenn ich dann so Mitte Juni alles wegräume, dann hab ich bis zum nächsten Jahr die Nase so voll von Mücken.
Wie viel Geld sie für das Kilo Mücken kassiert, will Emma nicht sagen. In jedem Fall bekommt sie:

OTON EMMA 4 Mückenstiche! (lacht)

Während wir zum Auto zurückgehen, landet die eine oder andere Mücke in Emmas Gesicht. Emma bleibt völlig ungerührt, während ich sie sofort wegwedeln möchte. Obwohl es noch nicht mal mein eigenes Gesicht ist. Das habe ich unter einem Hut mit Mückennetz verborgen.
Auf einem alten Hof in der Nähe der Mückengräben gießt Emma das Wasser mit den Mückenlarven aus dem Eimer in eine Plastikwanne und trägt sie in eine Baracke.

ATMO: Tür fällt ins Schloss.

ATMO: Baracke, „Shit altså! Ojojoj...”

Tausende, wenn nicht gar Millionen Mücken sitzen an den hellen Wänden. Emma stellt die Wanne auf eines der Regale, die in der Mitte des Raumes stehen. Zwischen unzählige andere Gefäße. Bald werden die Mücken aus den Larven schlüpfen und hoch fliegen.

ATMO: Mückensurren

Emma nähert sich mit einem Staubsauger den Mücken an den Wänden.

ATMO: Staubsauger

OTON EMMA 5 Nachdem ich die Mücken aufgesaugt habe, kommt der Beutel in den Gefrierschrank. Dort sterben sie, und dort hebe ich sie auf, bis ich sie zum Trocknen raushole.

ATMO: Pusten

Mücken bevölkern die Hand, mit der ich das Mikrophon halte. Ein paar haben zugestochen.
Es gibt auch Leute, denen bereitet der Gedanke an so viele Mücken geradezu sadistische Freude, erzählt Emma. Einmal hätten ein paar Männer angerufen, die einen Junggesellenabschied planten.

OTON 8 EMMA Sie wollten draußen sitzen und Bier trinken, während ihr Kumpel hier drinnen halbnackt bei den Mücken sitzen sollte. Keine besonders gute Idee.

Selbst wenn Emma partout nicht damit rausrücken will, was sie mit den Mücken verdient – ein weiteres Nebengewerbe wie z.B. Mückenbäder bei Junggesellenabschieden hat sie offenbar nicht nötig.

http://dradiowissen.de/beitrag/schweden-biologin-verkauft-muecken-an-pharmaindustrie