1 Abo und 1 Abonnent
Radio-Beitrag

Verlassene Kinder, starke Mädchen. Neue TV-Dokumentation über Astrid Lindgren.

NDR – Vieles ist schon über Astrid Lindgren gesagt worden – es gibt unzählige Biografien und Fernsehdokumentationen über die weltberühmte schwedische Kinderbuchautorin. Häufig befassen sie sich mit einer Episode aus Astrid Lindgrens Leben, zum Beispiel ihrer glücklichen Kindheit im småländischen Vimmerby. Nun gibt es aber eine neue Filmdokumentation über Astrid Lindgren, die deren ganzes Leben umfasst. Der Film ist auch deswegen so bemerkenswert, weil er ein bislang wenig bekanntes, ganz frühes Leid in Astrid Lindgrens Leben beleuchtet, nämlich, dass sie mit gerade mal 19 Jahren ein uneheliches Kind zur Welt brachte. Ein Umstand, der Leben und Werk der Autorin nachhaltig beeinflusst hat.

Atmo: Filmmusik

Es ist das Jahr 1926, bald ist Weihnachten. Eine junge Schwedin reist hochschwanger nach Kopenhagen, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen. Die junge Frau ist Astrid Anna Emilia Ericsson, aus Vimmerby in Småland. Gerade mal 19 Jahre alt ist sie.
Vater des Kindes ist der Chefredakteur der Zeitung in Astrids Heimatstadt, Astrid arbeitet bei der Zeitung. Fast 50 ist er, verheiratet, Vater von sieben Kindern. Er war verliebt in Astrid, und ihr schmeichelte das, erzählt sie viele Jahre später. Aber geliebt habe sie ihn nicht.

O-Ton AL: Er wollte mich heiraten. Aber da dachte ich: Nie im Leben. Lieber wollte ich das Kind für mich allein.

Also ein uneheliches Kind. Das war damals ohnehin eine Schande, und die tiefe Religiosität der Eltern machte die Sache nicht leichter. Astrids Vater war zudem in der Kirche aktiv – er war nicht irgendwer im Ort. Als Astrid ihnen von der Schwangerschaft erzählt, sind die Eltern geschockt. Auch der Vater des Kindes setzt sie unter Druck: seine Frau hat ihn wegen Hurerei angezeigt. Sein Ruf und sein Geld stehen auf dem Spiel.
Astrid beugt sich den Umständen: weit weg, in Dänemark, kann sie anonym gebären. Und: sie lässt ihr Kind dort zurück, der kleine Lasse bleibt bei einer Pflegemutter.

O-Ton AL: „Ich habe Lasse nicht gestillt, und darüber bin ich bis heute verzweifelt, wenn ich daran denke. Wenn ich damals an Weihnachten nicht nach Hause gekommen wäre, nur weil ich meinen Sohn stillen wollte - das wäre für meine Eltern sehr schwierig geworden – was hätten sie den Leuten sagen sollen, weshalb ich nicht nach Hause kam. In meiner Einfalt habe ich es also so gemacht, und das war sehr dumm von mir.

Erst fast fünf Jahre später, als Astrid bei der Arbeit Sture Lindgren kennenlernt und sie heiraten, kann sie ihren Sohn endlich zu sich holen.
Zwei Jahre lang hat die Filmemacherin Kristina Lindström Berge von Material gesichtet. Historisches Filmmaterial, Interviews. Sie hat unzählige Briefe gelesen, Tagebucheinträge. Bis sich aus den vielen kleinen Einzelteilen ein großes Bild ergab:

O-Ton Kristina: Im Film geht es letztlich um moderne Frauengeschichte des 20. Jahrhunderts. Astrid ist als junge Frau stark von ihrer Zeit geprägt, von den gesellschaftlichen Werten und Konventionen. Sie bricht mit ihnen und hat damit stark zu kämpfen.

Kristina Lindström entwickelt in ihrem Film das Bild einer Frau, deren Leben anfangs auf schmerzliche Weise von ihrer Zeit geformt wird.

O-Ton Kristina: Später im Leben ist sie dann diejenige, die die Zeit prägt. Astrid wird zum Synonym für unsere Zeit, dafür, wie wir Schweden unsere Gesellschaft, unsere Welt definieren.

Astrid Lindgren wird mit den Jahren immer mehr zur Anwältin für die Schwachen: Kinderrechte sind ihre Herzensfrage. 1978, als es in Deutschland noch erlaubt ist, Kinder zu schlagen, nimmt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels mit einem Appel für die gewaltfreie Erziehung entgegen:

O-Ton AL-Rede (deutsch): „Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang.“

Das Verhältnis zu ihrem eigenen Sohn ist schwierig. Dem Jungen fällt es schwer, seinen Platz im Leben zu finden. Als Erwachsener beginnt Lasse zu trinken. Die Umstände seiner Geburt und der ersten Lebensjahre – unerbittlich ziehen sie sich durch das Leben von Mutter und Sohn.
Astrids persönliche Sekretärin erinnert sich:

O-Ton: Dieses Gefühl hat Astrid nie vergessen: wie es ist, einsam und schutzlos zu sein. Deswegen hatte sie so großes Verständnis für Menschen, die in Schwierigkeiten waren. Ihnen wollte sie helfen.

Auch Astrids Geschichten, so zeigt es das Filmporträt, sind deutlich durch ihr Leben geprägt. Ein Beispiel: „Mio, mein Mio“ – ein Junge, der bei Pflegeeltern groß wird und sich nach einem Vater sehnt.
Außerdem: Pippi Langstrumpf: Pippi ist stark, auf sich alleingestellt, humorvoll – und wehmütig.
Dass das frühe Leid in ihrem Leben letztlich auch zu ihrem großen Erfolg beigetragen hat, war Astrid Lindgren nur zu bewusst, erinnert sich im Film deren Nichte:

O-Ton Gunvor Runström: ”Als wir eines Abends mal zusammensaßen fragte ich Astrid: Welches Ereignis in deinem Leben hat dein Werk am stärksten beeinflusst? Da sagte sie: Ich glaube schon, dass ich Schriftstellerin geworden wäre, auch wenn das mit Lasse nicht geschehen wäre. Aber ich wäre keine berühmte Schriftstellerin geworden.“

http://www.ndr.de/wellenord/Ostseemagazin,audio227358.html