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Mein Vater, aus dem Land der Dichter und Denker

Rana quer

Mein Name ist Rana Deep Islam. Meine Mutter ist Deutsche. Genauer gesagt kommt sie aus dem Ruhrgebiet. Mein Vater ist Bengale. Sein Heimatland spielte in meinem bisherigen Leben keine besondere Rolle. Ich machte mein Abitur auf einem rheinischen Gymnasium, inklusive Schüleraustausch mit Paris und London.

Anschließend folgte ein Studium samt Doktorarbeit in den Politikwissenschaften. Als Kind der Erasmus-Generation führten mich Studienaufenthalte nach Frankreich und Belgien, zur Abwechslung auch mal in die USA. Südasien hingegen begegnete ich höchstens im Schulatlas oder im World Wide Web. Mein Vater hat über seine Herkunft nicht viel preisgegeben. Vielleicht lag das auch an dem gemeinsamen Wunsch meiner Eltern, dass die Kinder deutsch aufwachsen sollen. In meiner Ausdrucksweise und meinem Verhalten unterschied ich mich nie von meinen "biodeutschen" Freunden. Ich nehme an, das ist der Grund, warum mir der dämliche Spruch "Sie sprechen aber gut deutsch" zeitlebens erspart blieb.

Familiäre Verbindungen meines Vaters, die lange verschüttet schienen, traten eines Tages unerwartet wieder zum Vorschein. Das gab mir die Gelegenheit, sein Heimatland besser kennenzulernen und eine für mich bisher unbekannte Familiengeschichte neu zu entdecken. Bangladesch ist in vielerlei Hinsicht ein sehr "anderes" Land. Das gilt für ganz banale Sachen wie Klima und Kultur genauso wie für Themen des sozialen Miteinanders wie zum Beispiel Kommunikation, Freizeitgestaltung, Bildungswege oder Höflichkeitsformen. Ich bin daher jedes Mal mit einem Rucksack voller Eindrücke und Erfahrungen nach Deutschland zurückgekehrt.

Für die Freiheit der Sprache

Während meiner ersten Reise besuchten wir Shaheed Minar, ein nationales Denkmal in der Hauptstadt Dhaka. Es sieht ein bisschen aus wie eine überdimensionierte weiße Bushaltestelle. Ein Verwandter meines Vaters sagte mir plötzlich: "Dein Vater ist ein Freiheitskämpfer." Meine Antwort war zunächst ungläubiges Staunen. Im heimischen Wohnzimmer in Deutschland diskutierten wir alle möglichen politischen Themen: Entwicklungshilfe, Globalisierung, Irak-Krieg, der Arabische Frühling, Intifada in Nahost und so weiter. Nichts wurde ausgespart. Doch immer wenn es darum ging, den vielen Gesprächen auch die politische Aktion folgen zu lassen, blieb mein Vater merklich zurückhaltend. Umso schöner war es, inmitten des bengalischen Hauptstadtgetümmels eines besseren belehrt zu werden.

Die Hintergründe über den väterlichen Freiheitskampf reichen zurück bis in die späten 1940er Jahre. Bangladesch war damals Teil Pakistans, auch bekannt unter dem Namen Ostpakistan. Eine komische Konstruktion, wenn man bedenkt, dass beide Länder durch die imposant große Fläche des indischen Subkontinents getrennt waren. Muhammad Ali Jinnah, der Gründervater Pakistans, verkündete damals ein Gesetz, das Urdu zur alleinigen Landessprache gemacht, und damit auch das Bengali in Ostpakistan ersetzt hätte. Die Region Bengalens gilt als Land der Dichter und Denker. Die Sprache aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, kam also einem Affront gleich. Es regte sich Widerstand, der sich wie ein Lauffeuer verbreitete und rückblickend betrachtet zum nationalen Erweckungsmoment von Bangladesch wurde. Im Kern ging es um die Beibehaltung der bengalischen Sprache.

Der Widerstand nahm ab den 1950er Jahren richtig Fahrt auf. Mein Vater war damals 16 Jahre alt und besuchte die Horimohan-Schule im bengalischen Nawabganj. Er schloss sich den Protesten an, organisierte Demonstrationszüge und ließ Flugblätter drucken und verteilen. Von Parteiendemokratie war damals keine Rede. Bildungseinrichtungen, ob Schulen oder Universitäten, waren daher die Epizentren der politischen Auseinandersetzung.

Als Schulsprecher hatte mein Vater das Amt, die Autorität und die Möglichkeiten, den zivilen Ungehorsam zu organisieren. Seine wohl subversivste Tat war es, zwei Studenten Unterschlupf zu gewähren, die in Dhaka mit Haftbefehl gesucht wurden, weil sie sich als Rädelsführer der Sprachbewegung einen Namen gemacht hatten. Bei ihrer anschließenden Flucht in das benachbarte Indien konnte mein Vater seine örtlichen Kontakte spielen lassen, die ihnen den Grenzübertritt ermöglichten. Er leistete damit seinen ganz eigenen Beitrag zur sogenannten "Language Movement", die sich tief in das Kollektivgedächtnis des bengalischen Volkes eingebrannt hat. Der Bewegung zu Ehren erklärte die UNESCO im Jahre 1999 den 21. Februar zum Internationalen Tag der Muttersprache, um auf diese Weise für das Recht aller Völker auf sprachliche Selbstentfaltung aufmerksam zu machen.

Bei der Niederschlagung der Proteste durch pakistanische Sicherheitskräfte kamen mehrere Menschen ums Leben. Erst im Jahre 1956 beruhigte sich die Lage und Bengali wurde neben Urdu zur offiziellen Amtssprache Gesamtpakistans erklärt. Doch dann wandelte sich die Zielrichtung der Bewegung und mündete in einen Kampf für die bengalische Unabhängigkeit. Genau damit schien mein Vater zu fremdeln. Warum, sollte ich erst später verstehen.

Heimat und Heimatstaat sind sehr unterschiedliche Dinge

Das komplexe Wirrwarr nationaler Identitätsbildung zeigt sich nur selten deutlicher als in diesem Teil Südasiens. Allein die regionale Eingrenzung fällt schwer. Denn der Kulturraum Bengalens ist nicht identisch mit den nationalen Grenzen der Volksrepublik Bangladesch. Hinzu kommt nämlich der indische Bundesstaat Westbengalen, bekannt für seine Megastadt Kalkutta. Mein Vater war damals im wahrsten Sinne des Wortes ein "Grenzgänger". Je nach Lebensabschnitt bewegte er sich wie ein Springer von einer bengalischen Stadt zur nächsten, unabhängig davon ob sich dieser Ort auf dem Territorium von Indien oder Bangladesch befand.

Die Grenze zwischen den beiden Staaten, die heute eine gefährliche Hochsicherheitszone bildet, war vor 60 Jahren aber auch viel durchlässiger. So begann er die Schule im indischen Lalgola. Wegen religiöser Unruhen zwischen Hindus und Muslimen ging es für ein Schuljahr ins bengalische Rajshahi. Das College absolvierte er in Bohrompur um anschließend an der Universität Kalkutta Physiologie zu studieren. Zwischendurch arbeitete er in einer Seidenmanufaktur in Bangladesch, um Geld für die Studiengebühren zu verdienen.

Mein Vater ist ein gutes Beispiel dafür, dass Heimat und Heimatstaat sehr unterschiedliche Dinge sein können. Die eigentliche Grenzziehung zwischen Indien und Bangladesch empfand er daher als biografischen Zufall. Er wuchs auf indischem Boden auf. Doch nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Seite des Grenzflusses wohnten Freunde und Verwandte auf dem Gebiet vom heutigen Bangladesch. Nationalität verblasste vor diesem Hintergrund zu einer Laune der Politik, ein abstraktes Konstrukt, das in den Hauptstädten verhandelt wurde mit den Lebenswirklichkeiten in den Dörfern aber nicht unbedingt übereinstimmte.

Denn die Bewältigung des Alltags bot wenig Raum für theoretische Fragen der nationalen Zugehörigkeit: Die Felder bestellen, hoffen auf ausreichende Ernte, um die Familie durchzubringen, Geld für Schule und Studium beiseitelegen, den Schulweg von acht Kilometern bei Schlamm und Geröll zurücklegen, mit den Auswirkungen des jährlichen Monsuns fertig werden und bei alledem darauf achten, dass man gesund bleibt und sich beispielsweise keine heimtückische Malaria einfängt.

In Anbetracht dieser rudimentären und grundlegenden Notwendigkeiten ist es herzlich egal, ob die Menschen nun ein indisches oder ein bengalisches Ausweisdokument vorweisen. Mein Vater erzählte daher, dass aufgrund dieser existenziellen Fragen und der sprachlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten der Bengalen das gemeinschaftliche Miteinander letztlich dann doch wichtiger war als die Frage nationaler Identität. Oder anders gesagt: "Entschieden wird auf'm Platz." Die Worte stammen von Lukas Podolski, ein Mann der seine ganz eigenen Erfahrungen als Grenzgänger zwischen zwei Ländern gemacht hat. Treffender könnte man es nicht auf den Punkt bringen, dass die Umstände vor Ort ausschlaggebend sind, und nicht etwa das ferne Drumherum.

Der Maxime folgte auch mein Vater. Er wollte seine Energie und sein gesellschaftliches Engagement immer auf die Angelegenheiten lenken, die er zu ändern im Stande war. Genau darin liegt für mich die Antwort, warum er voller Elan die "Language Movement" unterstützte, die nationale Unabhängigkeit der bengalischen Volksrepublik jedoch nur aus der zweiten Reihe verfolgte. Denn im Gegensatz zur Farbe der Flagge und der Melodie der Hymne ist die Sprache ein täglicher und damit unabdingbarer Begleiter.

Die perfide Logik der nationalen Parolen

Mein letzter Aufenthalt in Bangladesch liegt nun einige Wochen zurück. Ich stelle mir die Frage, was ich von dort mitnehme. Was hat mich das Land gelehrt jenseits von Überbevölkerung, Armut, Klimawandel und Umweltverschmutzung? Gibt es für mich eine tieferliegende Erkenntnis, die über das klassische Thema der Entwicklungspolitik hinausgeht? Nun, da wäre zum einen das Bild über den eigenen Vater. Wer kann schon behaupten, dass er der Sohn eines Freiheitskämpfers ist? Mein Vater hat den Zusammenbruch des britischen Kolonialreichs hautnah miterlebt. Ich werde unsere Gespräche am heimischen Wohnzimmertisch von jetzt an als kostenfreien Geschichtsunterricht begreifen.

Abseits familiärer Nostalgie hat mir die Reise in das Land meines Vaters eine weitere Lektion mit auf den Weg gegeben, die mich auch mein Leben in Deutschland nun mit anderen Augen sehen lässt. Die Frage von Nation, Heimat und Identität, die mein Vater in den 1950er Jahren in Südasien miterlebt und mitgestaltet hat, ist nicht minder aktuell in der Bundesrepublik des 21. Jahrhunderts. Denn auch im vermeintlich post-modernen Deutschland feiert der Nationenkult ein Revival. Doch immer da, wo einer nationalen Gemeinschaft gehuldigt wird, dauert es nicht lange bis der Finger auf diejenigen zeigt, die nicht dazugehören dürfen.

Die Mär von raffgierigen Flüchtlingen und Zuwanderern, welche die deutschen Sozialkassen plündern, gehört längst wieder zum Werkzeugkasten des politischen Handwerks. Das Propagieren von äußeren Feindbildern und der Appell an die niederen, nationalen Instinkte haben an Wirksamkeit nicht eingebüßt. Unabhängig von Zeit und Raum scheinen die Mechanismen nationaler Identitätsbildung über Jahrhunderte hinweg an den entlegensten Winkeln dieses Planeten zu funktionieren, ob in Deutschland oder Bangladesch.

Das Tragische ist nur, dass sich nationale Antworten nicht selten als Trugbilder entpuppen, die an den wirklichen Problemen der Menschen vorbeigehen. Denn die vermeintliche nationale Schicksalsgemeinschaft darf nicht mit den Schicksalen von Menschen verwechselt werden. Mein Vater hat diesen Unterschied zu seiner Zeit in seiner Heimat erfahren und sich daher zeitlebens von blinder Staatshörigkeit ferngehalten.

Auch in Deutschland fallen nationale Allgemeinplätze wie ein Kartenhaus zusammen, wenn hinter ihre glänzende Fassade geblickt wird: Die Schere zwischen Arm und Reich wächst so rasant wie in keinem anderen OECD-Staat, Asylbewerber hausieren unter miserabelsten Umständen, Kinderarmut ist kein Fremdwort, Prekariat schon lange nicht und das Schulsystem produziert Bildungsverlierer am Fließband, deren Hartz-4-Biographien durch den Übergang auf die weiterführende Schule viel zu oft besiegelt zu sein scheinen. Ja, Deutschland ist Export- und Fußballweltmeister. Aber das gebetsmühlenartige Wiederholen dieser plakativen Zuschreibungen löst nicht die Probleme der 99 Prozent in diesem Land, für die der Besuch eines WM-Finales genau so unerschwinglich bleibt wie ein Neuwagen. Diese Lebenswirklichkeiten dürfen nicht im Getöse des Deutschland-Jubels untergehen, so verführerisch es auch sein mag, den nationalen Apologeten auf den Leim zu gehen.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte meines Vaters hat mich in dieser Sichtweise bestärkt. Seine Skepsis gegenüber nationalen Phrasen ist mir ein wichtiger Kompass geworden. Und auch wenn mir die Herkunft meines Vaters lange Zeit verborgen blieb, so ist es schön zu wissen, wer mir meine gesellschaftlichen Überzeugungen auf den Lebensweg gegeben hat: Mein Vater, aus dem Land der Dichter und Denker.

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