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Ein Abschiedsbrief: Mach's gut, Europa!

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Der Küchentisch war immer der wichtigste Ort in unserer Wohnung. Hier saßen wir jeden Abend, aßen Brokkoli-Möhren-Gemüse mit Tandorigewürzmischung, eine dieser deutsch-indischen Kombinationen, die meine Mutter so gerne zubereitete, und redeten: über das nächste Urlaubsziel, die verhauene Mathe-Klausur, über Politik und über Geschichte. Meine Mutter kommt aus dem Ruhrpott, mein Vater aus Indien. Sie lernten sich im Krankenhaus kennen. Die Humboldt-Stiftung ermöglichte meinem Vater, seine Tätigkeit als Physiologe in Bochum fortzusetzen. Meine Mutter arbeitete dort als medizinisch-technische Assistentin. Von meiner Mutter erfuhr ich, was ein Luftschutzbunker ist, wie im zweiten Weltkrieg Sirenen heulten und Kampfflugzeuge im Tiefflug über ihr Wohnhaus donnerten. Mein Vater hingegen hatte im Indien der 50er-Jahre der Schule fernbleiben müssen, weil religiöse Brandstifter Muslime und Hindus aufeinanderhetzten und der Direktor sagte, er könne nicht mehr für seine Sicherheit an der überwiegend von Hindus besuchten Schule garantieren. Zwei Lehren habe ich aus den vielen Gesprächen mit meinen Eltern ziehen können. Erstens: Übertriebener Nationalismus und religiöser Fanatismus führen zwangsläufig in die Katastrophe, egal wo auf der Welt. Zweitens: Eine Gesellschaft wird danach beurteilt, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht.Eines Abends, es muss Mitte der 90er-Jahre gewesen sein, flimmerten die Bilder eines europäischen Gipfels über den Bildschirm, und nach dem Essen räsonierte mein Vater über die europäische Integration. Ich erinnere mich, wie er von Europa als Zukunftsprojekt schwärmte, als einem Beispiel für gelungene Völkerverständigung und Toleranz, das weltweit noch viele Nachahmer finden werde. Mir gefiel die Idee sofort. Sie schien mir das Gegenbild zu dem zu sein, was meine Eltern in ihren Kindheitsjahren erlebt hatten. Eine Gruppe von Staaten kommt zusammen, um den Auswüchsen des Nationalismus ein für alle Mal abzuschwören. Nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts soll die Grundlage dieser Staatenfamilie sein. Auch das europäische Versprechen, dass kein Bürger wegen Geschlecht, Glaube oder Hautfarbe diskriminiert werden dürfe, hat mir sofort zugesagt.Meine Eltern, mein Bruder, meine Schwester und ich wohnten in einer Eigenheimsiedlung einer rheinländischen Kleinstadt. Wir hatten ein Haus, ein Auto, einen Hund, wir lebten nicht anders als unsere Nachbarn, die sonntags ihr Auto polierten und die Hecke stutzten, trotzdem fielen wir auf; eine deutsche Frau, verheiratet mit einem dunkelhäutigen Inder, und drei Kinder mit karamellfarbenem Teint. Wenn wir in unserem Mercedes Benz aus der Garage rollten, guckten uns die Leute hinterher. Ethnische Vielfalt gab es sonst nur im nahegelegenen Asylantenheim.Glücklicherweise wurde ich nie Opfer fremdenfeindlicher Gewalt oder irgendwelcher Anfeindungen. Dennoch habe ich frühzeitig gelernt, was es heißt, anders zu sein. Ich war der Einzige in meiner Klasse, der nicht am Religionsunterricht teilnahm. Wir feierten zu Hause auch nicht Weihnachten oder Ostern. Meine Geschwister und ich wurden nicht religiös erzogen, eine Entscheidung meiner Eltern, für die ich ihnen bis heute sehr dankbar bin.In der europäischen Idee erkannte ich das wieder, was meine Mutter und mein Vater mir mit auf meinen Lebensweg gaben: Entscheidend ist, was ein Mensch bereit ist, für eine Gesellschaft zu leisten. Oder in anderen Worten: Aufstieg durch Bildung und nicht etwa durch Herkunft. Ein bisschen war das für mich wie der Amerikanische Traum. Halt nur europäisch.Den Geschichtsunterricht sah ich von da an mit anderen Augen. Ich fing an, mich für die Eckdaten der europäischen Integration zu interessieren. Adenauers Westbindung, Brandts Kniefall in Warschau, Kohl und Mitterrand vereint in Verdun. Das war für mich Pathos und Emotion, damit konnte ich mich identifizieren. Je mehr ich las, desto mehr Begeisterung empfand ich für dieses Zusammenwachsen der europäischen Völker. Und auch persönlich kam ich bald in dessen Genuss. Meine Schule hatte zahlreiche Partnerschulen in anderen Städten und bot Austauschprogramme an, so kam ich nach London und Paris. Mein Bruder besuchte eine englische Universität, und meine Schwester absolvierte ein Auslandssemester in Spanien. Grenzenloses Studieren in einem geeinten Europa. Das hatte für mich etwas von Highwayromantik, die ich aus amerikanischen Roadmovies kannte. Ich brauchte nur noch meinen Schulabschluss, dann würde ein ganzer Kontinent nur darauf warten, von mir entdeckt zu werden.Als ich 16 war und im Kosovo Deportationszüge fuhren, erinnerte das an eine Zeit, die längst vergangen zu sein schien. Das entschlossene Eingreifen der Europäer an der Seite ihrer amerikanischen Partner war für mich Beleg für die universelle Geltung der Menschenrechte. Ein Völkermord durfte und sollte sich nicht mehr wiederholen. Diese Botschaft redete ich mir zumindest ein.Auch innenpolitisch ging es hoch her. Roland Koch betrieb mit seiner Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft einen Wahlkampf auf dem Rücken vieler Ausländer, und Jürgen Rüttgers verkündete lauthals, dass Nordrhein-Westfalen mehr Kinder statt Inder benötige - ein Slogan, mit dem mich meine Freunde gerne aufzogen, ich lachte darüber. Fast alle europäischen Staaten wurden in dieser Zeit von links-liberalen Parteien regiert, die sich gesellschaftliche Reformprogramme auf die Fahnen geschrieben hatten, Deutschland eingeschlossen. Es konnte sich nur noch um eine Frage der Zeit handeln, bis auch das konservative Lager nicht länger Vorurteile schüren und endlich in der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ankommen würde. Als die deutschen Christdemokraten zum ersten Mal zugaben, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland sei, passte das für mich nur zu gut ins Bild. Das harmonische Zusammenleben von unterschiedlichen Kulturen wird sich schon in den Köpfen aller Menschen durchsetzen, dachte ich. Um meinen eigenen Beitrag an einer solchen Entwicklung zu leisten, fing ich an, mich in Vereinen zu engagieren, die gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit eintraten.Eines Tages stellte mir mein Bruder die Frage, ob ich denn glaube, dass Europa nach wie vor so offen und tolerant sein werde, sollte es auf dem Kontinent einmal wirtschaftlich bergab gehen. Ich verwarf diesen Gedanken schnell, er kam mir vor wie eine Mahnung aus einer anderen Welt. Das europäische Projekt wird einen Rückfall in vergangene Zeiten nicht zulassen, so meine felsenfeste Überzeugung. Auch die erste von mir bewusst wahrgenommene europäische Krise, der Streit über den Irak-Krieg, konnte an meinem Europaenthusiasmus nichts ändern. Sicher: Ein tiefer Riss zog sich durch die Staatengemeinschaft der EU. Aber fast flächendeckend wurde ja in ganz Europa gegen ein militärisches Abenteuer im Nahen Osten demonstriert. Ich schloss mich in Berlin den Protestzügen an: kein Krieg im Irak. Europa war nicht nur ein Club von Spitzenpolitikern, sondern auch eine Gemeinschaft der Völker. Jürgen Habermas sah darin die Geburtsstunde einer europäischen Öffentlichkeit.In meinem Studium der Geschichte und Politikwissenschaften in Berlin, Straßburg und Bonn spezialisierte ich mich auf die deutsch-französischen Beziehungen. Für mich lag diese Themenwahl auf der Hand, bildeten beide Staaten doch den Kern der europäischen Integration. Nebenbei besuchte ich eine europäische Sommeruniversität im burgundischen Cluny. Wir organisierten Seminare, sangen Lieder und schrieben Reime über Europa. Ich dichtete:Die Sterne gelb auf blauem Grunddie bunten Flaggen sind nie weitsitzt man zusammen im Staatenbundund arbeitet in Einigkeit.Europa ist allein die Antwortdie den Weg nach vorne weistum zu sein ein sichrer Hortder Freunde und voll Friedensgeist.Mitte der 2000er Jahre absolvierte ich ein Masterstudium am College of Europe in Brügge. 400 Studenten aus ganz Europa büffelten gemeinsam europäische Gesetzestexte und ließen abends auf den legendären Campusfeiern die Korken knallen. Meine große Stunde schlug in der sogenannten Nationenwoche, in der sich jedes Land auf etwas lockere Art präsentieren sollte. Die Polen luden zur Wodka-Verkostung ein, die Italiener spielten eine Szene aus dem Paten nach, und ich war der deutsche Karnevalsbeauftragte und musste meine skeptischen Mitstudenten aus Bulgarien, Rumänien und Spanien überzeugen, sich zu verkleiden und das Gesicht anzumalen.Der Abend war ein großer Erfolg. Irgendwann fingen Gäste an, sich untereinander und wahllos Farbe und Konfetti ins Gesicht und die Haare zu schmieren. Zum ersten Mal in der 60-jährigen College-Geschichte weigerte sich das Reinigungspersonal, seinen Job zu verrichten und ich zog am nächsten Morgen selber mit Besen und Wischlappen los. Ich tat es gerne. Denn auch der Karneval war für mich letztlich nur ein weiterer Beweis, dass jeder Student seine ganz eigene kulturelle Vorprägung hatte und es wichtig war, andere daran teilhaben zu lassen, im Sinne der Völkerverständigung. Multikulti lebte. Zur Zeugnisübergabe erklang die Europahymne, Beethovens neunte Symphonie. Wir erhoben uns von unseren Stühlen.Mein rosarotes Bild eines geeinten Europas erhielt jedoch schon bald erste Risse. Als ich eine Zeit lang im Europäischen Parlament arbeitete, musste ich feststellen, dass die EU eben nicht nur eine schöne Idee, sondern auch ein ziemlicher Behördenapparat war, der sich mit Milchquoten, Fischbeständen und anderen Vorgaben beschäftigte, die dazu dienen sollen, die Landwirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten zu vereinheitlichen. Die europäischen Institutionen, merkte ich, waren sich untereinander spinnefeind. Mitarbeiter der Europäischen Kommission weigerten sich, Arbeitspapiere an die Referenten des Parlaments herauszugeben. Umgekehrt war es nicht besser. Die Personalauswahl war mir ein Rätsel. Ich erlebte, wie Kollegen mit schlechten Englisch- und Französischkenntnissen aufgrund ihrer Nationalität begehrte EU-Arbeitsverträge ergatterten, die Personalpolitik sah nun einmal die Erfüllung mitgliedsstaatlicher Quoten vor. Das Leistungsprinzip wurde dadurch völlig aus den Angeln gehoben. Hinzu kam eine Heerschar von Lobbyisten und sogenannten Politikberatern, die sich außerhalb der EU-Glaspaläste tummelten. Für sie war die europäische Integration ein großes Geschäft, das den Bedarf nach einer ganzen Bandbreite politischer Dienstleistungen hervorbrachte. Als einmal eine neue Recycling-Richtlinie beschlossen wurde, erlebte ich, wie eine deutsche Recycling-Firma über eine PR-Agentur versuchte, ihre Interessen bei den Parlamentariern durchzusetzen. Erst gab es ein nettes informelles Abendessen und dann ein wegweisendes Papier. Mit Überzeugung und hehren Idealen hatte das wenig zu tun. Manchmal erinnerte mich das, was ich in Brüssel erlebte, an Tierdokumentationen, in denen kleine Spatzen dem dicken Elefanten die Läuse vom Kopf picken. Auch viele meiner Freunde arbeiteten für diese Firmen. Und tun es heute noch. Sie verrichten ihre Arbeit gut und mit Überzeugung. Und ich würde niemals auf die Idee kommen, zu sagen, dass sie es nur für das Geld täten. Ich glaube auch, dass ein großer Koloss wie die Europäische Union solche Agenturen braucht, um selber effektiv und handlungsfähig zu bleiben. Bedenklich wird es meines Erachtens aber dann, wenn man vergisst, was das Große und Ganze eigentlich ist.Die EU erschien mir immer mehr wie ein großes schwarzes Loch. Einmal hineingefallen, fiel es immer schwerer, sich daran zu erinnern, wofür dieser ganze Behördenapparat eigentlich gegründet wurde. Ein bisschen kann man sich das wie unser Weihnachtsfest vorstellen. Geschenke ja, aber war da nicht noch was?Meine Zweifel wurden immer größer. Das Hadern der polnischen Regierung im Vorfeld des Lissabon-Vertrages nervte. Die maskottchenhaften Auftritte des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi fand ich einfach nur peinlich. Die Entscheidung der deutschen Bundesregierung, einen nicht europäisch versierten Ministerpräsidenten aus Baden-Württemberg in das Kommissarsamt nach Brüssel abzuschieben, bewirkte bei mir nur Kopfschütteln. Frankreichs Vorstoß, die europäische Reisefreiheit aufzuweichen, hinterließ Unverständnis, und die britischen Liberaldemokraten zeigen sich in der Regierungsverantwortung genauso europaskeptisch wie die etablierten Parteien von Tory und Labour. Wo sind die Vorbilder, die der europäischen Idee neues Leben einhauchen könnten? Die Entscheidungsträger in den Regierungszentralen treiben den Bürgern durch ihr nationalstaatliches Klein-Klein jegliche Lust an Europa aus. Wo sind die europäischen Schwergewichte, die auch in krisenhaften Zeiten entschlossene Führung beweisen? Die der europäischen Idee neues Leben einhauchen? Mir reicht es nicht, den Europa-Elogen der Pensionäre Helmut Kohl oder Joschka Fischer zuzuhören. Wo ist die aktuelle Politikergeneration, die sich nicht dafür zu schade ist, ihr eigenes politisches Schicksal in den Dienst der europäischen Sache zu stellen? Stattdessen diskutieren wir über den Fortbestand des Euro und fragen uns, ob südeuropäischen Arbeitern nicht der Urlaubsanspruch gekürzt werden solle. Das klingt geradezu so, als ob der griechische Busfahrer und die portugiesische Krankenschwester höchstpersönlich für die Finanzkrise ihrer Länder verantwortlich wären. Dass solch eine Europapolitik nationalstaatliche Vorurteile fördert, liegt auf der Hand.Man mag nun einwerfen: Vielleicht hat sich die EU gar nicht gewandelt, sondern ich bin es, der sich in seinen Endzwanzigern von naiven Idealen verabschiedet. In Anlehnung an einen oft zitierten Ausspruch würde es dann heißen: "Wer in seiner Jugend kein Europa-Enthusiast war, hat kein Herz, wer es im Alter noch immer ist, hat keinen Verstand." Damit gebe ich mich allerdings nicht zufrieden. Das Fass zum Überlaufen brachte nämlich eine Entwicklung, die gänzlich nichts mit altersbedingtem Realismus zu tun hat. Seit geraumer Zeit erleben wir, wie rechtspopulistische Parteien in ganz Europa auf dem Vormarsch sind, ja in einigen Ländern sogar an der Regierung beteiligt werden. Rechtsradikale Banden machen in Ungarn Menschenjagd auf Sinti und Roma. Eine freie Presse, die derartige Vorfälle skandalisieren könnte? Fehlanzeige. Die vierte Gewalt wurde in dem Land längst durch ein Knebelgesetz ruhiggestellt. Skandinavische Rechtspopulisten krakeelen nach strengeren Ausländergesetzen, als ob der Fortbestand des Staates von der Begrenzung der Zuwanderung abhinge. Dass die alternde Bevölkerung des Kontinents eben solche dringend benötigt, scheint sich bei einigen Politikern noch nicht herumgesprochen zu haben. Und die islamfeindlichen Hetztiraden eines Geert Wilders in den Niederlanden oder der Pro-Bewegungen in Deutschland wirken sehr befremdlich. In Anbetracht dessen mutet es bizarr an, dass nach wie vor über eine vermeintliche Islamisierung Europas diskutiert wird. Ich frage mich: Wer ist hier gerade im Begriff, sich zu radikalisieren? Obwohl ich gänzlich unreligiös bin, betrifft mich die Auseinandersetzung mit dem Islam auch persönlich. Wohl aufgrund meines Nachnamens komme ich nicht selten in die Situation, Menschen in meinem Umfeld erklären zu müssen, dass Muslime natürlich ein Recht darauf haben, ihren Glauben in Moscheen zu praktizieren. Das im Grundgesetz verankerte Recht auf freie Religionsausübung scheint für einige wohl nur selektiv zu gelten.Den eigentlichen Skandal und meines Erachtens den Dolchstoß für jeden übrig gebliebenen Funken Europaüberzeugung bildet die Lethargie, mit der die Politik es nicht vermag, auf diesen Rechtsruck zu reagieren. Wo bleibt der Aufschrei? Wo sind die Gipfel und Konferenzen, die sich dieser Entwicklung annehmen? Wann wird endlich verurteilt, was sich derzeit abspielt? Während ein Jörg Haider und seine Regierungsbeteiligung 1999 europaweit einen Sturm der Entrüstung entfachten, sehen wir heute in den Stimmenzuwächsen und der politischen Einbindung der rechten Parteien mehr den Regelfall denn die Ausnahme. Und rechtes Gesinnungsgut wird zum willkommenen Wählerpotenzial, das es zu umgarnen gilt. Die deutschen Sozialdemokraten tun sich schwer, einen ausländerfeindlichen Genossen aus ihren Reihen zu verbannen. Der Ausschluss könnte ja den Realoflügel der Partei verprellen. Und ein Nicolas Sarkozy fischt am rechten Rand und möchte die Chancen auf seine Wiederwahl ausgerechnet durch ein Burkaverbot beflügeln. Als ob es keine anderen Themen gäbe, mit denen der nationalen Politik besser gedient wäre. Toleranz, Weltoffenheit und Völkerverständigung haben derzeit einen schweren Stand. Ist es nicht bezeichnend, dass Dänemark eine Wiedereinführung der Grenzkontrollen angekündigt hat? Die Mauern werden im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern auch ganz plastisch in Form der Schlagbäume wieder hochgezogen. Die Staatenfamilie von einst löst in mir nur noch Schamgefühle aus. Wenn Europa ein Parteibuch wäre, ich würde es niederlegen.Leider ist die Sache aber nicht so leicht. Momentan hinterfrage ich vor allen Dingen meine eigene schulische und akademische Laufbahn. Insgesamt acht Jahre besuchte ich den Geschichtsunterricht auf dem Gymnasium. Weite Teile des Lehrplans behandelten Deutschlands nationalsozialistische Vergangenheit. Das Credo lautete "Wehret den Anfängen" - eine Aussage, für die es zu kämpfen lohnt. Aber tun wir das derzeit? Mein Engagement für europäische Organisationen, Arbeitskreise und Workshops - alles für die Katz? Was soll all dies gebracht haben, wenn wir Europäer in schlechten Zeiten so schnell wieder den alten nationalstaatlichen Reflexen verfallen? Die Worte meines Bruders von damals klingen plötzlich so richtig.Meine Eltern wohnen heute in Düsseldorf. Mein Vater ist 75, meine Mutter wird 70. Wenn ich sie besuche, und wir gemeinsam um den Küchentisch sitzen wie damals, berichte ich ihnen von meinen Sorgen, und mein Vater beruhigt mich. Die deutsche Gesellschaft, sagt er, sei heute so weit entwickelt, da komme es nicht so leicht zu einem Umschwung. Er ist gelassener geworden, wir sprechen mehr über Religion als früher. Von Europa redet er kaum noch. Er interessiert sich für Obama und die Revolutionen in der arabischen Welt.Ich promoviere inzwischen zum Thema europäische Außenpolitik und befinde mich gerade für einen Forschungsaufenthalt in Washington D. C. Hier besuche ich zahlreiche Veranstaltungen sogenannter Think Tanks. Das sind Institute, im Deutschen auch gerne Denkfabriken genannt, die versuchen, neue Konzepte für Politik und Gesellschaft zu entwickeln. Für die amerikanische Expertenwelt von besonderer Faszination ist dabei die wachsende Bedeutung von Ländern wie China, Brasilien, Indien und der Türkei. Auch dem arabischen Frühling, also den Reformbewegungen im Nahen Osten, wird in der amerikanischen Hauptstadt große Aufmerksamkeit gewidmet. Was auf den Podiumsdiskussionen und Konferenzen hingegen ausgespart wird, ist die Rolle der Europäischen Union. Manchmal hake ich nach und frage, wie die Referenten denn die Bedeutung Europas im Zusammenhang mit dieser oder jener Frage einschätzen würden. In der Regel ernte ich ein müdes Lächeln. Zwar wird bestätigt, dass die EU wichtig sei. Die Worte klingen aber mehr nach einer Höflichkeitsfloskel gegenüber dem deutschen Fragesteller denn nach politischer Überzeugung. Die Krise des alten Kontinents hat sich auch in anderen Teilen der Welt herumgesprochen. Von außen betrachtet, ist die EU derzeit nicht mehr als eine lame duck, wie der Amerikaner sagen würde.Vor zwei Wochen habe ich im Goethe-Institut in Washington den Eurovision Song Contest verfolgt. Es waren viele Deutsche da, aber auch Iren, Dänen und sogar zwei Aserbaidschaner. Alle haben ihrem jeweiligen Land die Daumen gedrückt, ich war natürlich für Lena. Aber am Ende haben wir uns alle zusammen über den Sieg Aserbaidschans gefreut und festgestellt, wie schön es ist, als Europäer in der amerikanischen Ferne zusammen zu sein. Darauf haben wir getrunken. Es war ein netter Abend, eine Musikveranstaltung. Mehr aber auch nicht.Vor meinen Studenten betone ich, dass es keine Alternative zu einer geeinten EU gibt. Feuer und Flamme bin ich bei diesen Worten aber nicht mehr. Mehr Spaß und Genugtuung bereitet mir mittlerweile die Arbeit in Integrationsprojekten. Es gibt zahlreiche Organisationen und Vereine, die Jugendliche mit Migrationshintergrund bei ihren Bemühungen um ein selbstbestimmtes Leben unterstützen. Dabei geht es oftmals um Kleinigkeiten wie Hausaufgabenhilfe, Rhetorikkurse oder Bewerbungstrainings. Toleranz, Selbstverwirklichung, Respekt gegenüber Andersdenkenden und Verständigung zwischen den Kulturen erfahre ich bei diesem Engagement ganz unmittelbar. Der Europagedanke, dem ich lange Zeit gefolgt bin, ist verblasst zu einer abstrakten Idee, von der ich mich emotional längst verabschiedet habe. Das ist zwar schade, aber: Europa, ich werde dich in guter Erinnerung behalten. Rana Deep Islam, 28, ist derzeit DAAD-Fellow am American Institute for Contemporary German Studies der Johns Hopkins University in Washington D. C. Er promoviert zum Thema europäische Außenpolitik.------------------------------Wo bleibt der Aufschrei? Wo sind die Gipfel, die sich dieser Entwicklung annehmen? Wenn Europa ein Parteibuch wäre, ich würde es niederlegen.

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