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Stromhandel sorgt für mehr Wegwerfstrom

Der vorliegende Entwurf des Monitoringberichts enthält sehr viele Zahlen. Am meisten interessieren die zu einem Thema, das immer wieder den Streit um die Energiewende anfacht: die Kosten, die im Stromnetz entstehen, um die schwankende Erzeugung der immer zahlreicheren Ökostrom-Anlagen auszugleichen.

Die Zusammenfassung im Bericht hört sich zunächst gut an. Danach sind die Kosten für die Stabilität des deutschen Stromnetzes von 1,48 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf 1,28 Milliarden Euro im Jahr 2019 gesunken, ein Rückgang von 13,5 Prozent. Aber: Für 2020 zeichne sich in den ersten drei Quartalen laut der Behörde ein Volumen "leicht über Vorjahresniveau" ab. Die Kosten seien in den ersten drei Quartalen 2020 um rund 5 Prozent gestiegen.

Diese Stabilitätskosten teilen sich im wesentlichen auf drei Arten von Maßnahmen auf. Die erste ist das sogenannte Redispatch. Das steht für das kurzfristige Hoch- oder Runterfahren eines Kraftwerks, um den Stromfluss an einer bestimmten Netzstelle stabil zu halten.

Zweiter Kostenverursacher sind die Kraftwerke der Netzreserve. Deren Eigner streichen schon für die bloße Verfügbarkeit ihrer eigentlich stillstehenden Anlagen Geld ein.

Dritter Kostenblock und der zumeist größte Aufreger ist das sogenannte Einspeisemanagement - ein missverständlicher Begriff, der schlicht bedeutet, dass Ökostromanlagen abgeschaltet werden und den Strom, den sie in der Zeit eigentlich geliefert hätten, bezahlt bekommen.

"Countertrading" belastet die Netze

Die Zahlen im aktuellen Monitoringbericht zeigen: Die Kosten für den Redispatch sind seit 2017 bis einschließlich der ersten drei Quartale 2020 stark gesunken. 2019 betrugen sie nur noch 227 Millionen Euro.

Hinzuzurechnen sind allerdings die Kosten spezieller Redispatch-Maßnahmen, die "Countertrading" heißen und seit 2019 stark ansteigen. Sie lagen in den ersten drei Quartalen 2020 bei 85 Millionen Euro und damit ein Drittel höher als im gesamten Jahr 2019 sowie doppelt so hoch wie 2018. "Der Anstieg lässt sich größtenteils auf die bilaterale Vereinbarung zwischen Deutschland und Dänemark zurückführen", erläutert die Behörde.

"Countertrading" bedeutet, Engpässe zwischen zwei Märkten, in denen Strom gehandelt wird, zu beheben, in diesem Fall zwischen dem deutschen und dem dänischen. Die Handelskapazität zwischen den beiden Ländern stieg von 700 Megawatt 2018 auf bis zu 1.300 Megawatt 2019, erklärt die Bundesnetzagentur. Anders gesagt: Weil mehr Strom gehandelt wurde, waren dort auch mehr Netzeingriffe nötig.

Die Kosten für Vorhaltung und gelegentlichen Betrieb der Reservekraftwerke sind seit 2017 ebenfalls stark zurückgegangen und 2020 auf ähnlichem Niveau wie 2019, als sie bei knapp 280 Millionen Euro lagen.

Aufwand fürs Einspeisemanagement gestiegen

Zugelegt hat hingegen der Aufwand beim Einspeisemanagement, dem Abschalten der Ökostromanlagen. 2019 gingen so fast 6.500 Gigawattstunden Strom verloren, ein Fünftel mehr als 2018. Mit dem 2019 "weggeworfenen" Ökostrom hätte Dresden zweieinhalb Jahre lang versorgt werden können. Die Erzeuger mussten mit 710 Millionen Euro entschädigt werden.

In den ersten drei Quartalen 2020 - also von Anfang Januar bis Ende September - wurden bereits knapp 4800 Gigawattstunden abgeregelt, für die 580 Millionen Euro bezahlt wurden. Zumindest bei den Kosten gibt es also aufs ganze Jahr hochgerechnet weiterhin einen erheblichen Anstieg.

Vor allem diese Netzkosten sorgen immer wieder für großen Unmut, weil sie die EEG-Umlage hochtreiben. Da von den Abschaltungen fast nur die Windenergie betroffen ist, folgern manche Menschen, man solle aufhören, gerade im Norden immer weitere Windparks zu bauen, wenn deren Strom oft nicht gebraucht wird, aber dennoch von allen zu bezahlen ist.

An diese Stimmung anschließend titelte Spiegel-Online am 11. Januar: " Abgeregelte Ökostromanlagen kosten Verbraucher bis zu 1,3 Milliarden Euro." Der Artikel bezieht sich auf die Vorabfassung des Monitoringberichts, enthält aber Fehler. So werden die 1,3 Milliarden in der Überschrift allein auf die "abgeregelten Ökostromanlagen" bezogen, die Hochrechnung umfasst aber alle Kosten der Maßnahmen zur Netzstabilität.

Zudem stellen die 1,3 Milliarden Euro eine Hochrechnung der Kosten der ersten drei Quartale 2020 aufs ganze Jahr dar - aber anders als im Spiegel-Artikel nahegelegt wird, enthält der Bericht selbst diese Hochrechnung nicht. Aus der Kostensteigerung in den ersten drei Quartalen 2020 lasse sich keine Trendaussage fürs gesamte Jahr 2020 ableiten, stellt die Bundesnetzagentur auf Nachfrage von bizz energy klar.

Großes Interesse an Netzausbau

Im Spiegel-Artikel wird, wie bei dem Thema üblich, vor allem ein zu geringer Netzausbau als Hauptgrund für die Stromverschwendung unterstellt. Dass die nur langsam regelbaren Kohlekraftwerke das Netz verstopfen, beziehungsweise die Netzstabilität bedrohen, wird selten kritisiert. Dabei wurde das 2017 sogar in einem internen Arbeitspapier von Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur festgehalten, von dem das Ministerium sich nach Bekanntwerden distanzierte.

Der Netzausbau als Lösung ist das Mantra der Großindustrie, der europäischen Netzfirmen, der Bundesregierung und der EU-Kommission. Sie wollen mehr Stromhandel. Für den Netzausbau wird ein geradezu unglaublicher Aufwand betrieben: Viele Jahre im Voraus wird der europäische Strom-Markt prognostiziert. Der deutsche Netzentwicklungsplan von 2019 beispielsweise bezieht sich auf 2030, und mit einem weiteren Szenario auf 2035.

Für diese fernen Jahre werden immense Datenmengen prognostiziert: Welche Kraftwerke an welchem Tag zu welchen Kosten Strom produzieren werden; welche Strom-Mengen in welcher Stunde in welcher Region nachgefragt werden werden; wie das Wetter die Produktion von Ökostrom in den einzelnen Stunden des Jahres beeinflussen wird, und so weiter.

Da an der Strombörse immer diejenigen Stromerzeugungsanlagen im Vorteil sind, die an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Viertelstunde am billigsten produzieren, lautet die Regel: Egal, wo diese Anlagen stehen werden, wichtig ist, dass immer die billigsten liefern können. Entsprechend wird das Netz ausgebaut.

Meereswindparks als Treiber der Netzkosten

Der ganze Rechenaufwand könnte aber auch fürs Gegenteil genutzt werden. Wenn Netzengpässe zehn Jahre im Voraus berechnet werden, könnte ihnen auch mit dem Bau von Speichern entgegengetreten werden. Oder mit dem Abschalten fossiler Kraftwerke. Oder mit einer räumlichen Verlagerung des Baus großer Wind- und Solarparks. Oder mit der Nutzung des überschüssigen Stroms fürs Heizen und für Mobilität. Derartiges ist aber bisher nicht vorgesehen.

So werden weiterhin die deutschen Meere mit immer größeren Windparks gepflastert. Den in den ersten drei Quartalen 2020 beobachteten Anstieg der Netzstabilisierungskosten um fünf Prozent führt die Bundesnetzagentur denn auch "vor allem auf eine Verschiebung der Einspeisemanagement-Maßnahmen von Wind onshore zu Wind offshore" zurück.

Die von Konzernen für den europäischen Stromhandel gebauten Meereswindparks erhöhen also jetzt schon die Stromkosten für die Allgemeinheit, noch bevor die umstrittenen Nord-Süd-Stromtrassen überhaupt fertig sein sollten. Dass die erwähnte Ausweitung des Stromhandels mit Dänemark die Stromkosten ebenfalls für uns alle erhöht, passt da ins Bild.

Schon vor Jahren fand eine länderübergreifende Forschungsgruppe heraus: Die Netzstabilität wird vom Stromhandel, bei dem viertelstündlich Sprünge möglich sind, stärker gefährdet, als von der Ökostromproduktion. In Deutschland gibt es so viel Wegwerfstrom, weil der Regierung die Energiewende weniger wichtig ist als der Stromhandel.

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