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Journalismus und Klimakrise: Verblendung, Verschleierung, Verdrängung

In einem kürzlich erschienenen Buch kritisiert der indische Autor Amitav Ghosh, dass sich die Belletristik kaum mit dem Klimawandel auseinandersetzt. Ghosh meint, zukünftige Generationen müssten den Eindruck bekommen, „dass die meisten künstlerischen Ausdrucksformen unserer heutigen Zeit in den Sog der Verschleierungsmethoden geraten waren, die uns daran hinderten, die Realitäten unserer Misere zu erkennen". So lebten wir heute in einer „Großen Verblendung", die denn auch dem Buch den Namen gibt.

Der Klimawandel sei „in seiner Langsamkeit schwer anschaulich zu schildern", vor allem aber werde er verdrängt, meint Ghosh. Er bezieht das auch auf Journalismus und Regierungspolitik und sieht als wichtige Ursache den globalen Einfluss des spezifischen Individualismus aus der anglo-amerikanischen Welt an: „Der Klimawandel stellt die Idee der Freiheit, das vielleicht wichtigste politische Konzept der Neuzeit, vor gewaltige Herausforderungen." Ein anregender Gedanke.

Wie groß wirkt sich dieses kulturelle Problem in Deutschland aus? Wie sehr gilt hier in Medien und Politik „der Klimawandel als das Undenkbare", wie der Untertitel von Ghoshs Buch lautet? Anders gefragt: „Sind Politik und Öffentlichkeit überhaupt noch in der Lage, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden?" So formulierte es Bernd Ulrich in der „Zeit" vom 26. Oktober.

Der stellvertretende Chefredakteur und Leiter des Politik-Ressorts regte sich in einem ganzseitigen Meinungsartikel (€) über den „Widerstreit zwischen Demokratie und Ökologie" auf. Die Kritik am nun so gut wie bewiesenen massenhaften Insektensterben weitet Ulrich zu einer (allerdings verdrucksten) Kritik an unserer politischen Kultur und zu einer Rehabilitierung ökologisch radikaler Ansichten aus.

Zustände sind meistens keine Nachricht wert

Es gibt ein Grundproblem. Es ist nicht neu, wirkt sich aber mit den zunehmenden ökologischen Verheerungen umso schlimmer aus: Der vorherrschende Journalismus nicht nur in Deutschland will sich grundsätzlichen Problemen nicht dauerhaft widmen. Es geht vorrangig um Neuigkeiten. Die Branche ist empfänglicher für Geschehnisse als für Zustände. Am schlimmsten wirkt sich das natürlich bei den Nachrichtenredaktionen aus. Undenkbar ist eine Meldung wie: „Auch diese Woche hat die Bundesregierung nichts substanzielles gegen die vor zwei Jahren bekannt gewordenen Abgasmanipulationen in weiten Teilen der Autoindustrie unternommen. Über ein Dutzend deutscher Großstädte hat ebenfalls noch nicht die Schritte zur Luftreinhaltung eingeleitet, zu denen sie von Gerichten verurteilt wurden oder wegen denen sie noch vor Gericht stehen."

Wie absurd die Jagd nach Neuigkeiten ist, kann regelmäßig im wochentäglichen Radioformat „ARD-Infonacht" gehört werden, das von fast allen ARD-Anstalten ausgestrahlt wird. Die ganze Nacht über müssen die Nachrichten Neues bringen, was zu absurden Inhalten führt. Meine Lieblingsmeldung aus so einer Sendung lautet: In Polen geriet ein Hirsch auf eine Landstraße. Nachdem er zuerst eine Weile zwischen den Autos umherirrte, sprang er bei seiner Flucht gegen einen Zaun. Dabei verletzte er sich so schwer, dass er verblutete.

Diese traurige Kunde wurde also in fast ganz Deutschland vernommen. Wenn in China mal wieder ein Sack Reis umfällt, ist das keine Meldung wert - aber in Polen ein Hirsch im Zaun, das geht.

Verblendung, Verschleierung, Verdrängung - die von Amitav Ghosh verwendeten Begriffe passen auf den Umgang der meisten großen Medien mit ökologischen Problemen wie dem Klimawandel. Selbst in nachrichtenarmen Zeiten wird auf alles Mögliche ausgewichen, anstatt einen eigenen Zugang zu Dauerskandalen zu finden, und sei es mit der profanen Berechnung, wieviele Menschen, statistisch gesehen, im Verbreitungsgebiet des jeweiligen Mediums in der abgelaufenen Woche beispielsweise an giftiger Luft oder antibiotikaresistenten Keimen, bei Autounfällen oder wegen Bewegungsmangel erkrankt oder gestorben sind. Nein, die Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig, um auf Bernd Ulrichs Frage zurückzukommen, ist in vielen Medien nicht relevant. Sie wurde prinzipiell in andere Kategorien übersetzt: Wichtig ist das Neue.

So ein Journalismus nimmt eine anormale Perspektive ein. Normal ist, dass ein Mensch jeden Tag besorgt zu Bett geht, wenn in seiner Umgebung die Abgaswerte skandalös hoch sind, wenn er mit einem Säugling in der Umgebung eines Atomkraftwerks wohnt und von der ungeklärten Erkenntnislage in Sachen Krebsrisiko weiß, oder wenn im örtlichen Krankenhaus das Personal wegen mangelnder Hygiene und Betreuungskapazitäten Alarm geschlagen hat. Die Medien sind offensichtlich nicht jeden Tag besorgt. Der Einwand, dass ein Thema sich auch mal für die Berichterstattung erschöpfe, ist theoretisch richtig - aber in der Praxis wird wahrscheinlich nie an diese Grenze gegangen. Wir leben in einer Massengesellschaft, da gibt es bei allen größeren Themen eine Menge Betroffener und mit der Sache befasster Berufsstände, die zu Wort kommen können.

Politikjournalismus ist Parteienpolitikjournalismus

Ein Teil des Journalismus widmet sich genau solchen Alltagssorgen verstärkt - allerdings auch nicht mit der nötigen Vehemenz, denn das wäre ja total politisch, wo es doch vorrangig darum geht, Nähe zu Betroffenen zu zeigen. Auf der anderen Seite reduziert sich der Politikjournalismus zu oft auf Parteipolitik, wie der Publizist Friedrich Küppersbusch bemängelt.

In der Fixierung auf die institutionelle Politik sieht Küppersbusch einen Grund für die Entfremdung zwischen großen Medien und Bevölkerung: „Wir meinen, wenn wir einem Politiker das Mikrofon hinhalten und gern auch kritisch nachfragen, dass wir dann schon alle politischen Bedürfnisse des Publikums befriedigt hätten". Sein Diktum dementsprechend: „Wir haben keine politische Sendung gemacht, nur, weil darin ein Politiker auch was gesagt hat."

Ja, es gibt ein falsches Dauerstarren auf Regierungen und große Parteien. Es gehört für viele Medien zum Selbstverständnis, ständig über sie zu berichten, egal was sie tun. Allerdings, und das fehlt bei Küppersbusch, ist das Entscheidende dabei, dass dieses Dauerstarren ein ideologisches ist. Ein, sagen wir, halbblindes Starren. Denn dabei werden wichtige Dinge übersehen. Dinge, die die Medien, sei es aus Überzeugung, sei es zur Verkaufsförderung, eigentlich skandalisieren müssten.

Ein Dauermedienskandal ist zum Beispiel der Umgang mit dem NSU-Skandal. Der Untersuchungsausschuss des Bundestags dazu wendet sich in seinem Abschlussbericht in zentralen Punkten gegen die Darstellungen von Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft. Kritisiert werden unvollständige Ermittlungen und das Ignorieren auch heute noch des offensichtlichen Unterstützungsnetzwerks. Angeklagt sind ja nur eine Handvoll Leute.

Es wäre also mindestens ein Zerwürfnis innerhalb von CDU/CSU und SPD zu erwarten gewesen, seit einige Abgeordnete die Version von Bundesanwaltschaft und Regierung offiziell bestreiten. Dieses Zerwürfnis blieb aus und wurde auch nicht von den Medien erzwungen. Schlimmer noch: Nicht nur ist Innenminister de Maizière oberster Dienstherr des sogenannten Verfassungsschutzes, der seine Verbindungen zu Nazis vertuscht, sondern Justizminister Maas ist in derselben Position in Bezug auf die Bundesanwaltschaft. Mit einem Machtwort hätte er die Anklage im Münchener NSU-Prozess anders ausrichten lassen können, so dass es auch um das zweifellos vorhandene große Unterstützungsnetzwerk gegangen wäre. Skandalisiert wurde das von den Medien nicht.

Ökologie wird im Journalismus nicht ausreichend mitgedacht

Die Komplizenschaft großer Medien mit Regierungen und großen Parteien ist beim Thema Ökologie besonders deutlich, weil dieser Themenbereich offensichtlich nicht die nötige Priorität im Journalismus genießt. Ob aus Prioritätensetzung oder Inkompetenz, ökologische Zusammenhänge werden viel zu wenig mitgedacht.

Als Horst Seehofer 2016 die Aufnahme von Flüchtlingen als „Herrschaft des Unrechts" kritisierte, erregte das viel Aufsehen und Kritik. Aber ich fürchte, niemand entgegnete dem bayerischen Ministerpräsidenten, dass sein Umweltministerium schon 2012 rechtskräftig gerichtlich dazu verurteilt worden war, für München konkrete Maßnahmen zur Herstellung der von der EU vorgegebenen Luftqualität zu ergreifen. Seit 2016 wurden dem Ministerium mehrere Zwangsgelder gerichtlich angedroht, um es zu ersten Schritten wie die Information der Bevölkerung zu zwingen. Seehofer hat also eine jahrelange Herrschaft des Unrechts in einem Bereich akzeptiert, wenn nicht sogar gefördert, wo es um die Gesundheit seines Wahlvolkes geht.

Oder nehmen wir die ausgebliebene Debatte wegen der Diesel-Lüge der Kanzlerin im vergangenen Sommer. Als das Umweltbundesamt bekanntgab, Dieselautos seien im Durchschnitt nicht mehr umweltfreundlicher als Benziner, und die den Staat 7,8 Milliarden Euro pro Jahr kostende Subvention für Dieselkraftstoff in Frage stellte, widersprach Angela Merkel in der Sache. Die Chefin des Umweltbundesamts wurde in einem Interview in der eingangs erwähnten „Zeit"-Ausgabe vom 26. Oktober darauf angesprochen und erklärte: „Das war Wahlkampf. Denn unsere Aussage ist durch Fakten gedeckt." Die Fakten sind beim Umweltbundesamt nachlesbar.

Wenn im Wahlkampf herausgekommen wäre, dass Martin Schulz vor 15 Jahren einer fremden Frau unerlaubt die Hand aufs Knie gelegt hatte, wäre er in größte Bedrängnis geraten. Wenn aber Merkel nicht zum ersten Mal - wenn auch deutlicher als sonst - in einer Frage der Volksgesundheit einer staatlichen Einrichtung entgegentritt, die die Regierung auf wissenschaftlicher Basis berät, dann kann das unter den Tisch fallen, obwohl so etwas ständig an Donald Trump kritisiert wird.

Die falsche Hoffnung auf die Weltklimagipfel

Das sind Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit dafür, wie unterbelichtet ökologische Aspekte im Politikjournalismus sind. Aber in diesem Bereich spielt sich auch ein noch größeres mediales Versagen ab: Das jahrelange Nähren von Hoffnung auf die Weltklimagipfel. Anscheinend kennt in Deutschlands Redaktionen kaum jemand mit Rückgrat oder Durchsetzungsvermögen die Geschichte dieser Gipfel.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist der Gipfel von Rio de Janeiro 1992, da er hin und wieder noch erwähnt wird. Dort wurde die erste Klimarahmenkonvention verabschiedet.

Diese Konferenz fiel außergewöhnlich groß aus, weil auch Tausende Mitglieder der Zivilgesellschaft eingeladen waren. Wichtige Leute waren vorher schon zu der Einsicht gekommen, dass der Klimawandel ein riesiges und globales Problem darstellte. Diese Konferenz sollte das Zeichen in die Welt senden: Ab jetzt kämpfen wir alle geschlossen dagegen, Regierungen aller Kontinente zusammen mit der Zivilgesellschaft. Sprich: Die Erkenntnis war da, und es wurde nicht nur guter Wille bekundet, sondern es wurden auch konkrete politische Mechanismen (Stichwort Kyoto-Protokoll) auf den Weg gebracht.

Das war vor 25 Jahren. Heute wissen wir: Das Tempo der Zerstörung des Planeten hat nicht nachgelassen - im Gegenteil, es hat sich seitdem erhöht. Nur große Wirtschaftskrisen brachten zwischendurch ein bisschen Entlastung. Wer da noch an dieses politische Format, an einen Zusammenschluss von Einzelregierungen glaubt - der Autor Amitav Ghosh tut es nicht -, bewegt sich auf dem geistigen Niveau von jemandem, der verkündet, wenn wir alle nur wieder schön beten, wird Gott den Planeten schon noch retten.

Vor 25 Jahren hat die Weltgemeinschaft bekundet, sie habe das Problem verstanden und werde es nun gemeinsam angehen - und dennoch setzen uns Journalisten noch immer regelmäßig und ohne sie lächerlich zu machen Politiker-Aussagen vor, wonach wir es mit der Energiewende nicht überstürzen dürften. Kürzlich beispielsweise vom Brandenburger SPD-Bundestagsabgeordneten Uli Freese, der fast sein ganzes Berufsleben lang Funktionär der Kohlearbeitergewerkschaft war. Er hatte sich schon im Bundestagswahlkampf gegen jegliches Ausstiegsdatum für die Kohle ausgesprochen und sagte vor einer Woche in einem Fernsehinterview zu dem Thema: „Das, was sich die Grünen vorstellen, ein Kohleausstieg schnell, hopplahopp, das wird nicht gehen."

Freese fügte hinzu: „Hier in Ostdeutschland stehen die modernen, umweltfreundlichen Braunkohlekraftwerke, die wir noch lange brauchen werden." Auch hier ging beim Regionalfernsehen kein Alarmlämpchen an. Die ostdeutschen Kohlekraftwerke sind nicht umweltfreundlich, und nur ein paar Blöcke in ihnen können relativ modern genannt werden. Vielmehr sind vor allem die drei in der Lausitz, wo Freese lebt, unter den 20 giftigsten (es geht ja nicht nur um Kohlendioxid) ganz Europas.

Was nicht unter Extremismus fällt

Das Pariser Klima-Abkommen von 2015 sieht nicht mal Sanktionen für Regierungen vor, die nicht ihren Teil zur Erreichung des schwammigen Ziels („Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2°C über dem vorindustriellen Niveau, wenn möglich auf 1,5°C") beitragen. Dennoch haben viele Medien es als Hoffnungsschimmer dargestellt.

Extremismus ist für sie, wenn Leute den Kapitalismus mit Gewalt abschaffen wollen, oder wenn Rassismus im Spiel ist. Den Planeten oder die Gesundheit von Millionen Menschen fundamental zu schädigen, fällt für sie nicht unter Extremismus. Wenn die Regierung doch mal einen Anlass zum Schimpfen gibt, dann wollen die meisten Medien nicht grundsätzlich werden, sondern mit dem erhobenen Zeigefinger mahnen, dass sich das in Zukunft bessern muss. Die Regierung ist nämlich im Grunde nicht böse - das scheint die Ausgangsbasis dieser Art des Journalismus zu sein.

Dass von der Regierung in einer bestimmten Sache nichts zu erwarten ist und deshalb die Medien selbst nach Lösungen suchen müssen - zum einen intrinsisch motiviert, zum anderen wenn sie sich dem Wohl des Publikums verpflichtet fühlen - wird nicht angedacht. Dafür fehlt die Fantasie. Die journalistische Devise anlässlich der Klimakonferenz und für die Behandlung ökologischer Probleme auch danach sollte also sein: Erstens die Regierung weniger ernst nehmen; zweitens Journalismus aus der Perspektive eines besorgten Menschens betreiben, und nicht aus der einer Politikbetriebsnudel.

Die aktuell vorherrschende Devise lässt sich mit einem abgewandelten Luther-Zitat charakterisieren: Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch über einen Streit zwischen CDU und CSU berichten.

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