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Jones für Manning – die große Wachablösung bei den Giants

Von Philipp Vos vom 14.10.19


Jones für Manning – die große Wachablösung bei den Giants


Manchmal geht es in der NFL schneller als man denkt. So war es in Woche 3 der neuen Saison auch bei den New York Giants, als Daniel Jones Quarterback-Legende Eli Manning als Starter ablöste. Dass die große Wachablösung wohl diesem Jahr passieren würde, damit haben die meisten Experten gerechnet. Dass es aber so früh in der Saison passieren würde, kam dann doch überraschend.


Buh-Rufe und Pfiffe hallten über die Straßen von Nashville in Tennessee. Als Dave Gettleman, General Manager der New York Giants, seinen allerersten Pick, der 6th Overall, im zurückliegenden Draft eingetütet hatte, machte sich unter den Fans der G-Man großes Unverständnis breit. Die Entscheidung der Veranwortungsträger am Big Apple war auf Daniel Jones gefallen. Einen eher mittelmäßig erfolgreichen Quarterback von der eher kleinen Duke Universität. Es hagelte Hohn und Spott aus allen Richtungen. Dwayne Haskins, hoch gehandeltes Quarterback-Talent von der Ohio State University konnte sich ebenfalls gewisse Gesichtsregungen nicht verkneifen, als er feststellte, dass Jones vor ihm vom Tableu ging. Später drückte selbst Baker Mayfield, Positions-Kollege von den Cleveland Browns, sein Unverständnis aus.


Die allgemeine Wahrnehmung zu Jones war eindeutig: Zu roh, zu ungeschliffen, nicht bereit für die NFL. Und ob er überhaupt das Potenzial zu einer NFL-Karriere haben stand ebenfalls in Frage. Die Giants erhielten ebenfalls Kritik, weil sie den damals 21-Jährigen so früh im Draft ausgewählt hatten. Hochkarätige Pass Rusher und Defensive Liner wie Josh Allen, Ed Oliver oder Christian Wilkins waren noch auf dem Board und Gettleman durfte seinen zweiten Pick des Tages bereits an Position 17 auswählen. Welches Team sollte ernsthaft auf den Gedanken kommen, Jones vor dem zweiten Giants-Auswahlrecht auszuwählen? Haskins war hochgehandelt und ebenfalls noch zu haben. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit würden die Washington Redskins Haskins wählen, wenn er dann noch auf dem Board wäre – oder eben keinen Quarterback, aber Jones? Das Front Office der G-Men muss enorm überzeugt von Jones gewesen sein, um die Auswahl dieses Spielers auf keinen Fall riskieren zu wollen.


Jones zeigt in der Preseason auf


Die Fans der Giants zeigten sich jedenfalls schockiert und machten in großen Teilen noch am Abend des Drafts ihren Unmut deutlich. Die sozialen Medien waren voll von wütenden Kommentaren und spöttischen Memes. Die allgemeine Verwunderung über die Entscheidung von Gettleman war dabei nachvollziehbar, denn Jones galt eben nicht als großes Talent. Nach seiner Zeit an der High School blieb Jones lange ohne ein Angebot eines Colleges, lediglich Princeton zeigte Interesse. Dank einem seiner High-School-Trainer bekam Jones dann schließlich doch noch ein Angebot, für die Duke Blue Devils zu spielen. Larry McNulty, Coach der Charlotte Latin, Jones` High-School-Team, nutzte seine Beziehung zum Head Coach der Blue Devils, um seinem Quarterback eine Karriere als Footballer zu ermöglichen. Die Statistiken des Quarterbacks aus drei Jahren College Football sind allerdings alles andere als beeindruckend. Jones kam in 36 Spielen auf 8201 Yards Raumgewinn und 52 Touchdowns bei 29 Interceptions. Zum Vergleich: Dwayne Haskins konnte in 22 Spielen 5396 Pass-Yards und 54 Touchdowns erzielen - und das bei nur 9 Interceptions.


Doch die Giants hatten in Jones offenbar etwas gesehen, was allen anderen Teams auf Quarterback-Suche verborgen geblieben war. Erste allgemeine Anerkennung erhielt Jones dann in der Preseason. Gegen die New York Jets, Chicago Bears, Cincinnati Bengals und New England Patriots kam Jones zu insgesamt 34 Passversuchen für 29 Completions, 416 Yards und zwei Touchdowns bei einem durchschnittlichen Rating von 137,3. Ungefähr Werte, die einem vollständiges Spiel nahekommen. Kritiker überzeugte das indes noch nicht. Denn Pässe in der Preseason, gegen Backup-Verteidigungen besitzen wenig Aussagekraft. Dennoch: Dank seiner guten Auftritte mehrten sich auch die Befürworter von “Danny Dimes“.


Time has come


Und natürlich war auch Head Coach Pat Shurmur unter einem gewissen Druck. Es galt abzuwägen, Giants-Legende Eli Manning, der das Team zu zwei Super-Bowl-Triumphen geführt hatte, auf die Bank zu setzen, um einem Rookie-Quarterback den Karriere-Teppich auszurollen. Das macht man nicht einfach so. Auf der anderen Seite war aber auch klar, dass kein NFL-Team einen Pick an sechster Stelle für einen Quarterback hergeben kann, der dann über Jahre hinter einem Manning feststeckt, der seinen Zenit längst überschritten hatte. Die Entscheidung Shurmurs fiel also zunächst auf Manning, die sichere Variante in unsicheren Zeiten. Doch Manning, mittlerweile 38 Jahre alt, tat das, was so ziemlich jeder seiner Kritiker vorhergesagt hatte: Er spielte noch ganz passabel beim Season Opener bei den Dallas Cowboys, aber katastrophal eine Woche später gegen die Buffalo Bills. Auch wenn die Stärke der Bills-Defense in den folgenden Wochen auch anderen Quarterbacks, allen voran Tom Brady von den Patriots, Schwierigkeiten bereiten sollte, standen nach zwei Wochen eben zwei Niederlagen zu Buche. Die Zeit für den Tausch am Ruder der Giants-Offense war gekommen.


In Woche 3 durfte Daniel Jones New York aufs Feld führen. Und dabei stand das Spiel unter schlechten Vorzeichen. Star-Runningback Saquon Barkley, der Spieler, der dem Quarterback durch seinen Workload doch so den Rücken freihalten sollte, verletzte sich und schied aus dem Spiel gegen die Tampa Bay Buccaneers frühzeitig aus. Nun musste Jones nicht nur sein Debüt auf die Reihe bekommen, sondern auch noch die gesamte Last seiner Offense im Alleingang tragen. Was für eine Bürde für den Rookie. Doch Jones tat das, was Manning schon seit Jahren nicht mehr geschafft hatte: Er nahm das Team auf seine Schultern, warf Pässe für 336 Yards und 2 Touchdowns und erlief zwei weitere Touchdowns, dabei den spielentscheidenden, gleich selbst. Was für ein Auftritt, was für ein Debüt.


Playoffs?


Der Rookie zeigte sich um Welten mobiler und agiler als sein Vorgänger, sehr zur Freude der Giants. Und auch gegen die Washington Redskins eine Woche später konnte Jones über weite Strecken überzeugen, auch wenn er sich in diesem Spiel zwei Interceptions leistete. Bei der ersten war Jones kurz davor einen Hit zu kassieren und übersah bei seinem Pass scheinbar Cornerback Quinton Dunbar völlig. Dunbar war es dann auch, der einen weiteren unterworfenen Ball kurze Zeit später abfing. Trotz dieser Fehler, die bei einem Rookie nur selten ausbleiben, nahm der “Danny-Dimes-Hype-Train“ ordentlich Fahrt auf. Und genau hier liegt auch die Krux begraben. Zwar sind viele Kritiker mittlerweile zurückgerudert, aber wenn so mancher Experte gleich von Unverständnis direkt zur Europhie übergeht, dann wird dieser in der Regel meist enttäuscht werden. So wird es wahrscheinlich auch den Giants und ihren Fans gehen. Immerhin gab es nach dem starken Start von Jones erste Stimmen, die die Giants möglicherweise in den Playoffs sehen. An dieser Stelle könnte aus einem “Danny Dimes“ nämlich relativ schnell ein “Danny Doomed“ werden.


Die Probleme der Giants sind weißgott nicht nur auf der Quarterback-Position, sondern sind vielseitig und wurden durch den Ausfall von Barkley wahrlich nicht weniger. Die Stärke des Teams liegt vor allem in der Offensive Line. Eine gute Basis, wenn man eine erfolgreiche Mannschaft aufbauen will. Vor allem auch eine Fundament, auf dem ein Rookie-Quarterback gedeien kann. Allerdings klaffen im restlichen Kader noch so große Lücken – Pass Rush, defensives Backfield, dass ein Jones alleine das Team zu keinem Playoff-Contender machen kann. Der Weg zu einem Superstar ist als noch weit. Aber so weit muss Jones auch noch gar nicht sein. Bei der Bewertung dieses Spielers wäre eine Abkehr von der Schnellebigkeit in der NFL ratsam. So schnell wie aus Daniel Jones, dem Draft Bust, Danny Dimes wurde, so schnell kann es auch wieder vorbei sein mit all der Freude und Europhie um “Big Blue“. Man sollte den Hypetrain also am besten einfach einmal im Depot lassen und diesen jungen Quarterback nicht nach jedem Spiel evaluieren. Zumindest nicht wenn man dafür nur Extreme kennt, sonst wird aus “Danny Dimes“ eben doch ganz schnell ein “Danny Doomed“.