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Uber: Der schlimmere Weltkrieg

Was ist schlimmer als Nazis? Nazis mit psionischen Superkräften! Doch in Kieron Gillens fantastischer 2. Weltkriegsanalogie "Über" ist das nur die Spitze des Eisbergs. Warum Deine Suche nach einem neuen Lieblingscomic hiermit vorbei ist.

30. April 1945, Berlin. Es sind die vermeintlich letzten Tage des Krieges in Europa. Die deutsche Armee ist größtenteils zerschmettert, die Russen haben die Hauptstadt umzingelt und dringen unaufhaltsam vor. Im Führerbunker sitzt Adolf Hitler neben der toten Eva Braun auf dem Sofa und hält sich zitternd eine Pistole an den Kopf. Doch bevor er abdrücken kann, stürzt plötzlich ein Adjutant in den Raum. Keuchend meldet er: "Mein Führer! Wir sind erlöst." Die Wunderwaffe ist da - Der Panzermensch.

Mit dieser Szene beginnt die erste Ausgabe von ÜBER und gleich lässt sich die mythologische Kraft erahnen, die hier entfesselt wird. Die Legenden um angebliche Wunderwaffen der Nazis ranken weit und sind fester Teil der üngeren deutschen Geschichtsmythologie geworden. Bis vor einigen Jahren konnte man (meist im Sommerloch) regelmäßig in der Springer-Presse über angebliche Geheimprojekte aus der NS-Zeit lesen. Schwadroniert wurde da über über mysteriöse Flugscheiben, Supersoldaten, okkulte Rituale innerhalb der Nazi-Führung, von geheimen Basen in der Arktis oder gleich auf dem Mond. Doch schon während der Nazi-Zeit trieb der Wunderwaffen-Kult rege Blüten. Goebbels Propagandamaschine stilisierte etwa die (militärisch letztlich nutzlose) V2-Rakete Von Brauns zum Heilsbringer des Reiches, die die entscheidende Kriegswende einleiten würde. All das zementierte sich über Jahrzehnte in der Popkultur und ist dort heute ein fester Bestandteil, von Indiana Jones über Captain Americas Gegenspieler Red Skull, bis hin zu Hellboy und Iron Sky.

Das Konzept des kämpfenden Supermenschen im 2. Weltkrieg ist bei weitem nichts neues, wie obiges Bild beweist. Als der britische Comicautor Kieron Gillen vor einigen Jahren das Angebot bekam, einen Superhelden-Comic zu schreiben, der im Zweiten Weltkrieg spielen sollte, war er zunächst von der Idee wenig begeistert. Zu abgegrast schien ihm das Szenario. Doch dann packte den Geschichtsfan eine Idee. Ehe er sich versah. hatte Gillen ein 30.000 Worte langes Dokument verfasst - die Grundlage für ÜBER.

Wenn aus Menschen Panzer werden

Das Szenario: Wenige Tage vor dem Sieg der Alliierten über das deutsche Reich treffen russische, britische und amerikanische Truppen plötzlich auf einen Feind, der alles verändert: Soldaten mit übernatürlichen Kräften, nicht nur sehr viel stärker und schneller als normale Menschen, sondern in der Lage, psionische Kraftfelder zu erzeugen, die alles und jeden in Stücke reißen, nur mit der Kraft eines Blickes. Panzermensch - eine menschliche Waffe ungeheuren Ausmaßes. Ehe die Allierten begreifen, was überhaupt passiert ist, haben die deutschen ÜBER-Trupps den Kriegsverlauf gedreht, die rote Armee befindet sich nicht mehr auf dem Vormarsch, sondern auf einem panischen Rückzug. Doch als die Feinde der Nazis den ersten Schock überwunden haben, stellen sie fest: Dieser neue Feind scheint zwar übermächtig, unbesiegbar ist er jedoch keinesfalls. Währenddessen kommt die Nazi-Führung auf der anderen Seite zu der Erkenntnis, dass selbst der Panzermensch mit seiner unglaublichen Schlagkraft nicht genug sein könnte, um die entscheidende Kriegswende zu bringen. Als das Geheimnis hinter Panzermensch auch noch aus den Nazi-Laboren entkommt und den Alliierten in die Hände fällt, beginnt nicht nur ein neues Kapitel des Krieges, sondern ein furchtbares Wettrüsten, in dem Menschen ohne Skrupel zu lebenden Waffen umfunktioniert werden.

ÜBER: Verkappte Rechts-Propaganda?

Die Gefährlichkeit dieses Szenarios ist enorm. Will hier ein verkappter Rechter den fiktionalen Triumph des NS-Regimes ausleben und damit dieser widerwärtigen Ideologie Tribut zollen? Verherrlicht ÜBER den NS-Staat? Ganz klar der erste Vorwurf, der ausgeräumt werden muss, geht man an ein solches Werk heran. ÜBER spielt zweifellos in seiner Bildsprache mit dieser erwähnten Sprengkraft: Es erzeugt ein äußerst ungutes Gefühl, wenn man einer drei Meter hohen, blonden Frau mit dem Codenamen "Kampfschiff Sieglinde" dabei zusieht, wie sie die Gegner der Nazis in menschliches Hackfleisch verwandelt.

Doch ÜBER platziert diese Bilder und rutscht gleichzeitig niemals in eine Verherrlichung der Nazi-Ideologie ab. Das gelingt, weil Autor Gillen diese bizarre Analogie nie von der Leine lässt, sondern sie stets in einen aufwändig recherchierten, historischen Kontext einbettet. Wie der Autor selbst sagt: "It's not using WW2. It's about WW2." Gleichzeitig geht Gillen mit dem übernatürlichen Element dieser Geschichte äußerst geschickt um. Die ÜBER-Technologie ist keine Erfindung genialer Nazi-Wissenschaftler, ihr Ursprung ist um einiges komplexer und auch nach 18 Ausgaben hat man als Leser das Gefühl, dass hier gerade einmal die Spitze des Eisbergs offen gelegt wurde. Die Menschenverachtung, mit der die Nazis diesen Inhalt der Büchse der Pandora über den europäischen Kontinent verstreuen, wird aber nicht ignoriert, ebenso wenig wie der schiere Wahnsinn, der das NS-Regime antreibt.

Die Hauptfiguren in ÜBER sind nicht die Super-Menschen. Es sind die Entscheidungsträger dieser Kriegsmaschinerie, die Männer und Frauen an den Kommandotischen, in den Regierungssitzen, mit den vielen Abzeichen an Brust und Schulter. Und sie sind keineswegs fiktiv. Churchill, Stalin, Hitler, aber auch Funktionäre aus zweiter Reihe, wie Heinz Guderian, Georgy Zhukov oder Alan Turing sind im Zentrum des Geschehens. Reale Ereignisse, wie etwa das Manhattan-Projekt oder der Inselkampf rund um die Belagerung Japans, spielen in ÜBER ebenso eine enorm wichtige Rolle.

Gillen spürt die Funktionsweisen Krieges auf und führt sie in ÜBER fort, ohne dass sie dadurch jemals ihre innere Authentizität verlieren. So ist beispielsweise die kalte Verzweiflungstat, welche die Sowjetführung unter dem direkten Befehl Stalins begeht, um den Vormarsch der deutschen ÜBER-Einheiten Richtung Osten zu stoppen, eine furchtbare, in ihrer Dimension schier unermesslich. Und doch nur die geistige Fortführung einer menschenverachtenden Politik, die allzu real war. Hätte der echte Stalin so gehandelt, wäre er mit dieser Situation konfrontiert gewesen? Eine unmöglich zu beantwortende Frage und trotzdem liegt mir das "Vermutlich ja" sprungbereit auf den Lippen. Von Henry Kissinger stammt die dunkle Aussage: "Sometimes statesmen have to choose between evils." Genau diesem enorm komplizierten Komplex spürt ÜBER nach.

Vom Wettlauf der Technik, dem Triumph der Ökonomie und dem Verschwinden der Moral

Gleichzeitig wird hier nie etwas verherrlicht. ÜBER ist auch ein Horrorcomic, die Gewaltdarstellungen sind stets präsent und über-explizit, werden aber nie glorifiziert. Nie haftet den Über-Menschen und ihren Kräften etwas attraktives an. Man möchte niemals mit ihnen tauschen, auf welcher Seite sie auch kämpfen, sie lösen einen regelrechten Fluchtreflex aus. Was sie anrichten, ist furchtbar, ihre schiere Existenz eine Tragödie. Dieses Gefühl verlässt den Leser nie. ÜBER sieht die SuperMenschen weniger als Figuren, denn als Werkzeuge des Krieges. Weder Messias, noch Satan. Der Panzermensch ist einfach nur eine neue Art von Panzer und dementsprechend ein militärischer Gebrauchsgegenstand, den es mit Bedacht und Taktik einzusetzen und zu pflegen gilt. Eine weitere historische Wahrheit der zwei Weltkriege wird an dieser Metapher demonstriert: Die Geschichte dieser Konflikte ist randvoll mit Situationen, in denen neue Technologien Strategien und Wirkungsweisen, die bis dahin teilweise jahrhundertelang Gültigkeit besaßen, über Nacht nutzlos machten. Gigantische Schlachtschiffe, die plötzlich nur noch als Kanonenfutter nützlich waren, oder ruhmreiche Reiter-Bataillone, die einem modernen Panzer nichts entgegenzusetzen hatten.

Dieser strategische, "maschinelle" Ansatz bewirkt, dass ÜBER, auch wenn es eine Geschichte voller Menschen mit Superkräften, eben keine Geschichte über Superhelden ist. Im Grunde ist es die Antithese davon. Autor Gillen erklärt es selbst am besten:

"And... you know tanks? They're hard fuckers. But the second a helicopter gunship pops over the horizon, they're toast. In a 1:1 fight, the tank is always, always going to lose. One just trumps the other. That's how Uber is constructed. Heroic action fiction works by them overcoming these odds. It doesn't matter if you can only lift 10 tons and the other guy can lift 100 - if you're a true and brave hero, you're going to overcome. [...] But Uber doesn't work like that. It works like a simulation. Sometimes people are just screwed." Die ekstatische Wahrheit des Krieges

ÜBER ist ein Werk über die totale Entmenschlichung, die Krieg bewirkt. Darüber, wie der Wille, letztlich der Sieger zu sein, jegliche moralischen Grenzen hinweg fegt. Und dass diese Perspektive ebenso grausam ist, wie ihre Chancen auf Erfolg gering. Ein Übermensch auf der Seite der Deutschen lässt in einer der ersten ÜBER-Ausgaben den entscheidenden Satz fallen: "Wir können nicht mehr gewinnen. Wir können nur noch sicherstellen, dass alle anderen auch verlieren." An anderer Stelle formuliert es die auf der Seite der Allierten kämpfende Spionin und Wissenschaftlerin Stephanie, eine der Hauptfiguren der Erzählung, folgendermaßen:

"To win this war, I've done monstrous things. We all have. I've had the slurry of people wash around my ankles. I may as well have bathed in it. And now, after all that? Now it looks like we're going to lose. And over there? In Germany? It's exactly the same. Everyone doing what they have to, because to not win after everything...It's unthinkable. From this far down in the hole, I can't see any difference. And the only decent thing I can think of is: „How can anyone go on after this?"

Auch wenn der Kontext, in dem diese Aussage getroffen wird, ein fiktiver ist, ihr Kern ist keineswegs Fiktion. Diese Einstellung war schrecklich, blutig real, tausende Menschen mussten in der finalen Phase des Krieges mit ihrem Leben für sie bezahlen. Weil diejenigen, die über ihr Schicksal entschieden, jegliches Denken in moralischen Maßstäben abhanden gekommen war. Weil Ökonomie, das Aufrechnen von Opferzahlen und Materialverlust jeglichen Blick auf das menschliche Ausmaß des Leidens verdeckte. Von den verblendeten Kindern, die im umkämpften Berlin jubelnd in das Maschinengewehrfeuer der russischen Truppen rannten, bis zu den Strafkompanien Stalins, in denen jeder sofort exekutiert wurde, der nicht in Richtung Feind rannte. Um noch ein letztes Mal Autor Kieron Gillen direkt zu zitieren:

"Über is about a failure of imagination and a failure of ethics in people of ability. It's about people who fail to see what power they possess. It's about seeing yourself as a tool and a weapon for policy. It's about just following orders. Be careful to whom you say „Yes"."

Diese Botschaft ist ebenso wichtig, wie zeitlos. Sie macht ÜBER zu einem großen, wichtigen, lesenswerten Werk, in dem sich eine Menge über die historischen Wahrheiten des 2. Weltkriegs lernen lässt. Noch mehr kann man aber, um mit dem Vokabular Werner Herzogs zu sprechen, über die ekstatische Wahrheit dieser globalen Wahnsinnstat, die wir heute als den 2. Weltkrieg kennen, lernen. Über diesen menschengemachten Häcksler, in den 65 Millionen Leben geworfen wurden. Macht es Spaß, ÜBER zu lesen? An vielen Stellen macht die Serie eher zornig, oftmals laugt einen diese Geschichte regelrecht aus, so furchtbar ist sie. Kieron Gillen, der sagt, er schreibe ÜBER stets in "einem Zustand des Zorns" ruft seinem Leser im Vorwort der ersten Ausgabe noch zu: "I hope you don't enjoy it." Jeder historisch interessierte Mensch mit genügend Fähigkeit zur geistigen Abstraktion wird dieser Aufforderung wohl nicht ganz nachkommen können.

Die ersten beiden Sammelbände von ÜBER kann man (bislang nur in Englisch) über Amazon bekommen. Einzeln kann man die (bisher 18) Ausgaben digital über Comixology beziehen.
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