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Reisereportagen als Comics - Auf dem Zeichentrip

Zwischen Skizzenbuch, Reiseerzählung und Reportage: Reinhard Kleists "Havanna", erschienen im Carlsen Verlag. (Foto: Reinhard Kleist/Carlsen Verlag)

Starke Ausdrucksmöglichkeiten: Junge Autoren veröffentlichen ihre Reiseerlebnisse in Form von Comics und geben damit oft sehr persönliche Einblicke. Gerade die Subjektivität ist die Stärke der Zeichnungen - stellt aber auch eine Gefahr dar.


Von Peter Sich


Mit dem Reisen hielt es Hergé, der Altmeister des franko-belgischen Comics, anfangs wie Karl May. Zwar ließ er seine Figuren die exotischsten Orte besuchen, gesehen hatte er die wenigsten davon. In frappanter Unkenntnis des Handlungsortes ließ Hergé Tim und Struppi in einem ihrer frühen Abenteuer in bester Kolonialherrenart durch einen von grenzdebilen Buschmännern bewohnten Kongo reisen - inklusive Großwildjagd auf Elefant (Waffe der Wahl: Gewehr) und Nashorn (Waffe der Wahl: Dynamit).

In den vergangenen Dekaden haben sich nicht nur die Erzählweisen, sondern auch die Sujets des Comics deutlich erweitert. Vermehrt haben sich Comiczeichner auch nicht-fiktionalen Themen zugewandt.

Anfang der 1990er-Jahre begann der maltesisch-amerikanische Journalist Joe Sacco, seine Reportagen zu zeichnen, statt sie zu schreiben und erfand so die Comic-Reportage. Seither berichtet er mit klarem Strich und dichter Form aus den Krisenregionen dieser Welt: aus Palästina, dem Irak oder aus tschetschenischen Flüchtlingslagern. Von da aus ist es kein weiter Schritt zur Form des Reisecomics, in dem Autoren ihre Erlebnisse von unterwegs in gezeichneter Form aufbereiten.

Da Frankreich ja so etwas wie das Adoptivmutterland des Comics ist, kann es kaum verwundern, dass das Genre des Reisecomics dort deutlich etablierter ist als hierzulande. In Frankreich berichten Comicschaffende wie Christophe Blain oder Emmanuel Lepage von ihren Reisen in Polarregionen, nach Lettland oder nach Brasilien. Der junge Zeichner Nicolas Wild hat in "Kabul Disco" sogar einen Comic aus Afghanistan mitgebracht.

Auch das Goethe-Institut hat das Potenzial von Reisecomics erkannt. Mit den Austauschprogrammen Comic-Transfer und Osmose ermöglicht es Comiczeichnern Reisen in Europa und nach Brasilien. Die präsentieren die Ergebnisse in Form von Internet-Blogs.

Im deutschen Buchhandel ist das Spektrum an Reisecomics hingegen noch überschaubar. 2008 legte Reinhard Kleist seinen Band "Havanna" vor, ein Comic zwischen Skizzenbuch, Reiseerzählung und Reportage über Kuba im Jahr eins nach Fidel Castro. Daneben dominieren Übersetzungen. In seinem "Tagebuch einer Reise" erzählt der Amerikaner Craig Thompson auf sehr persönliche Weise von einem Trip durch Europa und Marokko. Und von dem Kanadier Guy Delisle sind bereits mehrere Bände erschienen, in denen er von seinen Aufenthalten an touristisch wenig erschlossenen Orten wie Nordkorea oder Myanmar berichtet.

Aber mit dieser Übersichtlichkeit dürfte bald Schluss sein. In den vergangenen Monaten ist gleich eine ganze Reihe von Reisecomics junger deutscher Autoren erschienen. Betrachtet man allein die beiden jüngsten Veröffentlichungen - Sebastian Lörschers "Making Friends in Bangalore" und Jan Bauers "Der salzige Fluss" - zeigt sich, wie breit das Spektrum der narrativen Zugänge ist.

Sebastian Lörschers Bangalore-Buch ist ein doppelbödiges Schelmenstück, das in der vorgegaukelten Unbedarftheit seiner naiv-bunten Bilder Leben und Chaos der südindischen Metropole einfängt. Lörschers Zeichnungen sind skizzenhaft, ganz so, als seien die kleinen Episoden vom Erlebnis direkt ins Buch geflossen. Jan Bauer hat aus seiner Wanderung durch die australische Wüste einen autobiografischen Comic-Roman geflochten, der in gravitätischen Graustufen von einer zarten - wenngleich äußerst kurzen - Liebschaft erzählt. Da wo Lörscher bunte Direktheit sucht, wählt Bauer den langen Atem. Vielleicht steht dahinter auch der unterschiedliche Charakter der beiden Reisen. Hier die kontemplative Nabelschau beim Wüstenwandern, dort der Wirbelwind einer indischen Metropole.

Irgendwo dazwischen befindet sich der bereits im vergangenen Jahr erschienene Indien-Band des Hamburger Zeichners Philip Cassirer. Das Buch ist das Ergebnis einer dreimonatigen Reise durch den indischen Subkontinent und trägt den schönen Titel "Was kostet ein Yak?".

Schon Joe Sacco sah sich und seine Comic-Reportagen mit dem Vorwurf konfrontiert, dass es nicht möglich sei, im Comic objektiv zu berichten, weil Zeichnungen immer subjektive Interpretationen seien. Joe Sacco löste dieses Problem, indem er in die Offensive ging und den subjektiven Charakter seiner Arbeit offen vor sich hertrug. Dazu gehörte, dass er sich selbst als Figur in seine Geschichten zeichnete und damit den Prozess der Recherche zur Geschichte erhob - ein Erzählprinzip, dem auch die meisten Reisecomics folgen.

Stellte die Subjektivität bei Joe Saccos politischen Reportagen noch ein Problem dar, wird sie bei Reisecomics zur eigentlichen Stärke. Denn ihr Reiz liegt weniger in der naturalistischen Darstellung fremder Länder als vielmehr in der individuellen künstlerischen Verarbeitung subjektiver Eindrücke in Erzählung und Illustration. Das birgt allerdings die Gefahr, dass der thematische Fokus verloren geht - und letztlich gilt auch beim Comic, dass nicht alles, was erlebens- auch berichtenswert ist.

So gleitet beispielsweise Philip Cassirers "Was kostet ein Yak?" allzu oft ab in eine Anekdotensammlung vor exotischer Kulisse. Verdauungsprobleme, aufdringliche Taxifahrer, Kiffen im Himalaja - das ist alles nichts, wovon der durchschnittliche Backpacker nicht selbst in ähnlicher Weise zu erzählen wüsste; auch wenn die Zeichnungen in den meisten Fällen weniger ansehnlich ausfallen dürften.

Wie der Spagat zwischen expressiver Darstellung und objektiver Reportage dennoch gelingen kann, zeigt Olivier Kugler in seinem Band "Mit dem Elefantendoktor in Laos". Olivier Kugler ist ein erfahrener Comic-Reporter. Für den britischen Guardian hat er vom Tahrir-Platz in Kairo berichtet, für sein Projekt "Tee in Teheran" einen Trucker durch Iran begleitet. Für sein Elefantendoktor-Buch ist Kugler mit dem französischen Tierarzt Bertrand Bouchard durch die laotischen Urwälder gereist, um über die Situation der Waldarbeiter und ihrer Arbeitselefanten zu berichten. Es ist eine präzise recherchierte Reportage, in die Kugler zwischen wirtschaftliche und ökologische Beobachtungen immer wieder alltägliche Details einflicht.

Zu präziser Recherche fühlte sich übrigens auch Hergé angespornt, nachdem er für "Tim im Kongo" heftige Kritik erntete. Fortan informierte er sich penibel über die Hintergründe der Handlungsorte seiner Geschichten. Und die französische Ausgabe des Reportagemagazins Geo schickte Reporter auf die Spuren von "Tim und Struppi"; unter anderem in den Kongo. Das wäre damit auch erledigt.




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