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Reportage

Kleiner Grenzverkehr

  • In Baarle gehören manche Häuser zu den Niederlanden, andere zu Belgien. Es ist ein echter europäischer Ort und ein Kuriosum für Touristen
"Manchmal muss man aufpassen“, sagt Willem van Gool, während er sein Auto wendet. Selbst für den Vorsitzenden des Fremdenverkehrsvereins ist die Grenzsituation in seinem Heimatdorf manchmal problematisch: „In Holland darf man entgegen der Fahrtrichtung parken. In Belgien kriegt man dafür ein Knöllchen.“ Nicht ganz unwichtig in einem Dorf, in dem die Landesgrenze des Öfteren entlang des Mittelstreifens verläuft.

  Als wäre ein fetter Klumpen Belgien ins Nachbarland gefallen und dort zerplatzt, liegt Baarle-Hertog inmitten niederländischen Gebiets. Großzügig hat sich der Flatschen über die Landschaft verteilt: 22 belgische Enklaven bildet Baarle-Hertog in den Niederlanden. Drumherum und mittendurch windet sich die niederländische Zwillingsgemeinde Baarle-Nassau. Und als wäre das Land nicht willens, die belgischen Teilstücke widerstandslos zu billigen, finden sich in den 22 belgischen Enklaven wiederum acht niederländische.

  Erst 1995 wurde der Grenzverlauf in Baarle eindeutig festgelegt, dafür aber zentimetergenau. Seither gilt: Ein Haus liegt in dem Land, in dem seine Haustür ist. „Das hat nicht allen gefallen“, sagt Willem van Gool während der Fahrt durch das Dorf. „Hier drüben hat eine alte Frau gewohnt“, sagt er und zeigt auf eine Haustür aus rotlackiertem Holz. Wenige Zentimeter daneben sind auf dem Boden die dicken weißen Kreuze zu sehen, die den Grenzverlauf im Stadtbild sichtbar machen. Nach der neuen Regelung, erzählt Willem van Gool, lag die Haustür in den Niederlanden – und damit das ganze Haus. „Aber die Alte hatte 85 Jahre in Belgien gelebt. Da wollte sie nicht auf einmal in Holland wohnen. Also ließ sie die Haustür versetzen.“

  „Für uns ist das total normal. Die Enklaven faszinieren vor allem Ausländer“, sagt Colinda Leemans. An einem verregneten Sonntag sitzt die junge Frau mit ihrer Familie bei Bier und Eistee in der Kneipe Tourmalet, um das Examen ihrer Schwester zu feiern. Von calvinistischer Nüchternheit findet sich im katholischen Brabant keine Spur. Man kennt sich untereinander und wen man nicht kennt, heißt man schnell willkommen. Von Zeit zu Zeit dreht der Wirt eine Runde, auf dem Arm ein Tablett mit frittierten Snacks. Das Brabantische ist das Verbindende in Baarle, sei es in Sprache oder Lebensart. Denn tatsächlich sind die Grenzen nicht immer so akkurat, wie die weißen Markierungen auf den Straßen vorgaukeln. „Eigentlich bin ich Belgierin“, sagt Colinda Leemans. „Meine Eltern sind zwar Holländer, aber als ich geboren wurde, haben sie in Baarle-Hertog gelebt. Deswegen habe ich die belgische Staatsbürgerschaft.“

  Dennoch finden sich immer wieder Unterschiede in den nationalen Kulturen, die in Baarle über mehr als 700 Jahren gewachsen sind. Die Geschichte hinter der Spaltung des Dorfes beginnt im Jahr 1298, als Herzog Heinrich von Brabant den Landstrich an Godfried von Schoten, den Herrn von Breda, zum Lehen gibt. Dabei besteht der Herzog darauf, dass einzelne Lehensleute und ihre Besitztümer unter seiner Kontrolle bleiben. Diese Gebiete bilden heute den belgischen Ort, der deshalb Baarle-Hertog heißt. Im Laufe der Zeit fielen die Baronie von Breda und damit das umliegende Land an das Haus Nassau. So erklärt sich der Name der niederländischen Gemeinde Baarle-Nassau.

  Diese lehensrechtliche Schachtelkonstruktion wäre mit dem Ende des Feudalwesens passé gewesen. Wenn, ja, wenn der Westfälische Friede von 1648 die Teilung des Ortes nicht zementiert hätte. In diesem fiel die Baronie Breda – und damit Baarle-Nassau – an die Republik der Vereinigten Niederlande. Das Herzogtum Brabant verblieb hingegen mitsamt Baarle-Hertog im Besitz der spanischen Niederlande, auf deren Gebiet später das Königreich Belgien entstand.

Außerhalb des Dorfes markiert die Merkse über weite Strecken die Ländergrenze. Deshalb wurde der Fluss nie begradigt und seine Ufer sind Biotope geblieben, Nistplätze für Vögel und Amphibien. Das Land ist niederländisch-flach, atmet aber herbe Wald- statt Seeluft. Rund um die belgische Kirche im Ortskern von Baarle reihen sich die Cafés und Restaurants. Sonntags sind die schmalen Terrassen gut gefüllt mit Tagesausflüglern. „Die Leute aus dem Umland“, sagt Colinda Leemans, „kommen nicht wegen der Enklaven, sondern wegen des verkaufsoffenen Sonntags.“

 Ein belgisches Gesetz erlaubt es touristischen Orten jeden Sonntag zum verkaufsoffenen zu erklären. Ein eleganter Zirkelschluss: Aufgrund der Enklaven ist Baarle Touristenziel mit gesonderten Öffnungszeiten; und wegen der gesonderten Öffnungszeiten kommen die Besucher. Und obwohl es eine solche Regelung in den Niederlanden nicht gibt, hat Baarle-Nassau vor einigen Jahren per Sonderdekret nachgezogen.

Pflasterstraßen und Backsteinhäuser prägen das Ortsbild von Baarle. Dazwischen sind behutsam moderne Elemente eingelassen; die rondellförmige Fassade einer Bank, die gläserne Erweiterung des ansonsten traditionalistischen Gemeindehauses. Geht man vom Ortskern weiter in die größte der belgischen Enklaven hinein, ändert sich der Charakter des Dorfes. Vielleicht entspringt der Eindruck bloß der Einbildungskraft, die Landesgrenzen noch immer ernst nimmt. Vielleicht rührt er aber auch von den kleinen Läden, deren Gestaltung ebenso billig wirkt, wie die Zigaretten, die sie zu belgischen Preisen verkaufen. Blickt man von der Hauptstraße nach links in die Kapelstraat, buhlen die Werbebanner der Feuerwerksläden um Aufmerksamkeit.

  „Hier in Belgien ist das Feuerwerk billiger“, sagt Stefan Maurer, der in „Zena - de Bunker“, einem der größten Feuerwerksläden in Baarle, hinter der Theke steht. „Und die Böller sind lauter.“ Und, klar, in Belgien sei der Verkauf ganzjährig erlaubt, in den Niederlanden nicht. In einem Hinterhof gelegen, versprüht der Bunker den Charme einer Fabrikhalle. Aus den Boxen dringen gedämpfte Techno-Beats. Die Böller-Girlanden, die sich an Wänden und Decke entlang ziehen, sind so spärlich, dass sie die Kahlheit des Raumes eher noch betonen. „Alles ohne Kruit“, ohne Schwarzpulver, sagt Stefan Maurer. Immer wieder kommen kleine Gruppen von Kunden in den Laden, fast alle sind Niederländer. „Belgier kommen eigentlich nicht“, sagt Maurer. „Die mögen kein Feuerwerk.“

  700 Jahre nach der Teilung soll die Nachbarschaft in eine neue Phase treten. Ab 2015 wollen beide Baarles ihre Zusammenarbeit intensivieren und in nicht allzu ferner Zukunft eine grenzüberschreitende europäische Gemeinde sein, die erste ihrer Art.

  „Aber im Moment gibt es Streit“, sagt Willem van Gool. Gerade hat der Niederländer noch vom belgischen Trappistenbier geschwärmt, jetzt ist er bei der Politik. Wie in den meisten Dörfern dieser Welt liegt auch in Baarle beides eng beisammen. Die Frau, die hinter der Theke steht, sitzt im Gemeinderat von Baarle-Hertog. Und dort ist man über die Pläne der Schwestergemeinde verstimmt. Im vergangenen Jahr hat Baarle-Nassau beschlossen, mit den umliegenden niederländischen Gemeinden Alphen-Chaam und Gilze en Rijen zu fusionieren. Das soll eine effizientere Verwaltung schaffen.

  Das würde nach Meinung der Fusions-Gegner eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe im Enklavendorf erschweren und so den Plan einer europäischen Gemeinde torpedieren. Schon jetzt hat Baarle-Nassau mit seinen rund 6600 Einwohnern ein deutliches Übergewicht gegenüber Baarle-Hertog, in dem nur 2600 Menschen leben. Durch die Fusion, so die Befürchtung, wäre Baarle-Hertog nicht mehr siamesischer Zwilling von Baarle-Nassau, sondern lästiges Geschwür einer deutlich größeren Gemeinde.

  Die europäische Gemeinde wäre ein neues Kapital in der Geschichte eines Sonderstatus, der den Einwohnern von Baarle oft zum Vorteil gereichte. Als Grenzen in Europa noch eine Rolle spielten, florierte in Baarle der Schmuggel. Frauen schmuggelten etwa unter den Kleidern Butter über die Grenze. Jedenfalls bis die Zollpatrouillen auf die Idee kamen, sie bei der Kontrolle neben gut beheizten Kachelöfen warten zu lassen. Da saßen sie dann, verweigerten beharrlich die Aussage, während ihnen unter den Röcken die Schmuggelware langsam die Beine hinab floss. Von solchen Geschichten wimmelt es in Baarle; von Bauern, die Vieh über Landesgrenzen schafften, indem sie es von der Weide in die Scheune trieben und dort verluden; von Banken, durch deren Gebäude die Grenze verlief und die der jeweiligen Finanzbehörde so geschickt das Schwarzgeld vorenthalten konnten.

  „So sind die Leute damals reich geworden“, sagt Colinda Leemans. „Während des Karnevals nennt man Baarle deswegen auch Smokkelgat“, Schmugglerloch. Einen armen Eindruck machen die beiden Baarles auch heute nicht. An den Ortsrändern liegen üppige Vorgärten vor akkurat gesetzten Backsteinhäusern. Der Rasen ist vorbildlich getrimmt, die Autos sind eher einen Tacken zu dick als zu bescheiden. Viele der Einwohner arbeiten in den nahen Großstädten. Breda und Tilburg sind mit dem Auto in 30 Minuten zu erreichen, ins belgische Antwerpen dauert es eine Stunde. Die Bevölkerung ist jung. „Anders als in anderen Dörfern, ziehen die Leute hier nicht reihenweise weg“, sagt Colinda Leemans Freund Bran van Loon. Viele Niederländer zieht es allerdings in den belgischen Teil des Dorfes. Dort wohnt es sich günstiger.