Peter Eichhorn

Freier Journalist und Autor / Kulinarik, Reise, Berlin

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Daydrinking und die neue Aperitifkultur | Peter Eichhorn

Apéro, Aperitif, Aperitivo, Pre-Dinner-Drink. Viele Sprachen haben ihren jeweiligen Begriff heute für das, was bereits die alten Römer verstanden haben. „Aperire" bedeutet im Lateinischen: öffnen. Und so vermag der moderne Aperitif heute, den Magen auf eine bevorstehende Mahlzeit freudvoll vorzubereiten und zugleich den Gaumen zu stimulieren. Aber auch losgelöst von den Essenszeiten, kann derzeit ein neuer Umgang mit gepflegten Getränken auch vor Sonnenuntergang beobachtet werden, das entspannte Daydrinking. Blicken wir auf beide Phänomene, am besten mit einem schönen Drink im Glas.

Beispielsweise einem Wermut, dem klassischsten aller Aperitivos. Schon historische Quellen der Antike und des Mittelalters verweisen auf die lange Tradition, Wein mit Kräutern anzureichern und zu veredeln (oder auch minderwertigen Wein damit zu kaschieren). Oft verbunden mit gesundheitsfördernden Hoffnungen. Mittelalterliche Heilkundige bereiteten entsprechende Elixiere, die Kopfschmerzen, Gedächtnisschwäche, Gelbsucht oder eben Appetitlosigkeit begegnen sollten. Im alten Ägypten erhoffte man dadurch eine aphrodisierende Wirkung. Auch heute hört man zuweilen den Rat, eine Viertelstunde vor dem Essen, einen Kräuterschnaps einzunehmen. Die Kräuter regen im Magen die Tätigkeit des Verdauungsenzyms Pepsin an

Wichtiger Bestandteil in den Mischungen bis zum heutigen Tage ist das „Artemisia absinthium", das Wermutkraut, welches den Wein aromatisiert und als Namenspate für die Gattung steht. Die erste kommerzielle Marke entsteht in Turin im Jahre 1786, als die Rezeptur von Antonio Benedetto Carpano begeistert. Der neue Trend verbreitet sich von Italien aus in die weinanbauenden Nachbarländer, und so werden insbesondere Frankreich, aber auch Spanien, die Schweiz, Österreich und Deutschland zu hochwertigen Wermutproduzenten.

Die Vielfalt ist immens. Sie reicht von Rot über Rosé bis zu Weiß und von sehr süß bis staubtrocken. Für alle gilt bei der Herstellung, dass ein Grundwein mit Zucker, Gewürzen, Kräutern oder Früchten versetzt und mit Alkohol aufgesprittet wird. Zumeist erfährt der Wermut eine anschließende Lagerung in Holz oder Stahl, bevor mit einem Alkoholgehalt von ca. 14 bis 20 Vol.% Alkohol in die Flasche kommt. Möglichkeiten, die filigrane Kräutergenüsse als Wermut oder Kräuterdestillat zu verkosten, bietet die ProWein, die weltweit größte Fachmesse für Weine und Spirituosen vom 17. bis 19. März 2019, reichlich. Sei es ein Wermut von Cupf (Halle 7.0/C09), ein Kräuterlikör von HirschRudel (Stand Halle 7.0/A01) oder eine Spezialität aus dem Hause Roner (Halle 7.0/C38). Und auch ein balancierter Aquavit, beispielsweise der Marke „Linie" am Stand von Arcus Norway (Halle 7.0/C25), darf getrost zu unserer Aperitif-Gattung zählen. Genau wie ein Leipziger Absinth aus der Leipziger Spirituosen Manufaktur (Halle 14/B70). Und auch am Stand von Schlumberger ist eine abwechslungsreiche Aperitifauswahl von Schaumwein bis Wermut gewiss (Halle 14/B92). Aber insbesondere gilt das Augenmerk den italienischen Ausstellern, wie Dilmoors aus Pedrengo (Halle 16/D68), die mit ihrem Bitter und Aperitivo sogleich die Sehnsucht nach Spritzz und Negroni auf die Zunge zaubern.

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