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Reportage

Booom, dann biste weg

Christopher Schönwitz aus Marzahn hat sich vor sechs Monaten freiwillig zur Bundeswehr gemeldet und will schon wieder aufhören. Eine Soldatengeschichte


Ich will nicht nach Afghanistan, sagt der Soldat, ich hab keine Angst, echt nicht, aber der Punkt ist, wenn du im Wagen sitzt, was willste machen, booom, dann biste weg, so schnell kannste gar nicht gucken, wie die irgendwo nen Sprengsatz drangemachthaben, das ist das Schlimme an Afghanistan. Oder am Checkpoint, sagt der Soldat, kommt einer vorbeigefahren, booom, und selbst, wenn er dich nicht mitnimmt, einen trifft er immer. Und wie ist das dann für die Eltern, wenn da einer kommt und sagt, ihr Sohn ist tot. Was haben die davon? Nen Scheiß! Zehntausend Euro? Was ist ein Menschenleben wert? Gar nichts! Das ist nicht toll, echt nicht. Ich hab nen Kumpel, der verdient zweieinhalbtausend im Monat auf Montage, und der ist nicht in Afghanistan, der macht Schweißer. Wo ist da die Realität? Ja, ganz ehrlich?

Die Realität ist eine andere, als der Soldat sie sich vorgestellt hat. Aber jetzt ist er nun mal bei der Bundeswehr. Vor sechs Monaten hat er freiwillig unterschrieben, als einer der Ersten, niemand hat ihn angeworben, niemand hat ihn gezwungen. Die Wehrpflicht war noch nicht einmal offiziell ausgesetzt. Er wollte Geld verdienen. Gutes Geld, schnelles Geld, pünktliches Geld, sagt der Soldat. Das ist einfach bei der Bundeswehr, das sahen viele seiner Kameraden genauso. Erst kommt die Grundausbildung, dann kommt der Kasernendienst. Es bleibt viel Raum für Gedanken und Zukunftspläne, die man auch wieder verwerfen kann. Siebzehn Monate hat der Soldat noch vor sich.

Name: Christopher Schönwitz

Alter: Einundzwanzig

Geburtsort: Hoppegarten

Regiment: Infanterie

Dienstgrad: Obergefreiter

Sold: Etwa eintausend Euro

Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, hat der Soldat gesagt. Das war beim Gelöbnis auf dem Kasernengelände, seine Eltern waren dabei. Die Mutter arbeitet bei Netto, der Vater bei Obi, sie waren mit dem Auto aus Hoppegarten gekommen. Sie haben gesehen, wie wir da alle strammstehen, sagt der Soldat, da ist es ihnen richtig bewusst geworden. Meine Mutter hat mich danach nochmal angerufen und gefragt, ob ich mir das richtig überlegt hab mit der Bundeswehr. Du machst dich hier nicht tot, hat der Soldat seiner Mutter geantwortet. Er meinte da noch den Kasernendienst. Sie hat bereits an etwas anderes gedacht.

Eigentlich wollte der Soldat nicht zur Bundeswehr. Die Schule hat er mit sechzehn und einem passablen Zeugnis abgeschlossen, dann hat er Dachdecker gelernt und zwei Monate als Geselle auf dem Bau gearbeitet. Aber das kannste nicht ewig machen, sagt er, mit vierzig ist dein Rücken kaputt. Als die ersten Briefe von der Bundeswehr kamen, die Erfassung, die Aufforderung zur Musterung, da hat er es einfach geschehen lassen. Er ist vor zwei Jahren ins Kreiswehrersatzamt nach Cottbus gefahren. Tauglichkeitsstufe eins. Jetzt hatte er erst mal Ruhe, es kamen keine Briefe mehr, verweigern konnte er später immer noch. Zwischendurch hat er es als Mechaniker versucht.

Ich war nie faul gewesen, sagt er, man findet immer Arbeit, wenn man nicht faul ist, hab keine Lücke im Lebenslauf, bislang hat alles so geklappt, wie ich wollte. Nur der große Traum, Trainer im eigenen Fitnessstudio sein, ist nicht in Erfüllung gegangen. Es fehlte das Geld, das oft fehlt, wenn es um große Träume geht. Außerdem hätte er sein Abitur nachmachen müssen, vielleicht sogar studieren. Damit war das Thema durch, sagt der Soldat, ich hatte keinen Bock mehr auf Schule.

Seine Freunde haben von der Bundeswehr geschwärmt. Das ist ein sicherer Arbeitsplatz, haben sie gesagt. Wenn der Zahltag auf Samstag fällt, dann gibt es halt vorher Kohle. Und wenn du Urlaub nimmst, haben sie gesagt, dann haste ihn auch. Mehr musste er nicht wissen. Mehr wusste er auch nicht. Die Freunde waren zu diesem Zeitpunkt noch Schulterglatzen, keine Abzeichen, also nicht einmal Gefreite. Der werdende Soldat hatte nie zuvor eine Waffe mit scharfer Munition in der Hand.

Der erste Tag in der Kaserne ging schnell vorbei. Um zwei Uhr dagewesen, rumgelaufen, alles gesehen, dann Stubeneinteilung, mit Kameraden gesprochen, zusammen Stuben eingerichtet, sagt der Soldat, aber erst drei Tage später eingekleidet, zum Essen ohne Uniform marschiert. Die Zeit danach: Dienstbuch bekommen, geputzt, Dienstgrade gelernt, geputzt, Sport gemacht, Kraftraum, Kasernenrunde, acht Kilometer, geputzt, dann Waffenausbildung, und wieder von vorn, sagt der Soldat, dann Anschlagsarten geübt, liegend, kniend, stehend, dazwischen im Grundgesetzbuch gelesen, Paragrafen, Test, mit Zwei plus bestanden, dann wieder marschiert, still gestanden, ein paar Mal im Wald gewesen, Nachtorientierung, Test, wer ist der Innenminister, wer die Bundeskanzlerin, sämtlicheAbkürzungen verstanden und was tun, wenn man im Graben liegt. Das hat mich am Anfang alles interessiert, sagt der Soldat.

Die Grundausbildung hat ihm auch Spaß gemacht, wie es einem jungen Mann eben Spaß macht, der als Kind mit Spielzeugpistolen auf unsichtbare Feinde geschossen hat und gesehen hat, wie der amerikanische Fernsehpatriot John Rambo durch Minenfelder gelaufen ist. Im dritten Teil auch durch Afghanistan. Am Anfang hat er sich noch als Soldat gefühlt, es war ein gutes Gefühl. Mit der Kompanie im Wald, den schweren Rucksack geschultert, den Kompass in der Hand, Grünzeug, Tarnschminke. Teil einer Gruppe zu sein und mit dieser auskommen zu müssen, das hat ihm gefallen. Er wollte sich weiterverpflichten, vielleicht Berufssoldat werden, oder auf Zeit bei der Bundeswehr bleiben, jedenfalls hat er es nicht ausgeschlossen.

Doch dann kamen nur noch Wiederholungen, die Langeweile, dieser ständige Begleiter im Dienst, und der Plan, Feldwebel zu werden oder vielleicht doch nur irgendwo am Schreibtisch zu sitzen, eine zivile Karriere bei der Bundeswehr zu machen, verschwandaus seinem Lebensentwurf. Nee, das war nicht mehr mein Ding. Er wollte sich auch nicht mehr von jüngeren Vorgesetzten herumkommandieren lassen, nur weil sie einen höheren Dienstgrad hatten. Und er hat entschieden, dass Geld kein Motiv ist und auch nicht sein darf, um sein Leben zu riskieren. Aber ich mach das zu Ende, wenn ich was angefangen hab, sagt er.

Der Soldat liegt auf einer Matte, in einer Reihe mit fünf anderen Kameraden, die das Sturmgewehr G36, die Standardwaffe der Bundeswehr, zerlegen und wieder zusammenbauen, zerlegen und wieder zusammenbauen sollen. Zuvor hat der Ausbilder das Lernziel formuliert und die Sicherheitsbestimmungen abgefragt. Das war die Theorie, jetzt folgt die Praxis. Gaskolben, Antriebsstange, Handschutz, Mündungsfeuerdämpfer, Magazinschacht, Verschluss mit Spannhebel, Bodenstück mit Schließfeder, Griffstück, Trageriemen. Bei einem Soldaten klemmt irgendwas. Stellen Sie sich vor, Sie sind in Afghanistan und es kommt kein Schuss raus, sagt der Ausbilder. Alle lachen, es geht bei der Bundeswehr nicht mehr so streng zu wie früher. Dann meldet Schönwitz pflichtbewusst, aber nicht ganz korrekt: Gewehr ist geladen und entspannt. Sein Mattennachbar schaut ihn an, Digga, sagt er, das heißt gespannt. Gespannt, mein ich doch, sagt der Soldat, entspannt bin ich. Jetzt muss auch der Ausbilder lachen und erklärt, das Lernziel ist erreicht. Fünf Minuten Pause. Wer will, darf rauchen.

In der Kaserne ist Krieg eine vage Vorstellung. Der Soldat kann ihn allenfalls simulieren, weil das Risiko, an einem Auslandseinsatz teilnehmen zu müssen, eher gering ist. Wer sich nicht ausdrücklich darum bemüht, wer keine spezielle Ausbildung hat, wird nicht in eine Krisenregion geschickt. Deshalb wird der Soldat, der selbst einem theoretischen Einsatz mit Befremden und Argwohn gegenübersteht, nach seiner Dienstzeit wieder Zivilist sein. Er wird nicht in einen Krieg ziehen, den er nicht versteht, mit dem er nichts zu tun hat und über den sich auch andere wundern, dass er selbst nach zehn Jahren nicht Krieg heißen darf, obwohl er doch so blutig wie einer ist. Es bleibt aber ein Risiko, das weiß der Soldat. Unterschreiben musste ja auch er diesen Satz: Ich erkläre meine Bereitschaft zur Ableistung von Wehrdienst zur Hilfeleistung im Ausland. Dann haste Pech gehabt, sagt ein Berufsberater der Bundeswehr am Telefon.

Afghanistan ist ein Land, das der Soldat nur aus dem Fernsehen kennt. Er schaut oft N24, wenn er vom Dienst kommt oder vom Fitnesstraining oder der Tag einfach nur noch enden soll. Neulich ging es um die deutsche Wiederaufbauhilfe am Hindukusch, um Schulen, Krankenhäuser, Polizeistationen, um die guten Dinge, die vorzeigbaren. In der zweiten Doku im Anschluss ging es um drei gefallene Kameraden. Das sieht man seltener. Das sind halt immer so ne Querulanten, die alles wieder kaputtmachen, sagt der Soldat, die wollen nur Menschen töten. Afghanistan ist ein komisches Land. Erst kommen da Berge, dann komplette Wüste, dann ist alles aufgebaut, da blüht das Leben. Komplette Wüste! Komplettes Leben! Und da laufen die rein, die Taliban.

Die Kaserne des Soldaten liegt im Norden Berlins, in direkter Nachbarschaft zum Flughafen Tegel. Manchmal stocken die Gespräche, selbst Befehlshaber halten inne, wenn eine Maschine im Landeanflug noch jedem die Stimmgewalt nimmt. Die Kaserne ist heute nach Julius Leber benannt, einem deutschen Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus. Ursprünglich nach Hermann Göring. In der Zwischenzeit, als die Franzosen in Berlin stationiert waren, nach Napoleon.

Anfang Juli stand der Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière hier hinter einem Rednerpult und erklärte den neuen Rekruten, den ersten offiziellen Freiwilligen, warum es ungemein wichtig, absolut notwendig und längst überfällig war, die Wehrpflicht auszusetzen. Selbst nach sechzig Jahren. Wir müssen gemeinsam in die Zukunft gehen, sagte der Minister. Brigadegeneral von Braunstein, der Standortkommandeur, der Hausherr sozusagen, nickte, als würde ihm zur Gewissheit immer noch der Glauben fehlen. Danach stellte der Minister den neuen Claim der Bundeswehr vor. Wir. Dienen. Deutschland. Drei Worte. Und drei Punkte. Aber eigentlich müssten es Ausrufezeichen sein, so wie der Minister an diesem regnerischen Morgen zu den neuen Rekruten sprach. Wir brauchen Sie! Wir zählen auf Sie! Seien Sie willkommen! Die Bundeswehr, das betonte er dann auch noch, ist sehr stolz darauf, dass sie bei der Claimfindung keine Werbeagentur zurate gezogen hat.

Nach seiner Rede schüttelte der Minister alle Rekrutenhände, die sich ihm entgegenstreckten. Dann stellte er zwei Fragen. Immer die gleichen. Wo kommen Sie denn her? Schwerin. Was haben Sie vorher gemacht? Ausbildung im Einzelhandel. Schön, dass Sie bei uns sind. Später verkürzte er die Vorstellungsrunde aus Zeitgründen auf die Frage nach der Herkunft.

Ganze Sätze kamen den offenbar aufgeregten Rekruten erst über die Lippen, als die Fernsehleute wissen wollten, warum ein junger Mann - eine junge Frau wollte sich an diesem Tag nicht verpflichten - noch zur Bundeswehr will, wo er doch gar nicht mehr muss. Ein Achtzehnjähriger sagte, dass er hier die Zeit bis zu seinem Studium überbrückt. Ein anderer schaut sich das Ganze nur mal an. Ein dritter sprach von seinem Vater, der im Kosovo stationiert war, ein vierter von seinem Opa, einem Franzosen, der eigentlich nur Gutes über den Krieg erzählt hat. Die Fernsehleute fragten jetzt nach Afghanistan. Kann ich mir vorstellen, eher nicht, was weiß ich, antworten die Freiwilligen, ich muss doch nicht hin, wenn ich nicht will, oder?

Etwa einhundert Meter von der Begrüßungszeremonie entfernt, in einem betongrauen, zweistöckigen Kasernengebäude, saß der Soldat an einem Eingangsschalter und diente Deutschland. Sein Name stand mit Kreide an einer Schiefertafel geschrieben. Zu seinen Aufgaben gehörte das allgemeine Aufpassen, speziell das Auffüllen von Seife und Papierhandtüchern in den Bädern, ansonsten, was eben so anfiel. Neben ihm, zur Hilfe, saß der Gefreite vom Dienst. Und davor standen die nächsten Rekruten und ihre Eltern, manchmal Geschwister, ein paar Freundinnen waren auch dabei. Sie warteten alle darauf, den Minister zu treffen und ihm die Hand zu schütteln. So was hat es bei uns nicht gegeben, sagt der Soldat. Ich wär doch nie auf die Idee gekommen, am ersten Tag meine Eltern mitzubringen.

Es gibt Freiwillige, die haben bereits am ersten Tag in der Kaserne den Dienst an Deutschland quittiert. In Berlin und an vielen anderen Standorten auch. Danach wurden es immer mehr. Als die uns am Anfang gefragt haben, wie lange wir bleiben wollen, haben welche die Hand gehoben und zwölf Jahre gerufen, sagt der Soldat. Die meisten von denen siehste heute nicht mehr, die sind längst weg.

Seit der Aussetzung der Wehrpflicht hat etwa jeder Fünfte vorzeitig aufgehört. Sechs Monate hatten die Rekruten eigentlich Zeit dafür. Eine gegenseitige Schnupperphase nennen sie das in den Kasernen. Viele gaben private Gründe an, andere hatten einen Job gefunden oder sich den Dienst anders vorgestellt. Offensichtlich hat die neu strukturierte Bundeswehr, die als Dienstleister verstanden werden und sich als Ausbilder und Arbeitgeber im Wettkampf mit der freien Wirtschaft positionieren will, es bislang nicht geschafft, die Jugend zu überzeugen. Und dann hat sie auch noch Ärger mit Jugendschützern und Menschenrechtsorganisationen, die anprangern, dass Jugendoffiziere in Schulen oder auf Messen zu offensiv um Minderjährige werben.

Es ist Freitagvormittag, Viertel vor zwölf, die ersten Soldaten verlassen das Kasernengelände. Auf Fahrrädern, zu Fuß, in Gruppen oder allein, in Uniform oder Zivil. Die meisten jedoch sitzen in tiefer gelegten Autos. Mit Breitreifen und verspiegelten Heckscheiben. Berlins naher Osten. OHV. HVL. MOL. BAR. TF. Aus den halb geöffneten Fenstern wabern Bässe und Zigarettenqualm. Die Soldaten passieren die Pforte, lassen die Warntafeln hinter sich. Militärischer Sicherheitsbereich! Vorsicht Schusswaffengebrauch! Sicherheitsstufe Alpha - das ist die niedrigste im Militärjargon. Also keine Gefahr für deutsche Soldaten in Deutschland. Sie haben Dienstschluss. Einige Urlaub. Ich will sie nicht weiter langweilen, hat der Vorgesetzte zum Abschied gesagt. Der weiß ja selber, dass wir ins Wochenende wollen, sagt der Soldat, es sind normale Männer, die wissen, was Wochenende ist.

Der Soldat öffnet die Beifahrertür. Er trägt noch die grüne Bundeswehrmütze schief auf dem Kopf, parallel hängt eine Kippe im rechten Mundwinkel, sein Rucksack liegt auf dem Rücksitz. Er fährt nach Hause, er ist ein Heimschläfer. Und gleich ist der Soldat endlich kein Soldat mehr. Zumindest ein Wochenende lang. Dann ist er Zivilist. Ein Barmann, der jeden Freitag hinter dem Tresen steht, um seinen Sold aufzubessern. Ein Discobesucher, der manchmal am Türsteher scheitert, weil seine Haare zu kurz sind. Ein Kumpel, der zu Festivals oder Autotreffs fährt. Ein Sohn, der jeden Sonntag bei seinen Eltern in Hoppegarten vorbeischaut und auch mal das Dach deckt. Ein netter Kerl eben, mit sauberen Turnschuhen und im Kraftraum antrainierten Oberarmen, einer, der feiern und Mädels kennenlernen will. Aber lieber nichts Festes, sagt der Zivilist, das nervt irgendwann.

Er wohnt in Marzahn, im sechzehnten Stock, Platte, Partnerstadt Minsk, die vierspurige Allee der Kosmonauten ist mal wieder verstopft. Der tägliche Pendlerstrom. Am Haus sind Kameras angebracht, die jeden Winkel erfassen, nur tagsüber steht die Schranke offen. Im Erdgeschoss reiht sich Friseursalon an Änderungsschneiderei an Billardhalle. Der Zivilist stellt seinen roten Golf im Parkverbot ab. Das geht schon in Ordnung, sagt er und steigt aus. Irgendwann, hoffentlich bald, fahr ich wieder nen BMW, ne echte Waffe, mit Gastank, ist billiger, aber ordentlich Power. Er steht schon in der Garage bei nem Kumpel, muss nur umgerüstet werden. Noch fehlt die Kohle, sagt der Zivilist und holt die Post aus dem Briefkasten Nummer einhunderteinundsechzig. Zweihundert gibt es.

Nur ein paar Meter entfernt sitzt eine alte Frau hinter einem Schalter wie am Empfang eines Hotels. Grimmig schaut sie auf Listen und Monitore, sie muss den falsch geparkten Golf sehen. Die weiß, dass ich von der Bundeswehr komme, sagt der Zivilist. Das sind die Vorteile einer Uniform. Er grüßt und geht zum Fahrstuhl. Nach oben. Eins. Sieben. Elf. Sechzehn.

Der Blick geht auf Balkone, Fenster, Gardinen. Dazwischen ist viel Grün, ein künstlich angelegter Tümpel, daneben ein Trümmerberg aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Zivilist möchte hier bald wegziehen. Er will raus aus Marzahn, wo zu viele Idioten sich herumtreiben, viele Russen, gegen die er eigentlich nichts hat. Am liebsten würde er noch weiter an den Stadtrand ziehen, richtig ins Grüne, sagt der Zivilist, und keine Platte mehr, sondern Altbau, saniert.

Das Wohnzimmer ist auf den Fernseher ausgerichtet, fünfzig Zoll, eine Playstation mit vier Controller hängt dran, davor eine schwarze Ledercouch. Die Wände sind weiß, kein Poster, kein Bild. In der Vitrine stehen zwei leere Flaschen Jägermeister, Schokohasen, Schokomarienkäfer. Mein Mitbewohner ist auch bei der Bundeswehr, kommt gleich, sagt der Zivilist. Er setzt sich auf die Couch, breitbeinig, sein Blick wandert nervös vom Fernseher zur Wand, er scheut langen Augenkontakt.

Ich will nicht ins Ausland, das ist der Scheidepunkt, sagt der Zivilist. Es gibt genug, die geschädigt sind, die müssen den totalen Schatten haben, die haben meistens so nen Tick, die schauen verkrampft nur ihre Hände an, die sind zu sehr in ihrer Rolle drin, die sie nicht verarbeitet haben. Kenne zwei, sagt der Zivilist, die im Kosovo waren, saßen nur noch vor dem Handy rum oder in irgendwelchen Chats. Man müsste anderen Ländern helfen. Afrika, die ganzen Krankheiten, die brauchen das. Es ist richtig, dass man hilft, aber ich weiß nicht, Afghanistan? Für mich ist es irgendwo sinnlos, da einzugreifen, solange da nicht so richtig Frieden ist, was nie sein wird, glaub ich, geh ich da nicht rein. Kann gut sein, sagt der Zivilist, kann sein, dass in drei Jahren alles besser ist, kann noch viel schlimmer sein, aber das weiß man halt nicht in Afghanistan. Ich häng zu viel an meinem Leben. Meine Mutter hat mich großgezogen, hat nen guten Jungen aus mir gemacht. Warum soll ich das für sechs Monate, fünfzehntausend Euro aufs Spiel setzten? Bundeswehr ist schon die Richtung, die mir gefällt, macht mir Spaß, aber es erfüllt mich nicht, sagt der Zivilist. Dann schon eher zur Polizei, wenn die Dienstzeit abgelaufen ist, oder zum Zoll oder in den Knast. Die brauchen immer gute Leute, die arbeiten wollen.

Er öffnet einen Briefumschlag. Der Polizeipräsident schreibt. Der erste Strafzettel in meinem Leben, sagt der Zivilist, nur neun drüber, geht eigentlich. Er lacht, was er sonst selten tut, und setzt Kaffee auf. Trinkt ihn später ohne Zucker. Ohne Milch. Der Mitbewohner ist jetzt da. Er trägt noch seine Uniform und glaubt auch nicht mehr daran, dass für deutsche Soldaten noch etwas zu holen ist in Afghanistan. Er ist mit seiner Freundin gekommen. Sie hat gemachte Nägel und getönte Haare und geht nur beiläufig darauf ein, wie lange sie dafür im Studio saß. Es ergeben sich kurze Gespräche über die vergangene Woche, über die Ausbildung, und das kommende Wochenende, über ein Konzert. Dazu rauchen alle Zigaretten aus Polen. Die holt der Zivilist, wenn er zum Tanken über die Grenze fährt, nicht weiter, Polen kenn ich nicht.

Polen beginnt etwa einhundert Kilometer östlich von Berlin. Der Krieg etwa fünftausend.


Erschienen am 22. Oktober 2010