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Reportage

Abbaden

Das Freibad bietet viel mehr als Erholung und Unterhaltung, es ist ein demokratischer Ort. An den Kassenhäuschen gibt es keine Klassenunterschiede. In den Umkleidekabinen haben alle Menschen das gleiche Recht auf Föhn und Fußpilz. Und trotzdem sollen wir uns fürchten? Ein Badeausflug zum Ende der Sommersaison

Ich weiß, was ich im Sommer getan habe. Wir waren jung, betrunken, bereit, in dieser heißen Julinacht das Gesetz zu brechen, Hausfriedensbruch zu begehen, fast zwanzig Jahre ist das her.

Es hatte sich herumgesprochen, dass es da ein Loch gab im Zaun, einen geheimen Zugang zum kleinstädtischen Freibad. Bevor wir auseinandergehen würden in die Welt der Erwachsenen, wollten wir ein letztes Mal als Jugendliche zusammen sein. So wie Generationen von Schulabgängern vor uns auch, die Freibadeinbruch auf ihren Erledigungslisten notiert hatten. Zu erledigen, bevor das Leben zur Dauerschleife aus Verantwortung und Konsequenz verkommt.

Das Loch war tatsächlich da, über uns ein schief lachender Mond, sonst niemand. Kein Wachschutz, und auch nicht der dicke Bademeister, der uns die deutsche Verbotssprache gelehrt hatte: "Das seitliche Einspringen, das Hineinstoßen oder Werfen anderer Personen in das Schwimmbecken ist untersagt."

In dieser Nacht stießen wir die Badeordnung um, stiegen unbeaufsichtigt über die Absperrkette vor dem Fünfmeterturm, sprangen ins Viereck. Das Wasser spritzte, das Bier schäumte, wir tauchten Händchen haltend den Kachelgrund entlang, schworen uns Dinge, die wir niemals halten sollten. Flaschen und Kippen warfen wir später in den Mülleimer. Wir waren ja anständige Einbrecher, keine Polizeimeldung wert.

DAS MENSCHENKINO Wolken, Wind, Wasser, das war das WWW unserer analogen Freibadjugend, niemand flog damals billig in den Urlaub. Erst kamen wir in Begleitung unserer Eltern und Großeltern, lernten, uns wie Frösche zu bewegen. Bald schlüpften wir allein durchs Drehkreuz, mit den besten Freunden, der ersten größeren Liebe im Arm. Gefühle waren tief wie das Meer. Im Freibad gab es häufig Stau auf der Rutsche.

Wir pumpten Wasserpistolen und Muskeln auf, am Kiosk wurden wir zu Meistern im aktiven Anstehen. Wenn ihr ins Becken pinkelt, erzählen wir den Schwimmbadanfängern, werde sich das Wasser rot verfärben. Alles über Lichtschutzfaktor 8 war lächerlich. Die Sommerferien dehnten sich wie Kaugummi und hatten nach sechs Wochen immer noch Geschmack. Vier Colakracher explodierten im Mund. Arschbombenalarm.

Ein Freibad ist wie Menschenkino, alle Genres sind erlaubt. Doch mit den Jahren ändert sich die Rolle, man ist Zuschauer, nicht mehr Hauptdarsteller, man entdeckt das Nichtstun als Kulturtechnik. Der Wasserkreislauf schließt sich, wenn die eigenen Kinder begreifen, dass Baden mehr sein kann als Körperpflege. Dass ins Becken mehr Spielzeug passt als in eine Wanne.

Die Kinder von heute gehen freitags für den Umweltschutz auf die Straße, sind einerseits gegen Plastikmüll, andererseits schleppen sie am Wochenende aufblasbare Flamingos ins Schwimmbad, parken angeknabberte Plastikdonuts achtlos im Wasser wie Papa den SUV auf dem Fahrradweg.

Das Freibad bietet viel mehr als Erholung und Unterhaltung, es ist ein demokratischer Ort. An den Kassenhäuschen gibt es keine Klassenunterschiede. In den Umkleidekabinen haben alle ein Recht auf Föhn und Fußpilz. Alle Menschen sind gleich im Wasser. Im Leitbild der Berliner Bäder-Betriebe steht zuerst: "Wir bieten ein wohnortnahes und abwechslungsreiches Angebot für die Bevölkerung in ihrer gesamten Vielfalt."

Handtuch gelegt an Decke, Schwimmflügel gefühlt auf Beinschlag wird man zum Zeugen von Tattootrends und Bräunungsgraden, Kritiker von Baucheinzugskünsten. Man kann leichte oder leichteste Bademode aus drei Jahrzehnten studieren, sich fragen, ob da einer noch schwimmt oder schon Erste Hilfe braucht. Man sieht Paare daran scheitern, Zärtlichkeiten auf ein Minimum zu reduzieren. Man spürt die Angst auf dem Zehnmeterturm, wenn die Wasseroberfläche auf die Größe einer Blauen Mauritius zusammenschrumpft. Und irgendwo steht immer ein Halbstarker an der Schwelle zur Vollidiotie. Weil er es muss, weil er es gerade im Schwimmbad am besten kann. Die Pubertät ein feuchter Schrei nach Liebe.

DIE RETTUNGSSCHWIMMERIN Das Sommerbad Wilmersdorf wurde 1956 auf dem Gelände eines abgerissenen Gaswerks angelegt. Das Wiesengrün ist satt, ein Ring aus Bäumen spendet Schatten, man kann hier die Großstadtseele an einem wolkenlosen Himmel baumeln lassen. In Eingangsbereich klebt ein ausgeschnittenes Zitat von Mark Twain: "Sommer ist die Zeit, das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war." An diesem Vormittag ist der Herbst schon nah. Bis Ende September dauert hier das Abbaden.

Fünf Mädchen haben sich im Sitzkreis arrangiert, picken Weintrauben aus einer Tupperdose. Eine Frau baut eine Kopfklappliege auf, das X aus Kondensstreifen über Berlin sieht nur so aus wie ein durchkreuzter Urlaubsplan. "Ich wäre lieber auf einer Insel", sagt ein Mann. "Aber hier ist es auch schön." Er liegt auf einem Sitzkissen eines Erdnusslockenherstellers, Schriftzug: "Lock dich aus."

Es gibt drei Becken, für große Schwimmer, kleine Plantscher, Springer vom Brett und Turm. Hier taucht ein Kopf auf, dort tauchen zwei unter, ein Kraulen und Kräuseln, Kinder lachen. Es riecht nach Sonnencreme, Chlor, Pommes, Gummischlangen kosten fünfzig Cent am Snackpoint. "Im Sommer machen wir immer Schaschlik", erklärt ein Badegast einem anderen. "Mit Mayonnaise, Zitronensaft, so wird das Fleisch zart."

Auch in diesem Sommer gab es meist nur negative Meldungen: "Schwimmbad evakuiert: Gefährliche Chemikalie bedroht Badegäste" (Nordrhein-Westfalen), "Wegen Kabelbrands: Rund 350 Menschen verlassen Schwimmbad" (Rheinland-Pfalz), "Erneuter Einbruch in den Schwimmbadkiosk" (Baden-Württemberg).

Immer wieder gab es auch Schlagzeilen, die mit "Tatort Schwimmbad" begannen und mit rassistischen Debatten endeten, wie nach den Vorfällen im Düsseldorfer Rheinbad Ende Juni. AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen schrieb von "aggressiven Migranten" auf Facebook, "friedliche Badegäste" seien bedroht worden. Die Polizei stellte später fest: "nichts Strafrelevantes".

Doch Fakes verfingen mehr als Fakten. Die Folgen des Klimawandels im Schwimmbad: aus Spaß wurde Angst. Der rechtspopulistischen AfD ist es egal, dass es keine Untersuchung gibt, die mehr Migration mit mehr Gewalt in Verbindung bringt, dass Kriminalität in Schwimmbädern nicht zugenommen hat, wie eine Recherche der ARD ergab.

Rettungsschwimmerin Barbara Stubbe, 65, Lichtschutzfaktor 50, Sonnenbrille, kurz in Blau und Rot bekleidet, sagt am Beckenrand: "Wir wollen, dass auch mal positiv über Schwimmbäder berichtet wird." Sanierungsbedarf, Schließungen, Personalmangel, schon klar. Aber wann bitteschön stand schon mal in der Zeitung, dass eine Familie einfach mal nur einen glücklichen Tag im Schwimmbad verbracht hat?

Stubbe hat die Aufsicht über das Kinderbecken in Wilmersdorf. Mit vierzehn wurde sie zum ersten Mal DDR-Meisterin im Rückenschwimmen, mit sechzehn gewann sie Staffelgold bei den Europameisterschaften in Barcelona, mit achtzehn hörte sie auf, studierte Sport in Leipzig, wurde Schwimmtrainerin. Ihr Leben war immer nah am Wasser gebaut. "Man braucht Gefühl", sagt sie, "man schwimmt nicht gegen das Wasser, das Wasser ist mein Freund."

Das Schwimmbad sei wie ein Familienbetrieb. Nette Kollegen, mit denen sie lachen kann, freundliche Gäste, mit denen es sich plaudern lässt. Stubbe korrigiert auch mal die Kraultechnik. Man schwimmt ja ruhiger als früher, achtet mehr auf eine stromlinienförmige Haltung, weniger auf die Kraft. Auf Freunde prügelt man nicht ein. Stubbe wird das alles vermissen, wenn sie bald in Rente geht. Es ist ihr letzter Sommer im Freibad.

Es gab auch mal Probleme. Serben, Kroaten, arabische Großfamilien, deutsche Kleingeister. Studien beweisen, dass Hitze und nicht Herkunft mit Aggression zusammenhängt. Seit Jahren sei es ruhig, sagt Stubbe. "Die Leute haben verstanden, dass sie nicht alles machen können, dass sie nur Gäste hier sind." Sie haben trotzdem eine direkte Durchwahl in die nächste Polizeistation. Und ja, manchmal finden sie morgens leere Flaschen am Beckenrand. Es gibt keine Löcher, aber ein paar Schwachstellen im Zaun.

Was Stubbe wirklich Sorgen macht: "Es gibt zu viele Kinder, die nicht schwimmen können." Sie ahnt die nächste Frage. Nein, in über zwanzig Jahren sei nichts passiert, nur ein paar aufgeschürfte Knie. Aber das ist eher keine Meldung wert. Auch nicht, dass ein Schwimmbadbesuch nicht gefährlicher sein muss als ein Spaziergang im Park, das Warten auf den Bus. Unterschied: Da kommt keiner angerannt, wenn das Herz mal stehenbleibt.

DIE SCHWIMMAKTIVISTIN Bianca Tchinda lernte das Schwimmen im Fluss, als sie vier Jahre alt war. Du musst schneller sein als die Fische, sagte ihr Vater. Sie war zumindest schneller als andere Kinder, nahm in Niedersachsen an Meisterschaften teil. Mit vierzehn hatte sie aber andere Pläne, nicht die Disziplin, die es braucht, um Leistungssportlerin zu werden. Beharrlich ist sie aber schon, man nennt sie Schwimmaktivistin.

Tchinda, 55, trägt ein Kopftuch aus modischen Gründen, wir sitzen auf Holzbänken. Die ersten Frühschwimmer kommen um kurz nach zehn ins Sommerbad Mariendorf, einem "Paradies der Großstadt", wie Tchinda sagt. Gleich wird sie eine Badekappe aufsetzen. Mindestens zwölf Kilometer schwimmt sie pro Woche, sie zählt Kacheln, bevor die nächste Wende kommt. "Schwimmen", sagt sie, "ist eine Lebenseinstellung."

Tchinda hat den Verband der Berliner Bäderbesucher gegründet, der sich für die Bedürfnisse der nicht im Verein organisierten Schwimmer einsetzt. Es geht um jede freie Bahn, um defekte Drehkreuze oder veränderte Schließzeiten. Tchinda bloggt und twittert, sie geht in Archive, sucht, findet im Tempelhofer Pohlezettel den Preis für eine Einzelkarte: Mariendorf 1955, 40 Pfennige - heute 5,50 Euro. Im Leitbild der Berliner Bäder-Betriebe steht zuletzt: "Wir sind ein Unternehmen der Daseinsvorsorge. Wirtschaftlichkeit und Kostenbewusstsein sind für uns Richtschnur unserer Auftragserfüllung."

Richtig aktiv wurde Tchinda, nachdem die Bäder-Betriebe eine ihrer Anfragen mit einer Lüge beantwortet hatten. Das ärgerte sie. Und der Ärger trieb sie an. "In Berlin gibt es tausend Gründe, etwas nicht zu machen, statt die Gründe aus dem Weg zu schaffen und einfach mal anzufangen." Aus dem Interessenverband soll ein Förderverein werden, der Bäder stundenweise oder komplett übernehmen könnte.

Die Menschen, so sieht Tchinda das, sollen sich mehr identifizieren mit ihren Kiezbädern, sollen selbst anpacken, wenn einer Wand die Farbe fehlt oder einer Grünanlage das Wasser. Sie sollen teilhaben an der Gestaltung dieser demokratischen Orte, zumal in einer Stadt wie Berlin, wo das Wetteifern zweier Systeme die größte Badelandschaft Europas entstehen ließ. Die gute Nachricht ist: Der nächste Sommer kommt bestimmt.

Dann kann man in der Stadt bleiben, muss keine Angst haben vor einem Tagesurlaub im Schwimmbad. Man darf auch mal seitlich ins Becken einspringen, wenn der Bademeister nicht hinschaut. Aber nach zwei Portionen Pommes sollte man besser nicht ins Wasser gehen. Nicht mal außerhalb der gesetzlichen Öffnungszeiten.