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Himmel und Hölle: Warum Tobias Levels keinen Bock mehr auf...

Im Pro­fi­ge­schäft fühlte sich der Ex-Glad­ba­cher Tobias Levels fremd. Nach zehn Jahren machte er des­halb Schluss. Heute setzt er sich ein – für vegane Ernäh­rung.

Das Inter­view bei You­Tube ist inzwi­schen acht Jahre alt. Tobias Levels spielte damals noch für Borussia Mön­chen­glad­bach, seinen Heimat- und Her­zens­verein. ​„Respekt ist wichtig für die Gesell­schaft", sagt er da. ​„Leider gibt es zu viele Leute, die die Ver­ant­wor­tung ein­fach weg­schieben. Das ist dann die Schnitt­stelle für viele Pro­bleme." Das Haar war noch voller, die Stirn hatte ein paar weniger Falten. Und er selbst? ​„Da war ich noch jung und ganz schön leicht­gläubig", sagt er heute und grinst.

Levels ist jetzt 33 Jahre alt, vor ein­ein­halb Jahren hat er seine Kar­riere beendet. Recht früh für einen Pro­fi­fuß­baller. ​„Ehr­li­cher­weise hat es mir gereicht. Ich liebe Fuß­ball, aber nicht das Geschäft drum­herum. Ich passe da nicht rein. Sport­lich ja, aber mensch­lich nicht."

Nein, so wirk­lich ins Kli­schee eines Pro­fi­fuß­bal­lers passt Levels nicht. Er wirkt ruhig und auf­ge­räumt, hat eine klare Aus­sprache. Sta­tus­sym­bole wie teure Uhren und schnelle Autos bedeuten ihm wenig. Seinen Audi hat er noch aus alten Zeiten in Ingol­stadt. Aber wer passt denn ins Fuß­ball­ge­schäft? ​„Leute, die wenig nach­denken. Das meine ich gar nicht negativ. Ich hätte mir das manchmal für mich gewünscht: Ein­fach nur zum Trai­ning zu fahren, zu spielen und mir um den Rest keine Gedanken zu machen."


„Die Angst nimmt dir den Atem"


Gedanken gemacht hat Levels sich schon früh, vor allem um seine Gesund­heit. Mit 17 Jahren räumt ihn sein Tor­wart unglück­lich ab, er zieht sich einen dop­pelten Leber­riss zu. Seine Werte sind danach regel­mäßig erhöht. Die Mög­lich­keit einer medi­ka­men­tösen Ein­stel­lung schlägt er aus. Statt­dessen macht Levels sich schlau, holt Rat ein - und beginnt seine Ernäh­rung umzu­stellen. Jeg­li­cher Indus­trie­zu­cker ver­schwindet von seinem Spei­se­plan, genauso wie Weiß­mehl. Die Leber­werte nor­ma­li­sieren sich. Seit vielen Jahren schon lebt er jetzt vegan.

Levels wächst in Tönis­vorst auf, seine Familie ist sport- und fuß­ball­be­geis­tert. Sein Onkel Olaf Janßen spielte elf Jahre für den 1. FC Köln und Ein­tracht Frank­furt, sein Bruder Bas­tian läuft aktuell für den SC Düs­sel­dorf West in der Lan­des­liga auf. 2006 ist für ihn ein ent­schei­dendes Jahr: Wäh­rend Deutsch­land das Som­mer­mär­chen erlebt, macht Levels Abitur, Leis­tungs­kurse Deutsch und Geschichte. Jupp Heynckes zieht ihn in Mön­chen­glad­bach in den Pro­fi­kader hoch, er debü­tiert im DFB-Pokal und in der Bun­des­liga. Am Ende der Saison steigt die Borussia als Tabel­len­letzter ab - ein Erlebnis, das Levels in seiner Kar­riere ins­ge­samt dreimal ereilen wird.

„Abstiegs­kampf ist per­ma­nenter Druck", sagt Levels. ​„Wenn du zum Trai­ning fährst, denkst du an nichts anderes - und wenn du zurück­fährst genauso. Die Angst nimmt dir irgend­wann den Atem." Noch schlimmer sei die Rele­ga­tion. ​„Nor­ma­ler­weise steigst du ab, wenn du die dritt­schlech­teste Mann­schaft in einer Liga bist", sagt Levels. ​„Aber da steckt natür­lich eine Wirt­schaft­lich­keit dahinter. Für die Fern­seh­zu­schauer ist das ein Groß­ereignis, was man dra­ma­tur­gisch zuspitzen kann. Für die 22 Fuß­baller auf dem Platz ist es die Hölle."


Mit Düs­sel­dorf erlebt Levels 2012 die Ent­schei­dungs­spiele gegen Hertha mit. Ber­lins Ver­ant­wort­liche spre­chen anschlie­ßend von einem ​„Blut­spiel“ und rei­chen Klage ein. Nach einem Jahr in der Bun­des­liga geht es mit der For­tuna direkt wieder runter. In seinem dritten Jahr unter­laufen ihm zu Sai­son­be­ginn zwei kapi­tale Fehler, die Mann­schaft fliegt in der ersten Runde aus dem Pokal und ver­liert zuhause gegen 1860. 

Der Ex-Borusse Levels, bei den Fans ein gern gese­hener Sün­den­bock, wird aus­ge­pfiffen und kann seine Tränen auf dem Spiel­feld nicht zurück­halten. Für Fuß­ball­fans immer noch ein No-Go. ​„Solche Reak­tionen können nur von Leuten kommen, die selber kei­nerlei Kon­takt zu ihren Emo­tionen haben“, sagt er. ​„Das gilt ja sowohl für den Fuß­ball als auch für die Gesell­schaft.“

Stamm­spieler, Anführer, arbeitslos

Angst vor Feh­lern, per­ma­nenter Druck – in seiner extremsten Form hat dies auch Robert Enke durch­ge­macht und sich 2009 das Leben genommen. ​„Viele Fuß­ball­fans glauben ja immer noch: ​‚Wer so viel ver­dient, den kann ich auch jede Woche fertig machen.‘ Heut­zu­tage, wo jeder über die sozialen Medien seinen Senf dazu­geben kann, ist es ja noch viel schlimmer.“

Die Zweit­liga-Saison für For­tuna endet auf Platz sechs. Levels ist Stamm­spieler, steigt zum Anführer inner­halb der Mann­schaft auf – und ist kurz darauf ver­einslos. Zu seiner Über­ra­schung wird sein Ver­trag nicht ver­län­gert. Die Fans ver­ab­schieden ihn mit Stan­ding Ova­tions. ​„Für mich viel­leicht der schönste Moment meiner Kar­riere“, sagt er.

Die Monate der Arbeits­lo­sig­keit nagen an ihm. Nach einer Ver­let­zung von Ingol­stadts Danny Da Costa – iro­ni­scher­weise beim Aus­wärts­spiel in Düs­sel­dorf – wird er als Back-up zum FC geholt. Mit den Bayern steigt er als Zweit­li­ga­meister in die Bun­des­liga auf. ​„Natür­lich hat sich das gut ange­fühlt. Ein­fach schon, weil ich es mir selbst bewiesen habe.“

Das letzte Jahr in Ingol­stadt, wieder in Liga zwei, endet unver­söhn­lich. Die mög­liche Ver­trags­ver­län­ge­rung um ein Jahr ist Levels zu wenig, er hätte gerne ein Jahr Option. Trainer und Verein schweigen sich aus und behan­deln ihn wie Luft. Für die letzten zwei Spiele wird er – mit einigen anderen Spie­lern in ähn­li­cher Situa­tion – sus­pen­diert. Ein respekt­loser Umgang, findet er, dazu mit Spie­lern, die den Verein erst­malig in die Bun­des­liga geführt hatten. ​„Ich war mensch­lich enorm ent­täuscht. Überall, wo viel Geld und Macht im Spiel ist, ver­halten sich Men­schen nicht mehr integer. Danach hatte ich die Schnauze voll.“ Kon­takte ins Aus­land kommen nicht zustande. Im Winter 2018 beendet er seine Kar­riere.


„Marco Reus krieg ich auch bald über­zeugt“


Wer sich viele Gedanken macht, hat auch noch andere Pläne im Leben. Seine Aus­bil­dung zum holis­ti­schen Gesund­heits­be­rater hat er bereits zu Ingol­städter Zeiten beendet und arbeitet seitdem als Ernäh­rungs­be­rater für andere Fuß­baller. Er hängt noch eine Aus­bil­dung zum Heil­prak­tiker dran.

Ernäh­rung ist seine große Lei­den­schaft. Sein Haupt­au­gen­merk liegt mitt­ler­weile auf seiner eigenen Food­marke ​„Maemae“, die vegane, zucker­freie und regional ange­baute Pro­dukte ver­treibt. ​„Als ich auf vegane Ernäh­rung umge­stiegen bin, hab ich noch ein paar Kilo abge­nommen, wie als würde ich Bal­last abwerfen. Meine Rege­ne­ra­ti­ons­zeit wurde besser und ich war weniger ver­let­zungs­an­fällig.“ Viele andere Fuß­baller tun es ihm inzwi­schen gleich. ​„Marco Reus“, schmun­zelt Levels, ​„krieg ich bald auch über­zeugt.“

Selbst­re­fle­xion und Vega­nismus hängen für Tobias Levels zusammen. Die Gesell­schaft ver­roht und poli­ti­siert sich. Für ihn ein Grund, sich da mehr zu enga­gieren? ​„Ich brauche keine Life­style-Veganer. Die wirk­liche Ver­än­de­rung muss in den Köpfen der Men­schen geschehen. Dann kriegen wir auch den Kli­ma­wandel in den Griff. Und ein biss­chen mehr Respekt sicher­lich auch.“


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