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Diese Wissenschaftlerin macht die Klimakrise greifbar

Als Verena Winiwarter an diesem Sommermorgen in einem Café an der Rechten Wienzeile ankommt, ist sie nicht gerade gut gelaunt. Die Umwelthistorikerin ist vor Kurzem von einer Journalistenreise aus dem Skiort Galtür in Tirol zurückgekommen. Dort könne man dem Jamtalferner, einem der letzten Gletscher der Ostalpen, beim Schmelzen zusehen, sagt die 59-Jährige. Verschwindende Gletscher, aussterbende Arten, verheerende Waldbrände - Forscherinnen wie Winiwarter dokumentieren diese gewaltigen Verluste, die alle Menschen betreffen, direkt vor Ort. "Ich zähle mich zu jenen, die sich dem emotional ausgeliefert fühlen", sagt Winiwarter.

Verena Winiwarter ist eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen des Landes und eine Pionierin der Interdisziplinarität, des fächerübergreifenden Lehrens und Forschens. Die gebürtige Wienerin ist Historikerin und Chemikerin, also Kultur- und Naturwissenschaftlerin - zwei Fachgebiete, die in der Forschung gerne völlig getrennt voneinander betrachtet werden. Als Umwelthistorikerin setzt sie sich seit Jahrzehnten täglich mit dem Verhältnis von Gesellschaften und Umwelt auseinander; die Ursachen und Folgen der Klimakrise drängen dabei zunehmend in den Vordergrund. Dutzende Artikel hat Winiwarter publiziert, Bücher geschrieben, in Podiumsdiskussionen immer wieder auf die Dringlichkeit des Umweltschutzes hingewiesen - und dabei zusehen müssen, wie die Politik zögert, während die Gletscher weiter schmelzen. Das hinterlässt Spuren.

Wenn Winiwarter vom Lokalaugenschein im Tiroler Paznaun erzählt, tut sie das zwar analytisch und gefasst. Dennoch: Auch sie empfinde environmental grief, sagt sie, eine Umwelttrauer, die in der Szene der Nachhaltigkeitswissenschaften mittlerweile verbreitet ist. Das Phänomen beschreibt die psychischen Folgen der Umweltzerstörung, die gerade Klimawissenschaftler aus Winiwarters Generation Stück um Stück im Lauf ihrer Karrieren voranschreiten sahen. Manche von ihnen leiden deshalb unter Angststörungen, Trauergefühlen oder Burn-outs.

Doch Winiwarter hat für sich ein Ventil für diese Umwelttrauer gefunden, einen Ausgleich, der vielleicht nicht nur für ihr eigenes Wohlbefinden gut ist, sondern auch fürs Klima. Selbst wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als erlaube sie sich einen Scherz. Winiwarter fertigt Handarbeiten - im Dienste der Wissenschaft.

Vor Kurzem hat sie in einer Schriftenreihe der renommierten Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein Paper veröffentlicht, gemeinsam mit zwei deutschen Kolleginnen, der Philosophin und Mathematikerin Ellen Harlizius-Klück und der Textilrestauratorin Charlotte Holzer. Der Titel: Weaving the SDGs: A reflection on quadrangles and embodied practices. Vereinfacht gesagt behauptet Winiwarter darin, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (SDG), wären für viele besser verständlich, wenn man sie - webt. Handarbeit als Hilfsmittel im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess? Eine recht unkonventionelle These für eine Wissenschaftlerin ihres Formats.

Doch Winiwarter glaubt an ihre Lösung, sie holt sie gleich hier im Café aus ihrem Rucksack: Wolle, Stricknadeln und selbst gemachte Lochkarten. Sie habe die Handarbeit als eine Praxis entdeckt, durch die Hände hindurch zu denken, Zusammenhänge zu begreifen und dabei etwas zu schaffen. "Im Merkelschen Sinn", sagt sie. Der Slogan "Wir schaffen das" der deutschen Kanzlerin aus dem Jahr 2015 ist für Winiwarter ein Ausdruck der Gewissheit und eine Ermutigung, dass wir in der Krise, auch in der Klimakrise, doch handlungsfähig bleiben.

Seit Jahren schon strickt Winiwarter Socken gegen den Klimanotstand. Sie nennt sie Fire and ashes oder Ecological resilience und versteigert sie auf Twitter, um Stipendien für Nachwuchswissenschaftler zu finanzieren. Auch während des Gesprächs beginnt Winiwarter zu stricken - sie arbeitet gerade an einem grün-braun geringelten Paar für eine Freundin.

Dass Winiwarter die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen webt, hat auch Fachkollegen irritiert, was die Wissenschaftlerin nachvollziehen kann: "Sie dürfen nicht vergessen, ich arbeite ja nicht an einer Kunstuniversität", sagt sie.

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erschienen in "Die Zeit", 22.7.2021

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