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Unsere Freiheit ist ein Käfig


"Die Kunst, es nicht gewesen zu sein" ist eine moderne Errungenschaft. Alle Großideologien seit der Aufklärung (sie eingeschlossen) verstehen sich auf sie, um selber nicht die Verantwortung übernehmen zu müssen, sobald die Geschichte mal wieder einen anderen Weg nimmt als den geplanten - so die 50 Jahre alte These des Philosophen Odo Marquard. Für die Aufklärer war es die Ständegesellschaft, die dem Eintreten des glücklichen Zeitalters im Weg stand, für die Arbeiterbewegung der Klassenfeind, der sich böswillig vor das "Reich der Freiheit" stellte und die Liberalen konnten jederzeit über die engstirnigen Interventionisten in allen Parteien klagen, wenn eine Wirtschaftskrise sie erneut in Erklärungsnot brachte. Einen Feind zu haben - dieser Glücksfall befreit davon, für das Misslingen des Menschheitsprojekts angeklagt zu werden, dem man sich "im Namen und Zeichen der Autonomie" verschrieben hat. Schuldig sind immer die anderen. Was aber, wenn schlechterdings kein Feind mehr aufzufinden ist? Wenn wir, die "autonomen Täter der Geschichte", wirklich einsehen müssten, in die ärgste Unfreiheit spaziert zu sein?

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