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Jürgen Habermas: Wie der Deuter zum Herrscher wurde

"Eine Handvoll mehr oder minder extreme Thesen findet eher Resonanz als ein rundes Referat." Wer "nach zwei Seiten Hiebe" austeilt, erfährt immerhin, ob er "getroffen" hat. Diese Zeilen stammen aus einer Gummersbacher Schülerzeitung, geschrieben von einem ehemaligen Schüler, damals, 1951, ein junger Student in seinen ersten Semestern. Heute ist dieselbe Person als Philosoph des "zwanglosen Zwangs des besseren Arguments" bekannt.

Es sind erstaunliche Fundstücke wie diese, die die jüngste Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (XV/3, 142 Seiten, 16 Euro) präsentiert (in der es unter anderem auch einen Beitrag von des ZEIT-Redakteurs Alexander Cammann gibt). H wie Habermas lautet ihr programmatischer Titel, unter dem sie "überraschende Funde, Konstellationen, auch Seitenfiguren" des großen Theoretikers zum Vorschein bringt. Der wichtigste Ausgrabungsort liegt in der Frankfurter Universitätsbibliothek, wo Habermas' bis zum Jahr 2010 gesammelte Korrespondenz vorliegt. Der Leser erfährt so über frühe Koalitionen mit dem späteren Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, eine verständnislose Rückmeldung des Platonikers Leo Strauss ("It is even difficult for me to understand your own position") und sogar über eine Playboy-Anfrage von 1974 ("Was halten Sie für das beherrschende Thema der nächsten 25 Jahre?"), die abschlägig beschieden wird. Eine meist interessante, manchmal auch nur amüsante Mischung.

Der Schülerzeitungstext, dessen Streitlust zunächst irritierend scheint, gehört zu den interessanten Funden. Er offenbart einen Charakterzug des Philosophen, der - wie das Heft wunderbar zeigt - untergründig immer mitlief, auch als in der Öffentlichkeit längst das Bild des nationale und globale Verhältnisse analysierenden Intellektuellen dominierte: Habermas ist ein veritabler Polemiker.

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