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Hundewunsch: Ein Leben mit unerfülltem Hundewunsch

Die Härten des Lebens lassen sich besser ertragen, wenn zu Hause eine Katze auf dem Sofa döst, ein Hund im Flur wartet oder man sich eine Schlange um den Hals legen kann. Wer ein Haustier hat, ist weniger allein und oft sogar gesünder. In unserem Schwerpunkt "Das Tier und wir" ergründen wir die vielschichtige Beziehung zwischen Menschen und ihren Lieblingstieren.

Als Sam bei uns einzieht, bin ich elf Jahre alt. Sam ist ein schwarzer Hovawart-Welpe mit riesigen Pfoten - die Erfüllung meines Kindheitstraums. Sein Fell riecht nach Sommerregen und immer, wenn er sich freut, pinkelt er ein paar Tropfen. Natürlich ist Sam, benannt nach Frodos Gefährten Samweis aus Der Herr der Ringe, der beste Hund der Welt. Auch wenn er Männer hasst, Schuhe kaputt kaut und einmal vor den Augen unserer Nachbarn einen quietschblauen Haufen kackt, weil er Kreide gefressen hat. Sam ist da, wenn mich Liebeskummer lähmt. Er ist da, wenn ich mit meiner Familie streite. Er ist da, wenn nachts der Wind an meinem Fenster rüttelt.

Mit 19 ziehe ich aus meiner Heimat, einer fränkischen Kleinstadt, nach und lasse meine Freunde und meine Familie zurück. Und Sam. "Irgendwann hole ich mir einen eigenen Hund", raune ich in die Welt.

Zehn Jahre später habe ich dieses Versprechen an mich selbst nicht eingelöst. Ich bin noch immer hundelos. Nicht, weil ich keinen wollte, sondern weil mein Leben, mein Job und mein Kontostand einfach nicht zu einem Hund passen wollen. Ich wohne befristet in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der Großstadt und mein Einkommen als freie Journalistin reicht nicht einmal für einen richtigen Urlaub. Statt die Verantwortung für ein atmendes, fressendes Lebewesen zu übernehmen, berausche ich mich an Hundeblicken in der U-Bahn und lenke mich mit Videos selig schnarchender Exemplare bei Facebook ab.

Elfmal umgezogen

Vielleicht ist auch ein bisschen die Bubble schuld, in der so viele meiner Generation herumwabern: ungezählte Praktika, das Gefühl, sich nicht an einen Ort binden zu wollen. In den letzten fünf Jahren bin ich elfmal umgezogen. Nach meinem Bachelor in Wien nach für ein Praktikum, für ein zweites nach Berlin. Die Journalistenschule hat mich zurück nach München verschlagen, mein drittes Praktikum nach Hamburg, mein viertes nach Berlin, von dort zurück nach München. An meiner Seite wäre Platz gewesen für einen Hund - nicht aber in meinen WG-Zimmern, Einzimmerapartments und in den vollbesetzten Flixbussen.

Mein Bild von einem glücklichen Hund ist kitschig. Glücklich ist ein Hund, der tagsüber auf einer Wiese mit Kumpels tobt und sich abends auf seiner Decke ein paar Mal um die eigene Achse dreht, bevor er erschöpft im Kreis seiner Menschenfamilie vor dem Kamin einschläft. Ein Hund, der wenig allein bleiben und nie U-Bahn fahren muss. Ist der Stadthund also ein unglücklicher Hund, frage ich die Psychologin und Expertin für die Mensch-Hund-Beziehung Silke Wechsung; sie antwortet entschlossen: "Nein, Hunde brauchen Sozialverbände, sie brauchen Gesellschaft". Wie zufrieden ein Hund ist, hängt nicht mit dem Wohnort zusammen, sondern mit der Beziehungsqualität zwischen ihm und seinem Menschen und seiner Beschäftigung. "Ein Hund ist glücklicher, wenn er den ganzen Tag mit seinem Halter in der Stadt Action hat, als wenn er auf dem Land lebt, aber alleine im Garten sitzen muss", sagt die Expertin.

Ich knie vor jedem Welpen

Je länger mein Hundewunsch unerfüllt bleibt, desto größer meine Obsession: Vor jedem Welpen auf der Straße knie ich mich minutenlang auf den Boden, meine Stimme pitcht sich von selbst in die Höhe. Auf meinem Smartphone sind 678 Fotos von Hunden gespeichert. Meine Social-Media-Timelines werden von Hundeblicken gekapert: Ich like Bilder von Anja Rützels Juri und Sarah Kuttners Penny. Videos von Straßenhunden, die von Tierschutzorganisationen aufgepäppelt und vermittelt werden, sind meine Antidepressiva.

Und jeden Abend vor dem Schlafengehen tippe ich "shelta.tasso.net" in die Suchleiste meines Browsers und lande auf einer Tiervermittlungsseite, auf der Tausende Streuner ein neues Zuhause suchen: krummbeinige und stolze, zottelige, ängstliche und freche, schöne und ausgesprochen hässliche. Sogar Hospizhunde warten hier auf ihren letzten Sofaplatz.

Seit 40.000 Jahren leben Menschen mit Hunden zusammen. Vom Hof-, Jagd- und Schutzhund hat sich der Hund in den letzten Jahrzehnten zum Lebenspartner und Familienmitglied, zum Canis lupus familiaris entwickelt. Rund zehn Millionen Hunde lebten 2019 in deutschen Haushalten; der Hund ist das zweitbeliebteste Haustier nach der Katze.

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