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Vater, Mutter, Mutter, Kind

Die gelbe Schaukel schwingt weiter. Toni kniet auf dem Boden und weint bitterlich. Den Sand an seinen Händen wischt er sich an der Latzhose ab. Er ruft nach seiner Mama. Anette kommt angetrabt, will ihn trösten. „Nein! Mama!“, schluchzt er. Anette, für ihn die ‚Mammi‘, verdreht die Augen, während Toni zu Regina stolpert, die auf der Bank am Klettergerüst sitzt.
Vier Jahre lang sind Anette und Regina ein Paar bevor sie eingetragene Lebenspartner werden. Seit drei Jahren sind sie auch Eltern. Regina ist Tonis leibliche Mutter, Anette die sogenannte Co-Mutter. Einen Vater gibt es auch: Lukas. Gestatten – Familie Meuser/Kleinmann/Peschke.    

Als Anette von ihrem Kinderwunsch erzählt, strahlen die Augen der beiden. „So viele Freunde haben auf einmal geheiratet und Kinder gekriegt. Und wir haben uns gefragt, warum das für uns eigentlich erst so unmöglich schien.“ Bei der Frage, wer von den beiden Frauen das Kind bekommen soll, entschieden sie pragmatisch: Anettes Job als Innenarchitektin ist lukrativer als Reginas Bibliothekarinnen-Einkommen. Dann kam die Suche nach dem männlichen Part. „Mit Lukas war ich schon seit dem Abi befreundet. Er hatte ja quasi das gleiche Problem wie wir, weil er schwul ist. Und ich war in seine Gene verliebt“, lacht Regina und pustet sich eine Locke aus dem Gesicht. Lukas ist Zahnarzt und läuft Marathon. Dunkle Haare, Dreitagebart. Männlich. Ganz anders als die zierliche, blonde Anette.      
     
Künstliche Befruchtung war für Regina und Anette nie eine Option. „Wir wollten kein Kind aus dem Reagenzglas. Im Spaß haben wir sogar mal überlegt, ob wir einfach miteinander schlafen sollten. Aber vor allem Lukas wollte das nicht.“ Utensilien für die Bechermethode in Eigenregie: Fruchtbarkeitskalender, Filmdose, Fantasie. Statt Romantik und Leidenschaft Befruchtung mit einer Plastikspritze. Aber nach nur drei Versuchen war Reginas Schwangerschafts-test positiv. Und drei werdende Eltern überglücklich.
Nach Schätzungen des Familienministeriums lebten 2010 in Deutschland etwa 16 000 Kinder in sogenannten „Regenbogenfamilien“ – mit zwei Müttern, zwei Vätern oder einer Co-Elternschaft aus zwei homosexuellen Paaren. In etwa 90 Prozent der Fälle wachsen die Kinder bei zwei Frauen auf. Meist stammen sie aus einer früheren, heterosexuellen Beziehung.

Toni weint längst nicht mehr. Mit einem kleinen Mädchen sitzt er im Sandkasten und spielt Familie. Das Mädchen hat eine Barbie im rosa Kleidchen mitgebracht und einen Ken dazu. In Tonis Kinderzimmer gibt es Stoffpuppen, keine aus Plastik. Und wenn Toni mit ihnen Familie spielt, können sich auch zwei Mamas und zwei Papas um das Kind kümmern.
Regina ist ohne Vater aufgewachsen. Ihr ist wichtig, dass Toni hingegen einen Vater hat. „Mein Kind soll auch einfach sicher im Umgang mit Männern sein.“ Zunächst scheint ihr Wunsch als lesbische Frau nur schwer erfüllbar. Aber als Lukas der Familiengründung zusagt, ist Regina überglücklich. Er wird offiziell als Vater eingetragen, sieht Toni mehrmals pro Woche. Auch Lukas kennt schlaflose Nächte, in denen er Milch kocht und Windeln wechselt. Mit seinem heute dreijährigen Sohn geht Lukas in den Wildpark, zum Fußball oder auf‘s Feld Hubschrauber fliegen.
 
Seit ein paar Monaten wird das Idyll der Regenbogenfamilie auf den Prüfstand gestellt. Anette ist unzufrieden in ihrer Rolle als Co-Mutter. „Toni ist Regina einfach näher, das ist inniger. Da kann ich nichts ändern, egal wie ich mich bemühe.“ Anette schaut dabei zu Toni, der eine Sandburg baut, Regina knabbert an ihrer Nagelhaut. Anette hat auch Verlustängste: im Falle einer Trennung hätte sie keinerlei Rechte – Mutter und Vater gibt es ja. Anette wünscht sich, selbst ein Kind zur Welt zu bringen. Aber Lukas will nicht mehr. Er hat einen neuen Freund, plant mit ihm eine Gemeinschaftspraxis. Ein Kind reiche ihm. Anette und Regina aber nicht. Sie suchen nach einem anderen Samenspender, erst einmal wieder im Bekanntenkreis.

Homosexuelle Paare mit Kinderwunsch haben es in Deutschland nicht leicht. Samenbanken können selbst entscheiden, ob sie Sperma an ein lesbisches Paar geben. Schwule Paare haben das Problem, dass die Leihmutter-Vermittlung verboten ist. Es besteht lediglich die Möglichkeit der ‚Stiefkind-Adoption‘: Der Partner des leiblichen Elternteils kann ein Kind aus einer früheren Beziehung adoptieren und so auch rechtlich gesehen ein vollwertiger zweiter Elternteil werden. Aber trotz eingetragener Lebenspartnerschaften ist die gemeinschaftliche Adoption nicht möglich – anders als beispielsweise in Spanien, den Niederlanden und Großbritannien.
Toni sitzt auf der Schaukel und quiekt vor Freude: „Mehr! Bis in Himmel, Mammi!“ Anette schubst weiter an. Die Schaukel neben Toni ist leer. Noch.

Juni 2015