Nina Himmer

Freie Journalistin , München / Heidelberg

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Artikel

Grimm gegen Grimm

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Die Märchen der Gebrüder Grimm sind überall auf der Welt bekannt. Doch ohne den Einfluss eines dritten Grimms würden sie heute wohl ganz anders aussehen. Über einen Papierkrieg der ganz besonderen Art.


Drei Worte, eine Zauberformel: Mit "Es war einmal..." werden seit Generationen Kinder von der Bettkante weg in magische Welten entführt. Welten, in denen sie mit Schneewittchen vergiftete Äpfel kosten, mit Hänsel und Gretel Brotkrumen im Wald verstreuen oder mit Rumpelstilzchen ums Feuer tanzen. Hunderte solcher Märchen haben bis zum heutigen Tag in Bücherregalen und Nachtkästchen überdauert - allen Genderdiskussionen, Disney-Konkurrenzprinzessinnen und Kritik an ihrer Brutalität zum Trotz.


Dass wir ihnen noch immer halb verschreckt und halb verzaubert lauschen, ist größtenteils das Verdienst von Jacob und Wilhelm Grimm. Unermüdlich sammelten die beiden Brüder einst volkstümliche Erzählungen, schrieben sie nieder und brachten sie in der zweibändigen Erstausgabe von 1812 und 1815 erstmals als "Kinder- und Hausmärchen" heraus. Mehr als 200 Jahre später ist der Name der Brüder noch immer so untrennbar mit der Märchenwelt verbunden, dass ihnen selbst etwas beinahe Magisches anhaftet.


Allerdings überstrahlt ihr Ruhm auch andere, die bei Rapunzel, Schneewittchen und Co. ihre Finger im Spiel hatten. Zum Beispiel einen Mann, der heute nur noch einer Handvoll Wissenschaftlern, Märchenfanatikern und geschichtsversessenen Bewohnern der Stadt Weinheim an der Bergstraße ein Begriff ist: Albert Ludwig Grimm. Er lebte zur selben Zeit wie die Brüder und teilte sowohl den Namen als auch die Leidenschaft für Märchen mit ihnen. Verwandt waren die Männer allerdings nicht - und auch persönlich getroffen haben sie sich wohl nie. "Zwischen den drei Grimms tobte ein Märchendisput, im Lauf der Jahre wurden sie zu Konkurrenten. Dass sie den gleichen Namen trugen, verschärfte die Situation dabei sicherlich noch", sagt die Weinheimer Germanistin und Redakteurin Ann-Kathrin Weber. Jacob, Wilhelm und Albert Ludwig Grimm lieferten sich eine Fehde, die sie vor allem auf Papier austrugen.


Ihr Streit begann mit einer Fußnote im Jahr 1812. "Ausdrücklich aber muss noch bemerkt werden, dass eine von einem Namensverwandten herausgekommene Sammlung mit uns und der unsrigen gar nichts gemein hat", schreiben die Brüder in der Erstausgabe ihrer Märchensammlung und nutzen das Vorwort für einen Seitenhieb auf die drei Jahre zuvor erschienene Sammlung "Kindermährchen" von Albert Ludwig Grimm. Warum die Feindseligkeit? "Die Brüder wollten unter keinen Umständen mit dem anderen Grimm verwechselt werden", erklärt Weber. Nicht nur, weil sie Konkurrenten im gleichen Gefilde waren - Schneewittchen zum Beispiel veröffentliche der Weinheimer Grimm bereits einige Jahre vor den Brüdern. Sondern vor allem, weil sie vollkommen unterschiedliche Ansichten darüber hatten, wie Märchen auszusehen hätten.


Albert Ludwig Grimm verfolgte von Anfang an einen pädagogischen Ansatz, bearbeitete sie kindgerecht, strebte nach "dem rechten Ton" und empfahl sie Eltern und Erziehern zum abendlichen Vorlesen. Als einer der Ersten seiner Zeit widmete er sich damit dem deutschen Volksmärchen als Lektüre für Kinder und brachte zu Papier, was vor seiner Zeit nur als "Ammenmärchen" mündlich erzählt worden war. Er war der Meinung, dass "die Jugend Mährchen haben muss" und diese "ebenso in eine gute Erziehung eingreifen" wie die "geglätteten Erzählungen" mit belehrendem Inhalt, die seit der Aufklärung verbreitet waren. In der Romantik wurden Genres wie Märchen und Sagen wiederentdeckt und aufgewertet. Allerdings waren sie zunächst nicht als Kinderlektüre gedacht.


Albert Ludwig Grimm sah in Märchen die Chance, Kinder zu unterhalten und zu erziehen. Deshalb bearbeitete er sie stilistisch und inhaltlich für ein junges Publikum. Und das nicht gerade mit Samthandschuhen: Er fügte eigene Gedanken hinzu, strich einzelne Worte oder ganze Passagen, die er für zu brutal, sexuell explizit oder schlicht unangemessen für Kinder hielt. "Er war stark von der Heidelberger Romantik geprägt, das hat seine Herangehensweise sicherlich beeinflusst", sagt der Kirchenhistoriker Gerhard Schwinge, der eine Biografie über Albert Ludwig Grimm verfasst hat.


Doch mit seinem erhobenen Zeigefinger und dem pädagogischen Anspruch versetzte der Weinheimer Grimm seine Hanauer Namensvetter in Rage. Die nämlich fühlten sich der Wissenschaft verpflichtet und verfolgten anfangs nur ein Ziel: Die Märchen so unverfälscht wie möglich aufzuschreiben. "Kein Umstand ist hinzugedichtet oder verschönert und abgeändert worden", betonen sie im Vorwort des ersten Bandes ihrer "Kinder- und Hausmärchen". Diese wissenschaftliche Herangehensweise kommt nicht von ungefähr: Beide Brüder hatten Jura studiert, widmeten sich aber vor allem der Sprach- und Literaturwissenschaft sowie der Volkskunde. Vor allem Jacob war diesbezüglich stur und kompromisslos: In den Wortlaut eines Märchen pfuschen? Ihm seine Reinheit rauben? Undenkbar! Unter keinen Umständen wollten die Brüder mit ihrem Namensvetter in einen Topf geworfen werden. Sie kannten sein Werk genau, grenzten sich betont davon ab und diffamierten es öffentlich als "nicht wohlgeraten".


Die harsche Kritik ging nicht spurlos an Albert Ludwig Grimm vorüber. Als er 1816 unter dem Titel "Lina's Mährchenbuch" seine zweite Märchensammlung veröffentlichte, holte er darin zum Gegenschlag aus. Die Sticheleien der Brüder bedürften "eigentlich keiner weiteren rechtfertigenden Auseinandersetzung" schreibt er in der Vorrede und widmet ihnen dann doch eine zwei Absätze umfassende Retourkutsche. Darin tadelt er den Erzählstil der "Herren Namensverwandten" als beunruhigend und betont, dass er ihre Sammlung "immer nur mit dem größten Missfallen in Kinderhänden gesehen habe." Außerdem rechtfertigt er seine inhaltliche Bearbeitung damit, den Märchen eine "kindliche Einfachheit" verleihen zu wollen. Den für Kinder "idealen Erzähler" finde man nun mal nicht in der erstbesten Kindermagd. "Fehlt dieser ideale Erzähler, so muss der Dichter seine Stelle vertreten", schreibt er und stellt am Ende spitz fest: "Niemand kann zweien Herren dienen." Ein Satz, der heute als kaum verhohlene Kritik am Anspruch der Brüder gewertet wird, Märchen unverfälscht aufzuschreiben und gleichzeitig als Kinderbuch gelten zu lassen.

Der Vorwurf machte den Brüdern Grimm zu schaffen. Speziell Jacob glaubt nicht, dass "man überhaupt etwas für Kinder eigenes einrichten müsse" und wehrt sich heftig dagegen, die Märchen zu verändern. Wilhelm aber kommt wohl ins Grübeln: "Hast du dieses Märchenbuch gesehen? Es wird von unserem gesagt, dass es nicht für Kinder passe", schreibt er an seinen Bruder. Allerdings kritisiert er die Märchen von Albert Ludwig Grimm als "langweilig erzählt" und schärft Jacob ein, sich davon fernzuhalten: "Kauf es nicht etwa, damit wir es nicht doppelt bekommen!"


Obwohl die Brüder wütend sind, zeigt die Kritik Wirkung. Zum einen, weil einflussreiche Zeitgenossen wie Achim von Arnim und Clemens Brentano in eine ähnliche Kerbe schlagen. Zum anderen, weil die Konkurrenz des dritten Grimm die Verkaufszahlen ihrer "Kinder- und Hausmärchen" schmälert. Ferdinand, ein Bruder von Wilhelm und Jacob, schreibt den beiden 1817 einen Brief, in dem er nach Ursachen für die Verkaufsflaute sucht: "Auffallend ist, dass seit Weihnachten in Berlin kein einziges Exemplar gekauft worden ist ...", beginnt er - und macht den Schuldigen schnell aus: Der "viele Quark, der seit dieser Zeit herbei gekommen ist, besonders das Zeug des Weinheimer Schulmeisters".


Schließlich überwinden die Brüder ihren Groll und nehmen zaghaft erste Änderungen vor. In der zweiten Auflage ihrer Märchensammlung aus dem Jahr 1819 ist die provokante Fußnote aus dem ersten Band verschwunden, ebenso der wissenschaftliche Anhang. Stattdessen schreiben sie in einem ziemlich zahmen Vorwort, dass nicht kindgemäße und anstößige Ausdrücke getilgt wurden und verwenden sogar den Begriff "Erziehungsbuch".

Es sind die ersten Schritte hin zu einer deutlichen Annäherung an den von ihnen verachteten Schulmeister, dessen pädagogische Überzeugungen mehr und mehr Einzug in ihre Märchen finden. Obwohl sie damit ihre eigenen Ideale verraten, setzen sie die Kritik beherzt um - und sind damit erfolgreich. 1825 erscheint die "Kleine Ausgabe" ihrer Märchensammlung. Sie enthält eine Auswahl kindgerechter Märchen, eine Reihe von Illustrationen ihres Bruders Ludwig Emil und eine blumige, kindliche Sprache. Illustrationen galten damals als wichtiges Mittel, kindgerechter zu wirken. Der Weinheimer Konkurrent arbeitete schon seit 1809 damit, nun zogen die Brüder nach. Die kleine Sammlung ist der Vorläufer zur dritten Auflage der "Kinder- und Hausmärchen" von 1837, die den Brüdern schließlich den Durchbruch bescherte: Sie fanden damit Einzug in die Kinderliteratur, etablierten die Gattung Grimm und wurden weit über Deutschland hinaus berühmt. Heute gilt ihre Märchensammlung neben der Lutherbibel als das meistübersetzte und erfolgreichste deutschsprachige Buch aller Zeiten.


Dieser Erfolg war Albert Ludwig Grimm nicht vergönnt. Obwohl er zweifelsfrei ein Vorreiter in Sachen Inhalt und Gestaltung von Märchenliteratur war, ist sein Name fast niemandem mehr ein Begriff. "Er half zwar den Brüdern, den idealen Erzählton zu finden, ihm selbst ist das aber weniger gut gelungen", sagt Weber. Außerdem fehlte dem Politiker und Pädagogen wohl einfach die Zeit, eine ebenso märchenhafte Karriere hinzulegen wie die Hanauer Brüder. Von 1829 an war er zum Beispiel fast zehn Jahre lang Bürgermeister der Stadt Weinheim und politisch engagiert - in dieser Zeit veröffentlichte er kaum etwas. Später folgten einige "für die Jugend bearbeitete" Sammlungen, allerdings vorwiegend mit Märchen aus dem orientalischen Raum. Möglicherweise war ihm zu dieser Zeit schon bewusst, dass er die Popularität der Brüder Grimm nicht mehr würde erreichen können. Das könnte erklären, warum er sich verstärkt Märchen aus ganz anderen Kulturkreisen widmete.

Auch Ruhm und Anerkennung könnte nun von anderswo kommen: Eine russische Hochschullehrerin hat den dritten Grimm-Bruder für sich entdeckt und möchte ihn in Russland bekannt machen. Elena Klokova aus St. Petersburg hat sechs Bände seiner "Bibliothek für die Jugend" übersetzt und den ersten bereits herausgegeben. Vielleicht findet das Werk des dritten Grimm also mehr als 140 Jahre nach seinem Tod doch noch das, was für jedes Märchen typisch ist: ein glückliches Ende.

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