Nina Himmer

Freie Journalistin , München / Heidelberg

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Hält die Klappe?

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Emil Müller hat ein großes Herz. An diesem Novembermorgen um 11.28 Uhr wird das zum ersten Mal in seinem Leben zum Problem: Der temporäre Herzschrittmacher, den ihm die Ärzte gerade zur Vorbereitung einer Herzklappen-Transplantation eingesetzt haben, ist verrutscht, und die Stromimpulse des Taktgebers verpuffen ohne Effekt.

"Das passiert schon mal, in diesem Alter ist alles ein wenig geweitet", murmelt der Kardiovaskulär-Techniker und blickt auf den Monitor mit der Herzfrequenz: Mal stehen dort 87 Schläge pro Minute, mal 92. Dieser Wert muss noch deutlich steigen, bevor die Ärzte ihrem Patienten die neue Herzklappe einsetzen können.

Das Herz des alten Mannes hängt am Milchvieh

Der 84-Jährige braucht die Aortenklappe dringend. Seit Monaten plagen ihn Atemnot, Schwindel und Brustschmerzen. Sein Alltag ist anstrengend geworden. Will er seiner Frau in der Küche helfen, muss er sich ständig setzen. Die Kühe auf der Weide hat er schon lange nicht mehr besucht. Längst hat sein Sohn den Hof übernommen, doch das Herz des alten Mannes hängt noch immer am heimischen Milchvieh. Künftig wird es noch stärker an den Tieren hängen, denn das Schicksal (oder der Zufall) will es, dass ausgerechnet eine Kuh das Leben des Milchbauern retten wird.

Denn ein Teil seiner neuen Klappe besteht aus Herzbeutelgewebe, das von Rindern gewonnen wird. Müllers neue Aortenklappe, Modell Sapien-3, Größe 29, ist in etwa so groß wie ein Sektkorken, nur flacher. Ihr Äußeres besteht aus einem filigranen Drahtgeflecht, dem Stent. Das Metallkörbchen, eine Kobalt-Chrom-Legierung, blitzt silbern unterm Neonlicht. An der Innenseite des Körbchens sitzt die biologische Herzklappe.

Neue Herzklappen waren lange jungen Patienten vorbehalten

Emil Müller leidet unter einer Verengung der Aortenklappe, die wie ein Ventil zwischen der linken Herzkammer und der Aorta-Schlagader sitzt. Durch dieses Ventil fließt sauerstoffreiches Blut in den Körper, doch bei zwei bis sieben Prozent der über 65-Jährigen funktioniert es nicht mehr gut, weil sich Verkalkungen abgelagert haben. Um das Blut durch die verengte Öffnung zu pumpen, muss das Herz mehr Arbeit leisten. Das führt auf Dauer erst zu Herzschwäche, dann zu Herzversagen.

"Die einzig wirksame Behandlung ist der Ersatz der verkalkten Herzklappe durch eine Prothese", sagt Professor Sebastian Kerber, Chef-Kardiologe an der Herz- und Gefäß-Klinik Bad Neustadt in Unterfranken. Doch neue Herzklappen waren lange Zeit jüngeren Patienten vorbehalten, weil dazu eine Operation am offenen Herzen nötig war. "Dabei wird der Brustkorb geöffnet und das Herzstillgelegt. Eine Herz-Lungen-Maschine hält denKreislauf aufrecht, während die Herzchirurgen die geschädigte Herzklappe ersetzen", erklärt Kerber.

Medizinischer Fortschritt hilft älteren Menschen

Ein belastender Eingriff, den junge Patienten meist gut verkraften, weshalb er für sie auch noch Standard ist. Für jeden dritten Patienten aber ist diese Methode zu gefährlich. Ausgerechnet Senioren wie Emil Müller, die am häufigsten von der Erkrankung betroffen sind, können oft nicht operiert werden. Wer ohnehin schon schwach auf den Beinen ist, unter Diabetes oder Übergewicht leidet oder bereits einen Schlaganfall hatte, muss bei der Operation mit Komplikationen rechnen.

Das Risiko dafür steigt ab dem 75. Lebensjahr sprunghaft an, sodass Ärzte die Operation nur selten wagen. Dass Emil Müller an diesem Tag trotzdem in der Herz- und Gefäß-Klinik auf dem OP-Tisch liegt, ist dem medizinischen Fortschritt zu verdanken. Er wird nicht am offenen Herzen operiert, sondern mit dem TAVI-Verfahren.

Jeder zwanzigste Patient ist schon über 90 Jahre alt

Die Abkürzung steht für "Transkatheter-Aortenklappen-Implantation", und ihr Grundprinzip ist schnell erklärt: Über einen Zugang in der Leiste oder am Rippenbogen schieben die Ärzte die gefaltete Prothese mit einem Katheter bis zu der verkalkten Herzklappe, dehnen die Stelle mit einem aufblasbaren Ballon vor und entfalten dann die neue Klappe. Dadurch wird die verkalkte Aortenklappe an den Rand gedrückt, während sich die neue darin verankert. 2002 wurde das Verfahren zum ersten Mal eingesetzt, seit 2007 wird in Deutschland damit gearbeitet.

Seither steigt die Zahl der Behandlungen kontinuierlich an: 2008 wurden 637 Aortenklappen mit TAVI eingesetzt, 2014 waren es bereits 13.264. Im Schnitt sind die Patienten 81 Jahre alt, jeder Zwanzigste hat sogar schon seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Die Ärzte gehen nach einer strengen medizinischen Choreographie vor

Ruhig hebt und senkt sich der blasse Brustkorb des alten Mannes unter Narkose, während ein elfköpfiges Team aus Kardiologen, Herzchirurgen, Anästhesisten, Radiologen, Kardiovaskulär-Technikern, Herzkatheter-Assistenten und OP-Schwestern eine strenge medizinische Choreografie abspult: Der Kardiotechniker bereiten die Herzklappenprothese vor, die Ärzte setzen einen winzigen Schnitt an der Leiste des Landwirts und schieben einen Kunststoffschlauch in seine Arterie.

"Das ist wie eine Eisenbahnschiene, die wir zum Transport durch den Körper nutzen", sagt Kerber, der die Operation zusammen mit seinem herzchirugischen Kollegen leitet. Der Schnitt in der Leistenbeuge wird der einzige bleiben, denn TAVI ist ein minimal invasives Verfahren, bei dem kaum Haut und Weichteile verletzt werden.

OP-Säle mit High Tech-Ausstattung

Inzwischen haben die Ärzte mit dem Katheter die linke Herzkammer erreicht, und auch der temporäre Herzschrittmacher sitzt an der richtigen Stelle. Während die Anästhesisten die Vitalfunktionen im Auge behalten und die Narkosetiefe kontrollieren, steuern die Techniker die medizinischen Geräte. Davon gibt es eine Menge, denn der Eingriff findet in einem sogenannten "Hybrid-Operationssaal" statt - halb kardiologisches Herzkatheterlabor, halb herzchirurgischer Operationssaal.

Der Raum ist mit technischen Finessen wie einer beweglichen Röntgenanlage ausgestattet. "Das hat den Vorteil, dass Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen gleichzeitig operieren und diagnostizieren und im Notfall schnell handeln können ", sagt Professor Anno Diegeler, Chefarzt der Kardiochirurgie an der Herz- und Gefäß-Klinik. Erleidet ein Patient während des Katheter-gestützten Eingriffs eine Komplikation, kann innerhalb von Sekunden auf einen chirurgischen Eingriff umgeschwenkt werden.

Entscheidender Moment: Der Kreislaufstillstand

Bei Emil Müller aber läuft alles gut. Das Röntgengerät zeigt den Ärzten, was im Körperinneren passiert. Ihre Augen springen ständig zwischen ihren Händen und den Monitoren hin und her. Liegt der Katheter korrekt? Ist die Herzklappe dicht? Der Ballon ausreichend groß? Mindestens sechs Millimeter Durchmesser muss die Hauptschlagader für den Eingriff haben. Bei Emil Müller sind es 9,8 Millimeter - was die Ärzte dank der Voruntersuchungen natürlich schon seit Tagen wissen.

Der Kardiotechniker spült jetzt noch einmal alles mit Kochsalzlösung durch, dann faltet er die künstliche Klappe mit einem Spezialgerät zusammen und montiert sie mit dem Ballon an die Spitze des Katheters. Alles nur eine Sache von Minuten, jeder Handgriff sitzt. Wenig später gleitet die Konstruktion durch Emil Müllers Schlagader und die Operation nähert sich dem entscheidenden Moment: Um die Klappe einzusetzen, müssen die Ärzte für 10 bis 20 Sekunden einen Kreislaufstillstand erzeugen.

Alles Wichtige muss in Sekunden passieren

Dafür wird das Herz mit dem temporären Schrittmacher so stimuliert, dass der Blutstrom kurzzeitig aussetzt. "Rapid pacing" heißt dieser Vorgang, bei dem die Herzfrequenz auf 180 Schläge pro Minute hochgetrieben wird. Der erste Versuch geht schief, die Frequenz erhöht sich kaum. Aufmerksam blicken Kerbers Augen zwischen dem mintgrünen Mundschutz und der Kopfbedeckung hervor. "Wir versuchen es noch mal."

Die Position des Schrittmachers wird verändert, er funktioniert. Jetzt bringen die Ärzte das Herz des Landwirts zum Rasen und blasen innerhalb von Sekunden den Ballon auf, der die Öffnung weitet und die Klappe entfaltet. Das Drahtgestell drückt den Kalk und die alte Herzklappe an den Rand und verhakt sich darin. Ob alles dicht ist, überprüft das Team mit Ultraschall und Röntgen.

Kerber ist zufrieden, die Klappe sitzt. Nur 45 Minuten hat der Eingriff gedauert und zwei Stunden später ist Emil Müller schon wieder ansprechbar. Prompt will er über Milchpreise diskutieren. Eine Schwester legt ihm eine Hand auf die Schulter und guckt streng: "Sie erholen sich jetzt erst mal."

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Altern". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.
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