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Feature

Georg Witkowski - Ein deutsches Leben

„Mein Name wird schnell vergessen sein“
Georg Witkowski – ein deutsches Leben.
Feature von Nils Kahlefendt
(MDR 2009, 60 Minuten)

Vor 70 Jahren, nur drei Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, stirbt Georg Witkowski, deutsche Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft, 76jährig im holländischen Exil. Arno Schmidt gilt er Ende der 50er Jahre noch als Paradebeispiel jener wilhelminischen Gelehrten im Bratenrock; professionelle Sachwalter der bürgerlichen Klassik-Legende, gegen deren vermeintliche Borniertheit er gern wettert. Für den DDR-Germanisten Walter Dietze stellen die „wissenschaftliche und erzieherische Wirksamkeit“ Witkowskis wenige Jahre später „eines der Ruhmesblätter in der Chronik der Stadt Leipzig und ihrer Universität“ dar. „Was wird von meiner Lebensarbeit übrig bleiben?“, fragt sich Georg Witkowski, als er im September 1938, ein Jahr vor seinem Tod, in der Gohliser Ehrensteinstraße die Niederschrift seiner Memoiren beendet – seine Strategie, mit den Schrecken der Gegenwart fertig zu werden: Seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 ist der Ordinarius, der mit Dichtern wie Theodor Däubler, Kasimir Edschmid oder Otto Julius Bierbaum befreundet war und zu dessen Schülern Georg Bondi, Anton Kippenberg und Erich Kästner gehörten, zwangsweise in den Ruhestand versetzt; 1937 kommt er für zwei Wochen in Gestapo-Haft, die Benutzung öffentlicher Bibliotheken ist im untersagt. Während es um Witkowski immer einsamer wird, zieht er die Summe seines Lebens. Anders als sein Dresdner Kollege Victor Klemperer, der über das alltägliche Grauen Buch führt, verweigert Witkowski der Gegenwart die bloße Notiznahme. Während alte Freunde tot oder vertrieben sind und Leipzig längst im braunen Sumpf versinkt, erinnert er sich in fast beängstigender Gelassen-, ja Heiterkeit noch einmal an das „Märchen“ seines Lebens: Die Berliner Kindheit um 1870, das Studium in München, die erfüllten Jahrzehnte im kulturell blühenden Leipzig: Noch einmal ziehen zahllose Opern- und Theateraufführungen, Gewandhaus-Konzerte und Stammtisch-Runden im „Kaffeebaum“ an ihm vorbei, ebenso wie die großen Jahre des von ihm mitbegründeten Leipziger Bibliophilen-Abends, des Schiller-Vereins oder die Lehrtätigkeit an der Universität. Ein Manuskript wie eine Flaschenpost: Als Witkowski die Feder aus der Hand legt, ist das Schicksal der Welt, die er so liebevoll beschreibt, längst besiegelt.

Auf der Grundlage von Zeitzeugen-Schilderungen, Briefen und Dokumenten, vor allem aber basierend auf Georg Witkowskis Erinnerungen, die 65 Jahre nach ihrem Entstehen im Leipziger Lehmstedt Verlag veröffentlicht wurden, rekonstruiert das Feature von Nils Kahlefendt ein deutsches Intellektuellen-Leben zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur mit all seinen Widersprüchen. Witkowski, aufgewachsen in einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie, ist ein aufgeklärter Mann mit „dogmenfreiem Glauben“. Auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs reagiert er mit patriotischer Begeisterung über ein Deutschland, in dem nun „jeder Gegensatz der Weltanschauung, jeder Standesunterschied ausgelöscht“ zu sein scheint. Trotz seines Übetritts zum Protestantismus erhält der renommierte Goetheforscher erst 1930 einen ordentlichen Lehrstuhl; eine Zurücksetzung, unter der er leidet. Er ist Kulturkonservativer, fühlt sich aber zugleich dem deutschen Bildungsbürgertum liberaler Tradition verpflichtet – so verteidigt er etwa als Gutachter Frank Wedekind und Arthur Schnitzler vor Gericht gegen „Schmutz- und Schund“-Anwürfe und schreibt Feuilletons fürs „Leipziger Tageblatt“. Eine Zeitreise, die schließlich, fernab von Deutschland, auch zurück in die Gegenwart und zu Veronica Hudd führt: Die 86jährigen Enkelin Witkowskis, die Deutschland mit ihren Eltern 1934 verlassen musste, lebt heute in einem kleinen Städchen an der südenglischen Atlantikküste. Wenn Leipzig das 600. Jubiläum seiner Alma mater feiert, ist der Name des Großvaters, anders als von diesem befürchtet, nicht vergessen. Die wissenschafts- und kulturgeschichtliche Erforschung seiner öffentlichen Wirksamkeit steht noch aus. „Als Stütze möge mir bis zuletzt die Erinnerung an den besten Teil meines Lebens und die Liebe der wenigen Menschen, die noch meinem Herzen teuer sind, erhalten bleiben“, schließen Witkowskis autobiografische Aufzeichnungen im September 1938. „Alles andere und sogar auch dies von mir Erhoffte liegt in der Nacht der Zukunft verhüllt und hinter ihren Schleier blicken zu wollen, wäre vermessen und unklug.“

Foto: Veronica & Geoff Hudd, Padstow/Cornwall, Sommer 2009 (c) nk