Nikta Vahid-Moghtada

Freiberufliche Journalistin und Redakteurin, Leipzig

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Techno im Osten: Community statt Massentauglichkeit | MDR.DE

Während sich auf der Loveparade zu Tausenden Raver durchs wiedervereinte Berlin walzten und stampften, entstanden in ländlichen Regionen, etwa in Sachsen oder Thüringen, kleine, aber nicht weniger bedeutende Techno-Kaderschmieden, die die Szene bis heute maßgeblich prägen. Davon hat erst jüngst die Dokumentation "Techno House Deutschland" berichtet.

Kaum eine Musikrichtung hat Deutschland nach der Wende so sehr geprägt wie Techno. Und was wäre eine Subkultur ohne das entsprechende Medium? Die "Groove" ist das größte und älteste Magazin für elektronische Musik in Deutschland, das die Szene und ihren Wandel seit 1989 abbildet. Gegründet 1989 kurz nach Mauerfall, agiert das Blatt zunächst als Stadt- und Eventmagazin im Frankfurter Umfeld. In den späten 90er Jahren folgt der Umzug der Redaktion nach Berlin und die Öffnung des Fokus auch aufs Geschehen in den neuen Bundesländern.

Zusammenhalt und Empathie

Alexis Waltz ist seit 2019 Chefredakteur des heute nur noch online erscheinenden Magazins. Ab 1998 schrieb er als freier Autor für die "Groove". Von Anfang an war er beeindruckt vom Lebensgefühl und dem besonderen Zusammenhalt, der von Künstlerinnen und Künstlern und DJs aus den neuen Bundesländern ausging.

"Man hat gemerkt, dass sozial einfach alles anders strukturiert war. Ich habe im Osten eine große Empathie gespürt, einen Gemeinsinn, den man in Westdeutschland so einfach nicht hatte", sagt der Musikjournalist. Es sei deutlich geworden, dass es darum ging, etwas gemeinsam aufzubauen, und nicht nur darum, Erfolg zu haben. "Es ging um ein gemeinsames Moment, das man teilt."

Die große Techno-Explosion der 90er-Jahre sei Anfang der 2000er schon vorbei gewesen, sagt Waltz. Er spricht von einer "neuen Stunde Null, die eigentlich keine war". Die Szene sei noch genauso agil gewesen, "aber ohne die Naivität der Neunziger, sondern im Bewusstsein, dass alles schon mal stattgefunden hat". In Ostdeutschland kristallisierten sich Städte wie Leipzig, Dresden oder Jena heraus, als Orte, die ihre ganz eigene Feierkultur entwickelt hatten. Waltz denkt ans Festival Nachtdigital ebenso wie an viele kleine Labels, deren Betreiber sich durch Commitment und Ernsthaftigkeit einen Namen machten. "Man musste sich die Möglichkeiten, diese Art von Musik hören zu können, selbst schaffen", sagt Waltz. In ländlichen Regionen sei mehr Eigenengagement gefragt gewesen als in Städten, in denen es schon eine Clubkultur gab. "Da mussten die Leute eine Industriehalle oder Scheune klarmachen und dann wurde dort gefeiert." Und gefeiert hätten damals alle gemeinsam, sagt der Journalist. Techno hat die Republik vereint und es hat in alle Richtungen funktioniert, egal welchen sozialen Background man hatte. Szeneleute und Landjugend, Autonome und Popper, alle haben gemeinsam gefeiert."

"Alles war viel persönlicher"

Heiko Hoffmann war von 1999 bis 2018 Chefredakteur der "Groove". Denkt er an den Osten, denkt er vor allem an die Festivals, die hier entstanden sind. "Sie waren wichtig, weil sie neben überregionalen auch viele lokale DJs gebucht haben. Viele Leute, die aus Berlin oder aus dem Westen zum Festival gekommen sind, haben die lokalen Artists zum ersten Mal wahrgenommen", sagt Hoffmann.

Auch er erwähnt das persönlichere Umfeld, in dem sich die Szene im Osten etablierte. "In Berlin oder Frankfurt passierte alles schneller, in gewisser Weise professioneller und es gab feste Strukturen", erinnert sich der Journalist. "Als ich Anfang der 2000er-Jahre auf meiner ersten Freude-am-Tanzen-Party in Jena war, da gingen die Veranstalter noch selbst herum und haben Erdbeerbrause ausgeschänkt. Das war alles viel persönlicher." Das, glaubt er, haben auch namhafte DJs und Produzenten, etwa ein Ricardo Villalobos, der beim Nachtdigital angeklopft hat, ob er nicht spielen dürfe, auf solchen Veranstaltungen gesehen. "Ich fand es toll, dass man sich außerhalb der Großstädte eine solche Infrastruktur aufgebaut hat, in der es nicht nur um einzelne Musiker ging, sondern dass es zwar einen Club gab, aber, wie zum Beispiel in Jena, auch einen Plattenladen und ein Label dazu gab."

Tradition trifft auf frischen Wind

Zusammenhalt, Empathie, Erdbeerbrause - was ist davon noch übrig und wie sieht die Szene heute aus? Der Kultur- und Musikjournalist Kristoffer Cornils arbeitet seit 2013 als freier Redakteur für die "Groove". "Im Osten passiert noch immer sehr viel, vor allem in Ballungsgebieten wie Leipzig und Dresden", sagt er. Da treffe viel Tradition auf frischen Wind, erklärt er am Beispiel Leipzig. Neben Institutionen wie der Distillery und dem Institut fuer Zukunft (ifz) entstehen auch immer neue Clubs wie das mjut oder die Neue Welle, die neue Akzente setzen.

"Clubkultur wurde im Osten immer politischer gedacht", sagt der Musikjournalist. In Leipzig gehörten dazu schon seit Jahren das Conne Island, wo neben Partys und Konzert auch politische Veranstaltungen stattfinden, und das ifz, in Dresden habe sich das Objekt klein a als Club mit sozialpolitischem Anspruch etabliert. In Dresden etwa ist Anfang 2020 außerdem das Clubnetz Dresden gegründet worden, ein Art Netzwerk, das der Club- und Kulturlandschaft als Interessenvertretung dient. In Leipzig fungiert das LiveKommbinat als Sprachrohr für die Szene.

Eine weitere Besonderheit: "Im Osten gibt es viele Kollektive, die nicht unbedingt an einen Club gebunden sind, aber politische Arbeit betreiben, z.B. Music of Color in Leipzig oder das feministische Kollektiv Prozecco in Dresden", sagt Cornils.

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