Nelli Tügel

Journalistin, Redakteurin, Berlin

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Artikel

Zwickau - Die vergessene Migration

Die Erzählungen über den Osten, sie haben wieder Konjunktur, die Erklärungen der Gründe für Rassismus und Ressentiment, für den Erfolg der AfD. Eine dabei weit verbreitete Erklärung lautet: Die DDR war kein Einwanderungsland - und wo keine Migranten lebten und leben, da gedeihen Vorurteile besonders gut. Siehe Westen: Dort gab es Gastarbeiter, ist die AfD schwächer.

Belege für die Plausibilität dieser Erzählung kann man finden. In die DDR immigierten viel weniger Menschen als in die Bundesrepublik, im Osten leben auch heute noch wesentlich weniger Migranten als im Westen oder Süden.

Dass etwas an der Vorstellung von einer quasi migrationsfreien DDR dennoch nicht ganz stimmen kann, zeigt schon ein Blick auf die Ausschreitungen, die zu Beginn der 1990er Jahre in Ostdeutschland stattfanden: In Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda etwa richteten sich die rassistischen Attacken unter anderem gegen Wohnheime von Vertragsarbeitern aus Vietnam und Mosambik. Auch im Landkreis Zwickau lebten in den 1980er Jahren Tausende ausländische Vertragsarbeiter - in der gesamten DDR waren es 1989 fast 100.000. In den Städten und Gemeinden der Industriehochburg in Westsachsen - Zwickau, Meerane, Crimmitschau, Wilkau-Haßlau, Werdau und andere - standen DDR-Bürger und Migranten zusammen in den Volkseigenen Betrieben an Werkbank und Webstuhl.

Einer von ihnen war Nguyen Hoang, Vorsitzender des vor 20 Jahren gegründeten Vereins der Vietnamesen Westsachen-Zwickau e. V., der sich um Integration und Kulturpflege bemüht. Etwa 600 Mitglieder sind in dem Verein organisiert, die meisten frühere Textilarbeiter. Nguyen Hoang selbst war, wie er am Telefon erzählt, in der Kammgarnspinnerei Wilkau-Haßlau, südlich von Zwickau, eingesetzt. Nach der Wende gerieten Vertragsarbeiter unter Druck, verloren Arbeitsplatz und Aufenthaltsstatus. Ihnen blieben, so Nguyen Hoang, zwei Möglichkeiten: Deutschland verlassen oder selbst einen neuen Weg finden. 70 bis 80 Prozent derer, die in die Region gekommen waren, kehrten zurück. 20 bis 30 Prozent sind geblieben.

Die meisten haben sich, wie auch Nguyen Hoang, selbstständig gemacht, ein Teil ist in den Westen gegangen, ein größerer Teil lebt nach wie vor im Landkreis. „Die schwierigste Zeit für uns war die von 1990 bis Mitte der 1990er", sagt er. Da war „die Sache mit dem Sonnenblumenhaus" - das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. „Wir waren nicht mehr willkommen, die wollten uns nicht mehr sehen."

Zu kämpfen hatten die früheren Vertragsarbeiter damals nicht nur mit offenen Anfeindungen auf der Straße, sondern auch mit den Institutionen der Bundesrepublik. Der Aufenthaltsstatus blieb nach der Wende jahrelang ungeklärt. Mit dem Einigungsvertrag erloschen die geschlossenen Verträge. Erst 1997 kehrte Sicherheit ein, erzählt Nguyen Hoang, und damit die Möglichkeit, Familien zu gründen, richtig Fuß zu fassen.

2017 organisierte er mit seinem Verein eine Zusammenkunft von knapp 1.000 früheren Vertragsarbeitern in Wilkau-Haßlau. Es war einer der wenigen Momente, in denen deutlich sichtbar wurde, dass der Landkreis eine Einwanderungsgeschichte hat, die bis in DDR-Zeiten zurückgeht.

Redner war bei diesem Fest auch Lothar Ungerer, ein aus dem Stuttgarter Raum stammender „Wossi", seit 2001 parteiunabhängiger Bürgermeister von Meerane, einer Kleinstadt nördlich von Zwickau. Seit der Wende ist Meerane um ein Viertel auf 15.000 Einwohner geschrumpft, es herrscht Wohnungsleerstand - und nahezu Vollbeschäftigung. Im Herbst 2015 sorgte die Stadt bundesweit für Schlagzeilen: Als Geflüchtete am Bahnhof von Meerane Halt machten und auf Busse umverteilt werden sollten, kam es zu Tumulten von einigen Anwohnern. Danach war die Stimmung monatelang aufgeheizt, wie Ungerer erzählt. Anklang fanden die Rechten bei einigen, die er „Retropisten" nennt: Menschen, die „der Hochzeit der traditionellen und identitätsstiftenden Textilindustrie des 20. Jahrhunderts nachhängen". 1989 gab sie in Meerane noch 10.000 Menschen Arbeit, der Bedarf an Fachkräften war riesig, daher auch die Anwerbung von Vertragsarbeitern.

Heute, so Ungerer, „ist die Textilindustrie in der Stadt nicht mehr existent". Dafür siedeln sich hier andere Werke an: VW zieht gerade einen Standort für E-Autos hoch. Unter Arbeitslosigkeit leidet Meerane nicht, Wohnungen gibt es genug. Ökonomistische Erklärungen greifen offenkundig zu kurz. Einwanderung kannte man hier auch schon vor der Wende - was erklärt also Szenen wie die vom Herbst 2015?

Auf einem Flugplatz bei Zwickau sitzt Lisa Wetzel auf einer Bierbank in der prallen Sonne. Im Hintergrund ist eine Bühne aufgebaut, später wird es laut - es ist Tag zwei des jährlichen linken Störfaktor Festivals. Wetzel - 28, gepierct und tätowiert - ist engagiert in der Zwickauer Initiative Roter Baum, in der sich unter anderem Kinder früherer DDR-Vertragsarbeiter organisieren, Angehörige der „zweiten Generation". Wetzels Vater war Vertragsarbeiter aus Mosambik, in einem Leuchtenbau-Betrieb traf er ihre Mutter. Nach der Wende verließ er Deutschland.

Spielt es in der Stadtöffentlichkeit eine Rolle, dass in der Region vor Jahrzehnten viele Migranten lebten und arbeiteten? Wetzel schüttelt den Kopf. Nein. Sie ist Ostdeutsche und schwarz. Warum, darüber werde selten geredet.

Das bestätigen auch zwei junge Filmemacherinnen, deren Eltern als Vertragsarbeiter in die Region kamen. Nguyen Phuong Thanh und Nguyen Phuong Thuy, beide nach der Wende geboren, sind in Werdau bei Zwickau aufgewachsen.

Gemeinsam haben sie einen Film über ihre Eltern und deren Kollegen gedreht: Sorge 87, benannt nach der Sorge, einem Werdauer Plattenbaublock, der als Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter diente. Bei der Recherche für den Film, erzählt Nguyen Phuong Thanh, sei ihr aufgefallen, wie groß die Leerstelle in der kollektiven Erinnerung der Kleinstadt ist. „Weshalb leben so viele Vietnamesen in Werdau? Die meisten wissen das gar nicht."

Ein Grund könnte sein, dass etliche die Region verließen. Zum Vergessen dürften zudem die Umstände beigetragen haben, unter denen einst Kontakt zwischen Vertragsarbeitern und DDR-Bürgern stattfand: Die Alltagserfahrungen waren, jenseits der Arbeit, oft keine gemeinsamen. Vertragsarbeiter lebten meist abgegrenzt vom Rest der Bevölkerung, in bewachten Wohnheimen, wie jenem in Werdau-Sorge. Kontakte und Beziehungen außerhalb des Betriebes waren nicht gewünscht und blieben Ausnahmen.

Um zusammenzuwachsen, sagt Lisa Wetzel, brauche es jedoch mehr, etwa Nachbarschaft und Freundschaften: „Es muss dann mal jemand sagen: Kommt doch zum Abendbrot vorbei!" Heute scheint dagegen die Annahme verbreitet, Ressentiments verflüchtigten sich wie von selbst, wenn es nur genügend Einwanderer an einem Ort gebe. Auch Gordon Allport, der Psychologe, auf den die Kontakthypothese - „Vorurteile gegenüber Migranten verschwinden durch direkten Kontakt" - zurückgeht, betonte, dass dies nicht „einfach so" geschehe, sondern nur unter bestimmten Bedingungen. Nötig seien neben intensivem Kennenlernen auch Kommunikation auf Augenhöhe, das Verfolgen gemeinsamer Ziele sowie eine Förderung des Kontakts, beispielsweise durch den Staat. Diese Bedingungen waren in der DDR selten erfüllt, es fehlte, was nötig gewesen wäre, um nicht nur im Betrieb nebeneinander-, sondern in einer Gesellschaft auch füreinander einzustehen.

Im Westen war das allerdings zunächst nicht anders. Die Behauptung, das bloße Anwesendsein der ersten Gastarbeitergeneration habe Ressentiments abgebaut und Gleichheit befördert, blendet aus, dass die Realität der ersten Jahre hier ebenfalls durch Wohnheime und von Staats wegen verweigerter Integration geprägt war. In der Bundesrepublik jedoch ist fast 20 Jahre nach den ersten Anwerbeabkommen von 1955 etwas Entscheidendes passiert: Die wilden Streiks vor allem türkeistämmiger Gastarbeiter bei Ford und anderen Betrieben 1973 bewirkten ein Umdenken. Gewerkschaften begannen, Gastarbeiter als Kollegen ernst zu nehmen, viele Migranten organisierten sich, es kam zu öffentlich geführten Debatten um soziale und politische Rechte; viele, die dauerhaft blieben, entschieden sich in dieser Zeit dafür. Die Streiks von 1973 änderten das Zusammenleben nicht schlagartig, auch im Westen sind alltäglicher und institutioneller Rassismus bis heute ein gravierendes Problem. Dennoch hatten die Kämpfe spürbare Folgen für das Miteinander.

Einen vergleichbaren Prozess gab es weder in Zwickau noch im Rest der DDR. Obwohl auch hier Arbeitskämpfe stattfanden: So kam es in der VEB Technische Textilien Meerane im Januar 1985 zu einem mehrtägigen Streik von 22 mosambikanischen Arbeitern. 1975 sollen sich dem Staatssekretariat für Arbeit und Löhne zufolge landesweit sogar 6.000 Vertragsarbeiter an Arbeitsniederlegungen beteiligt haben. Öffentlich existiert darüber jedoch kaum Wissen.

Eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung um den Platz von und den Umgang mit Vertrags- oder eben Gastarbeitern wie nach 1973 im Westen, an der diese auch selbst partizipierten, hatte bis zur Wende nicht stattgefunden. Nachholen ließ sich das später nicht mehr. Denn als die Betriebe schlossen, verschwanden nicht nur viele Vertragsarbeiter abrupt aus den Leben jener, mit denen sie am Arbeitsplatz Seite an Seite gestanden hatten - sondern mit den Arbeitsplätzen verschwand auch das Einzige, was dauerhaft miteinander verbunden hatte.

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