Nelli Tügel

Journalistin, Redakteurin, Berlin

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Der Geist von Gezi

Wenn er Besuch bekommt in der Strafvollzugsanstalt Silivri bei Istanbul, dem größten Gefängnis Europas, weist Osman Kavala regelmäßig auf die Zehntausenden von politischen Gefangenen hin, die es gegenwärtig in der Türkei gibt - die anderen. Er möchte nicht Mittelpunkt exklusiver Solidarität sein. Das erzählt auch Asena Günal, Direktorin der von Kavala gegründeten Stiftung Anadolu Kültür und eine der drei Personen, die Kavala neben seinen Anwälten und nächsten Verwandten in Silivri besuchen darf. Er sei eben „altruistisch, bescheiden und empathisch". So wirkte er schon, als der Unternehmer und Kulturförderer noch in Freiheit lebte: häufig dort präsent, wo die alternative Türkei sich entfaltete, und selten im Rampenlicht. Bis Polizisten Kavala am 18. Oktober 2017 aus einem Flugzeug in Istanbul holten, als er von einem Treffen mit Mitarbeitern des Goethe-Institut in Gaziantep zurückkam.

Seit Montag nun steht der 61-Jährige zusammen mit 15 weiteren Angeklagten - Journalisten, Anwälte, Schauspieler, Architekten - vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, die monatelangen landesweiten sozialen Proteste initiiert zu haben, die 2013 vom Istanbuler Gezi-Park ausgingen, um, so lautet der Vorwurf, die Regierung zu stürzen. Kavala selbst soll Financier der Bewegung gewesen sein. Menschenrechtsorganisationen nennen die 657-seitige Anklageschrift absurd. Er selbst wies in einem Brief aus dem Gefängnis die Vorwürfe zurück: Gezi habe keinen „Mastermind" gehabt, Massenproteste mit legitimen Forderungen gebe es überall auf der Welt.

Auf Fotoaufnahmen und den wenigen Videos, die von Kavala existieren, ist ein im dezenten Hemd gekleideter Mann zu sehen, mit Locken und Bart, hochgewachsen und sehr schlank. Eher der Typ Universitätsdozent als Millionenerbe. Doch genau dies ist Kavala: Erbe eines Familienunternehmens, 1957 in Paris geboren; Absolvent der Istanbuler Eliteschule Robert College, auf der er seine Ehefrau, die Wirtschaftsprofessorin Ayşe Buğra, kennenlernte; Studienabschluss in England. Ein direkter Weg in die Leitung des Unternehmenskonglomerats seines Vaters.

Mehmet Kavala war als Kind aus der griechischen Stadt Kavala zwangsumgesiedelt worden. In der Türkei hatte er mit dem Handel von Tabak ein Vermögen gemacht und später eine Mischholding aufgebaut, zu der auch ein Rüstungszweig gehörte. Nach seinem Tod 1982 übernahm Osman Kavala mit 24 Jahren die Geschäfte. Er reduzierte die vielen Zweige des Firmenimperiums nach und nach auf Immobilien, Digitales und Bergbau. Und er begann noch in den 1980er Jahren damit, seine Position und sein Vermögen in die Förderung der Zivilgesellschaft zu investieren. Während unter dem Militärregime Kenan Evrens der Nationalismus florierte, unterstützte Kavala den linken İletişim-Verlag und setzte sich - nach der Zypernkrise vollkommen unpopulär - mit Kulturschaffenden für den türkisch-griechischen Dialog ein.

2002 gründete er das Kulturinstitut Anadolu Kültür und sei seither kaum mehr für den Familienkonzern, sondern vornehmlich für die Stiftung aktiv, erklärt Asena Günal. Mit seinem Interesse am abgehängten kurdischen Teil des Landes und als Befürworter des Friedensprozesses mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK unterschied sich Kavala dabei früh von jenen westtürkischen Intellektuellen, die gegenüber dem Südosten herablassend, wenn nicht gar feindselig eingestellt sind - und ihn oft gar nicht kennen. Kavalas Stiftung hingegen baute etwa in Diyarbakır und Kars Kulturzentren auf, sowie ein armenisch-türkisches Jugendorchester. Sie schützt Denkmäler ethnischer und religiöser Minderheiten und damit die prekäre Erinnerungskultur der Türkei, in der über den Völkermord an den Armeniern zu sprechen bis heute ein Tabu ist.

Doch angeklagt wird Kavala wegen Gezi. Seine finanzielle Unterstützung für diese Bewegung erschöpft sich wohl darin, gemeinsam mit anderen Setzlinge für Bäume gespendet zu haben, die in dem umkämpften Park gepflanzt werden sollten. Dass seine Stiftung allerdings nie ein Geheimnis daraus machte, für Ausstellungen, Konferenzen und Kulturprojekte auch mit ausländischen Partnern zu kooperieren, darunter das Goethe-Institut ebenso wie die Open Society Foundations des ungarisch-amerikanischen Philanthropen George Soros, ist für die AKP-Regierung Beweis genug und Anlass, auf altbekannten Klaviaturen zu spielen: alles Terroristen und Umstürzler. Hinter Kavala stünde „der berühmte ungarische Jude Soros. Dies ist der Mann, der Leute um die Welt schickt, um Nationen zu spalten", erklärte Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan im vergangenen Herbst. Vom „roten Soros" spricht die AKP-Presse. Was Kavala in den Augen der Regierung so gefährlich macht, dürfte genau dieses „rot" sein: Ein zivilgesellschaftliches Engagement, das nicht spaltet, sondern im Gegenteil Menschen unterschiedlichster Milieus zusammenbringt, ist für eine Regierung ein Dorn im Auge, deren Macht auf Polarisierung basiert.

Doch Kavala scheint mit unerschütterlichem Optimismus gesegnet. Ihm droht lebenslange Haft. Im Brief, den er zu seinem 500. Hafttag im März aus dem Gefängnis an die Öffentlichkeit schrieb, ist dennoch von der „festen Überzeugung" zu lesen, dass alle 16 Angeklagten des Gezi-Prozesses freigesprochen werden. Ein Prozess, der ausgerechnet am Tag nach dem Wahlsieg des Oppositionellen Ekrem İmamoğlu bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul begann: einem Tag, der einmal mehr zeigte, dass der Geist von Gezi in der Türkei auch jenseits der Gitter weiterlebt.

Nelli Tügel ist Redakteurin bei der Monatszeitung analyse & kritik und freie Autorin in Berlin

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