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Youtube: Christoph Krachten beteiligt sich an "Fairtube"

Christoph Krachten hat in seinem Leben schon viel gepredigt, doch dieser Auftritt im coronabedingt spärlich besetzten Dom zu Münster Anfang März dürfte selbst für ihn neu gewesen sein. In seiner Rede ging es um die Kirche als disruptiven Ort mit "krassem Nachhall", um Paulus als "einen der wichtigsten Influencer der Welt" und um "mehr gute Inhalte", die sich Krachten von seiner Kirche wünscht.

Inhalte produziert Christoph Krachten selbst schon seit Jahrzehnten - fürs Netz. Nun hat er sich der neu gegründeten Initiative "Fairtube" als Zweiter Vorstand angeschlossen. Sie ist eine Interessenvertretung mit 1200 Mitgliedern, ein erster Versuch, Youtuber gewerkschaftlich zu organisieren. Die IG Metall beteiligt sich. Die Initiative fordert faire Bezahlung und mehr Transparenz und kritisiert, dass die oft selbstständigen Künstler vollkommen von der Plattform abhängen. Die Netzkünstler verdienen ihr Geld über Werbung in den Videos. Wie Google Youtube-Künstler vermarktet und wie dessen Algorithmus sie einstuft, können sie nicht beeinflussen - ein Ärgernis für viele.

Wenige kennen das System Youtube besser als Christoph Krachten, Jahrgang 1963, der mit seinem Kanal "Clixoom" Bekanntheit erlangte. Er fing in den Achtzigern in den klassischen Medien an. Nach einem Semester VWL und Erziehungswissenschaften an der Universität zu Köln zog es ihn "mit Führerschein und Abitur", wie er sagt, zum WDR, für den er zunächst als Radioreporter unterwegs war. Schnell trat er der Mediengewerkschaft VRFF bei. In den Neunzigern arbeitete er für TV-Formate wie "Schreinemakers Live" oder "Parlazzo". In Bestzeiten will Krachten 4000 Mark pro Woche verdient haben.

Doch um die Jahrtausendwende hatte er genug vom Fernsehen. "Bei vielen Fernsehshows zu der Zeit ist mir das Hirn ausgelaufen", sagt Krachten. 2006 produzierte er die Online-Talkshow "Clixoom", zunächst mit eigener Website, auf der er schon früh sogenannte Pre-Rolls ausstrahlte, also Anzeigen vor den Videoclips. Wenig später wechselte er mit "Clixoom" zu Youtube und interviewte Prominente und solche, die es sein wollten. In der Show waren auch häufig Youtube-Stars geladen, etwa der Influencer Simon Desue.

Bis heute berüchtigt ist das Youtube-Netzwerk "Mediakraft", das Krachten 2010 mitgründete. Die Idee großer Netzwerke, die Videokanäle betreuen und wachsen lassen und im Gegenzug Provision einstreichen, kam aus den USA. Das ging zunächst auch bei "Mediakraft" hierzulande auf, das Unternehmen wuchs schnell bis auf 150 Mitarbeiter. Unter Krachtens Ägide wurden komödiantische Youtuber wie "Die Lochis", "Y-Titty" oder "ApeCrime" groß.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass solche Netzwerke mit dazu beitrugen, die Webvideos zu kommerzialisieren. Da Werbeeinnahmen sanken, platzierten immer mehr Youtuber Produkte, auch das Comedy-Trio "Y-Titty", das im Jahr 2014 etwa 50 000 Euro dafür erhalten haben soll. Es gab Vorwürfe wegen Schleichwerbung, die "Mediakraft" zurückwies. Doch auch das Verhältnis zwischen Vermarkter und Youtubern litt zusehends. Viele Youtube-Stars verließen das Netzwerk, beschwerten sich über mangelnde Unterstützung und "Knebelverträge". 2014 hörte Christoph Krachten bei "Mediakraft" auf.

Nach der "Mediakraft"-Ära hat Krachten seinen Kanal umgebaut und sich mehr der Wissenschaft zugewandt. Er mache sich Sorgen, sagt er, über "angry white men", über Querdenker, Klimawandel, Elektromobilität. Über die Kirche. Und darüber, wie man sich gegen die geballte Plattformmacht von Google organisieren könne. Kann "Fairtube" irgendwann mal eine echte Gewerkschaft sein? "Ich würde nichts ausschließen", sagt Krachten. Bis es soweit ist, wird er wohl noch weiter predigen.

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