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Impfprämie: Vertrauen lässt sich nicht kaufen

Der Trubel um das Impfen ist derzeit groß, es ist nach einhelliger Meinung das wichtigste Mittel im Kampf gegen die Pandemie. Knapp zehn Millionen Impfdosen wurden bisher in Deutschland laut Robert-Koch-Institut verimpft, doch der allergrößte Teil der Deutschen muss noch lange auf eine Impfung warten. Das ist vor allem für Menschen ein Problem, die ein erhöhtes Risiko haben, sich anzustecken - etwa in der Arbeit. Zum Beispiel für Kassiererinnen und Kassierer. Zwar ergibt eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz vom Oktober 2020, dass Hochrisikokontakte von mehr als 15 Minuten im Laden unwahrscheinlich seien. Doch an der Kasse kämen Mitarbeiter unweigerlich auch Infizierten nahe.

Daher verwundert es nicht, dass Unternehmen ihre Beschäftigten gerne schnell impfen lassen wollen. In den USA zahlt Lidl nun sogar den Mitarbeitern 200 Dollar Prämie, wenn sie sich piksen lassen. Dort zählen Kassierer auch zu den essential workers und damit zur zweithöchsten Prioritätsgruppe, anders als in Deutschland. Hierzulande plant Lidl bisher nicht, Mitarbeitern eine solche Impfprämie zu zahlen, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt.

Auch wenn eine Prämie als Anreiz zunächst naheliegend erscheint - auch Freiwillige beim Blutspenden erhalten ja einen kleinen Obolus: Geld allein scheint die Impfbereitschaft ohnehin nicht zu erhöhen. Das hat Philipp Sprengholz, Doktorand an der Universität Erfurt, herausgefunden. Er forscht mit seinem Team seit März 2020 zur Stimmung in der Bevölkerung. Mit ihrem "Cosmo"-Monitoring arbeiten die Forscher etwa dem Robert-Koch-Institut zu. Für eine Studie haben sie nun Testpersonen 25 bis 200 Euro angeboten, wenn diese sich impfen lassen. Das Ergebnis: "Diese Beträge haben die Impfbereitschaft nicht erhöht", sagt Sprengholz. Nicht von ungefähr lautet der Titel der Studie: "Money is not everything".

Entscheidender sei etwas anderes: Viele Menschen seien verunsichert. Zum einen trauten sie derart schnell entwickelten Impfstoffen nicht. Auch die Politik habe hier viel Vertrauen verspielt, zuletzt in der Debatte um den Astra-Zeneca-Impfstoff. "Bei Biontech sehen wir eine hohe Impfbereitschaft", sagt Sprengholz. Was jedoch nicht bedeute, dass sich genügend impfen lassen würden, wenn sie denn den Biontech-Impfstoff bekämen. Schon vor dem vorläufigen Impfstopp habe die Debatte um die Effektivität von Astra Zeneca dessen Ruf geschadet. Laut den Forschern verstehen zu viele Menschen nicht, was der Wert genau bedeutet. Denn Astra Zeneca schütze "exzellent" vor einem schweren oder tödlichen Verlauf der Erkrankung.

Doch auch wenn eine Geldprämie offenbar keine hohe Wirkung hat: Die Forscher empfehlen, lieber zu belohnen als zu bestrafen. Denkbar wäre es zum Beispiel, das Reisen nur Bürgern zu erlauben, die bereits geimpft sind. Oder ein grüner Pass wie in Israel, mit dem Geimpfte Fitnessstudios oder Konzertsäle besuchen dürfen. Von einer Impflicht oder gar Berufsverboten für Impfverweigerer halten die Forscher wenig. "Wir sehen bei Zwang immer auch Reaktanzverhalten." Wer gegen den eigenen Willen geimpft werde, lasse den Frust darüber an anderer Stelle raus, halte etwa weniger Abstand oder ziehe keine Maske mehr auf.

Vernünftige Gehälter und allgemeingültige Tarifverträge statt Impfprämien

Politik und auch Unternehmen müssten daher den steinigen Weg gehen und Vertrauensarbeit leisten, so die Forscher. Etwa zeigen, dass die Impfstoffe geprüft sind, dass es weltweit kaum Komplikationen gibt. Auch Barrieren im Alltag müssten wegfallen: keine langen Warteschlangen, einfache Terminfindung. Impfwillige sollten unkompliziert für den Impftermin freinehmen können. Erst dann könnten Prämien als zusätzliches Mittel wirken, schließen die Studienautoren.

In jedem Fall scheint es vielen an Vertrauen zu mangeln, das sich mit einem 100-Euro-Schein nicht wieder gewinnen lässt. Dem stimmt auch Orhan Akman von der Gewerkschaft Verdi zu. Er ist dort als Gewerkschaftssekretär für Handel zuständig. Bisher habe die Politik beim Impfen auf großer Linie versagt, sagt er. "Daher sehe ich derzeit nicht, wie Unternehmen mit Impfprämien das Problem lösen wollen oder können", sagt Akman. Sollten Beschäftigte Zweifel an der Impfung haben, müsste die Politik diese überzeugend ausräumen. Statt einer Impfprämie fordert Akman vernünftige Gehälter und allgemeingültige Tarifverträge für die Kassierer. Dafür gebe es etwa bei Lidl mit der anstehenden Tarifrunde 2021 eine gute Gelegenheit. Im Einzelhandel haben zudem andere Probleme zugenommen. Während ganze Innenstädte brachliegen, konnten Konzerne wie Amazon den Gewinn massiv steigern. Akman kritisiert außerdem, dass große Läden neben Lebensmitteln auch Alltagsgegenstände wie CDs oder Bücher verkaufen dürfen, während die kleinen Einzelhändler schließen mussten.

Selbst 1000 Euro wirken kaum

Sprengholz und sein Team haben kürzlich in einer anderen Studie noch einen weiteren Anlauf mit der Impfprämie genommen. Nun boten sie den Befragten 1000 Euro für eine Impfung an. Die Bereitschaft erhöhte sich um magere sechs Prozent.

Aber die Forscher haben auch Hoffnung, was die Impfwilligkeit anbelangt. Wollten sich Anfang Dezember 2020, kurz vor dem Impfbeginn, nur 48 Prozent der Befragten impfen lassen, so ist die Bereitschaft seitdem angestiegen, zuletzt bis auf über 60 Prozent Ende Februar. Sprengholz vermutet einen Schneeballeffekt: Je mehr Bekannte und Freunde geimpft seien, umso weniger Bedenken hätten viele. Dazu zeigten sich in Israel und Großbritannien schon erste positive Effekte, beide Länder sind führend bei den Impfungen. In Israel sank die Todesrate binnen fünf Wochen seit Beginn der Impfungen um 70 Prozent, wie Daten der John-Hopkins-Universität zeigen.

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