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Wie Frankfurt an der Oder blieb

In der DDR gab es den eigensinnigen Beruf des Stadtarchitekten. Manfred Vogler kam Mitte der 60er in die Stadt am Strom der Freundschaft, deren Zentrum wegen der Grenze sterben sollte. Kühn rettete er das Herz der Stadt – mit der Platte.


Manfred Vogler geht über den Fluss nach Słubice, dort bietet sich die beste Perspektive auf sein Werk. Vor seinen Augen breitet sich die Silhouette mit Kirchtürmen und Hochhausspitzen aus. Die längste Zeit, die er Stadtarchitekt in Frankfurt war, blieb ihm dieser Blick versperrt, denn die Grenze nach Polen war meistens dicht. Auf dem Deich, wo er jetzt steht, verlief ein Zaun. Vor 50 Jahren trat er den Job an, 24 Jahre später verlor er ihn.

Vogler zeigt auf eine Front von Blöcken auf einer Anhöhe flankiert von Hochhäusern, alles in Plattenbauweise, ein Stück vom Fluss entrückt. Bei Morgensonne wirken die Fensterscheiben wie Glut in der Asche. „Eine leichte Drohung von DDR“, beschrieb der polnische Autor Andrzej Stasiuk den Anblick. „Damit habe ich das historische Zentrum gerettet. Das war meine erste Aufgabe“, erklärt Vogler.


Der kleine, vollbärtige 82-jährige Mann ist ein Kommunist, der gern in Ich-Form spricht. Manche Kollegen finden das unangemessen, geht es doch um komplexe Bauprojekte mit vielen Beteiligten. In der DDR wurden meist an Kollektive Auszeichnungen verliehen, vom Architekt zum Bauarbeiter. Vogler wurmt das. Trotzdem hat er es geschafft, dass die Frankfurter Erfolge seiner Zeit mit seinem Namen verknüpfen. Viele dieser Leistungen gelten in der Nachwende-Stadt nicht mehr, Vogler musste abtreten, die Rathausherren ignorieren ihn wie ein Relikt des Sozialismus. Und so redet er rastlos, als fürchte er, nicht alles sagen zu können. Nachvollziehbar ist das, schließlich werden weite Teile der von ihm gestalteten Stadt abgerissen und umgebaut, wegen des Einwohnerschwunds, und manchmal auch um Vergangenheit zu tilgen. Dass Vogler „autoritär“, auch„grob“ war, bestreiten auch ihm wohlgesonnene frühere Mitarbeiter nicht. Oft habe er die Wochenenden durchgearbeitet und montags seine Kollegen rangenommen. Dennoch, Vogler habe sein aufmüpfiges Charisma zugunsten einer lebenswerten Stadt eingesetzt. Einen wie ihn könne Frankfurt wieder gebrauchen.


Unüberhörbar kommt Vogler aus Thüringen. Seine Eltern saßen unter den Nazis wegen Kommunismus im Gefängnis. Kurz vor seiner Geburt, entließ man seine Mutter. Voglers Vater fiel 1941 im Krieg, die Mutter ging arbeiten. Der Sohn wuchs bei den Großeltern auf, auch sie Kommunisten, später im Internat. Vermutlich war diese Kindheit nicht frei von Entbehrungen, gegen die er sich behaupten musste – wie sonst hätte Vogler sein großes Ego entwickelt? Das kam ihm zugute, als es darum ging, städtebauliches Denken gegen die einfältigen und schnapslaunigen Einmischungen der Parteisekretäre durchzusetzen.


1966 erwischte Vogler in Frankfurt eine kleine Sternstunde. Die mehr als 700 Jahre alte Stadt war damals noch eine traurige Wüste am Rand einer Republik im Aufbruch. Die Trümmer vom Totalen Krieg waren weggeräumt, es standen ein paar neue Wohnhäuser, eine Demonstrationsstraße mit Ladenzeilen, das alte Rathaus und eine gewaltige Kirchenruine. Vogler besuchte in Frankfurt einen Studienkollegen, der ihn als Architekt herholen wollte. Von einer der zahlreichen Geländenasen, die Vogler so gut gefielen, blickte er hinunter in die leere Innenstadt und dachte sich: Das isses! „Frankfurt war wie ein Mädchen. Es war nicht entwickelt“, sagt der alte Vogler.


Die DDR hingegen erlebte ihre besten Jahre, die Wirtschaft nahm Fahrt auf. In den Kinos liefen die gewagtesten Filme, die die DEFA je drehte. Walter Ulbricht trieb die Entwicklung der Zentren voran und lockerte dafür sogar den Zentralismus im Land. So konnten die Städte ihren eigenen Stadtarchitekten ins Amt rufen, der sich ein Büro mit Mitarbeitern schuf. Stadtarchitekt war einer der attraktivsten Jobs, den die DDR zu bieten hatte, eine Autorität vom Fach, verantwortlich für alle Bauvorhaben und die räumliche Struktur in einer Stadt, die vergleichsweise frei arbeiten konnte. Stadtparlamente hatten kaum was zu sagen, Privatbesitz war wenig und Stadtplanung ein weites Feld. Die Aufgaben reichten so weit wie die Befugnisse des Staats. Wohnungen, Werke, ja ganze Städte waren zu planen und zu bauen. „Sogar Namen für Geschäfte haben wir uns ausgedacht“, sagt Lutz Patitz, Voglers früherer Kollege. Zu kämpfen hatte ein Architekt mit Materialknappheit, mit Planziffern und den Greifweiten der Kräne. „Städtebauliches Kombinieren von Kombinatserzeugnissen“, beschreibt Patitz die Arbeit. Und dann waren da die Vorstellungen der Parteiführer. Vogler hatte eigentlich gute Beziehungen zur Macht, er war ja in der Partei. In Frankfurt wurde er auf die Probe gestellt.


Juni 1966, Vogler erinnert sich an seine erste Arbeitswoche: Als er nach der Arbeit das Rathaus verließ, fuhr ein schwarzer Wolga um die Ecke. Oberbürgermeister Fritz Krause bat ihn, einzusteigen. Sie fuhren zu einem Empfang im Ministerium für Staatssicherheit, wo die Elite von Stadt und Bezirk an einer langen Tafel speiste.


Frankfurt war die einzige Aufbaustadt in der DDR, für die noch keine Planung vorlag. Das Halbleiterwerk, das die Stadt bald groß machen würde, war zwar im Aufbau. Aber das Thema Zentrum war heikel. Verboten sei es gewesen, behauptet Vogler. Durch die Teilung der Stadt 1945 lag es an einer weltpolitisch brisanten Grenze. Eine Grenze, die die BRD nicht anerkannte, die DDR hingegen schon: Die Oder war die „Friedensgrenze“. Manche Politiker wollten Frankfurt neu erfinden, opfern zugunsten der Friedensgrenze. Ein Zentrum an alter Stelle hätte Polen signalisieren können, man erhebe Anspruch auf das Gebiet östlich der Oder. Und der Westen hätte es vielleicht als Zeichen in seinem Sinne missbrauchen können. Vor Voglers Ankunft waren bereits zwei mögliche neue Orte für ein Stadtzentrum berechnet worden, westlich der historischen Altstadt, die seit dem Mittelalter an der Oder lag. Voglers Freund, den vorherigen Stadtbaudirektor, hatte es den Job gekostet, sich gegen diese stadtplanerisch abstruse Idee zu wehren, doch das wusste Vogler noch nicht, als er im Wolga saß.


„Genosse Vogler, was halten sie von einer Bandstadt?“, fragte Genosse Mückenberger, erster Sekretär der Bezirksleitung, einer von der unerbittlichen Art. Er meinte eine Stadt, die sich an einer langen Straße bis zum sechs Kilometer entfernt gelegenen Halbleiterwerk in Markendorf entlangzieht. Vogler begann vorzurechnen: Bis ins Jahr 2003 würde es dauern, bis die Straße auf beiden Seiten mit Blöcken bebaut sein würde, selbst wenn man 500 Wohnungen im Jahr schaffte – zu dem Zeitpunkt waren es 17. Allein zwei Milliarden für neue Verwaltungsgebäude wie Rathaus und Post, nochmal soviel für den Umbau der unterirdischen Strukturen. Und was sei das für eine Stadt? – Also, er wolle da nicht wohnen, schloss Vogler. Schweigen im Saal. Oberbürgermeister Krause, Voglers Tischnachbar und Verbündeter, mit dem er noch oft einen trinken gehen würde, gab acht, dass Vogler nicht zuviel nachgeschenkt bekam.

„Aber das geplante Krankenhaus in Markendorf bleibt“, setzte Mückenberger nach. Krause blickte zu seinem kühnen Stadtarchitekten, der verstand, da müsse er einlenken. Eigentlich wollte Vogler das Krankenhaus zentrumsnah bauen. „Mückenberger hatte mich im Griff an diesem Abend, die anderen hielten die Gusche“, erinnert sich Vogler.


Wenn der Oberbürgermeister von nun an offiziell vom „Stadtzentrum“ sprach, kam keine Widerrede mehr von oben. Vogler warb Leute von den zwei Architekturfakultäten des Landes nach Frankfurt und entwarf. Zusammen mit dem Wohnungsbaukombinat wollte er Fakten schaffen. Seine Idee: die Anhöhe Halbe Stadt als Raumschale akzentuieren, sie mit Wohnungen bebauen, um die frühere Altstadt mit vielen Einwohnern zu umschließen und zu beleben. Innerstädtische Baulücken mit Neubauten zu füllen, anstatt sie am Rand auf der grünen Wiese hochzuziehen, war damals ungewöhnlich. Dass das Platte hieß, war Vogler egal. Platte war der Rohstoff der Zeit. Elfgeschossige Blöcke, 12- bis 16-geschossige Punkthochhäuser, 2700 Wohnungen, dazwischen historische Gebäude integriert. So wurde das Zentrum aufgewertet und das hügelige Plateau betont. „Es war ein Segen für die Stadt“, sagt Voglers langjähriger Kollege Hans Albeshausen, ein Mann, der nicht im Verdacht steht, Vogler und die DDR zu glorifizieren. Er gehört der Kirche an.


Mit der Topographie arbeiteten Vogler und sein Kollektiv geschickt auch bei den anderen Wohnkomplexen, die bis Ende der 80er Jahre entstanden. Das Halbleiterwerk und der Wohnungsbau gaben den Takt der Einwohnerentwicklung vor: 1966 59.638, 1973 67.451, 1980 80.414, 1989 87.126. Rechnet man die in Frankfurt stationierten Rotarmisten dazu, waren es sogar mehr als 100.000. Wer sich von Osten her nähert, sieht von weitem das Häuserensemble. Auch Polens Generalsekretär Gierek sah es, als er Ende der 70er Jahre zu einem Staatsbesuch in das Grenzkaff Słubice kam. „Wer hat hier eigentlich den Krieg gewonnen?“, sprach er auf dem Platz der Freundschaft beim Deutsch-Polnischen Jugendtreffen. Am Rand des Publikums stand Vogler, es war die Zeit des visafreien Grenzverkehrs zwischen der DDR und Volkspolen. Die jenseits der Oder sichtbare Prosperität war eine Provokation. Gierek ordnete ein Aufbauprogramm für Słubice an.


In Frankfurts Planungsvorlagen kam die Stadt nicht vor. Rechts der Friedensgrenze war alles weiß. Auf den Treffen der Planerkollektive aus Frankfurt und Gorzów oder Zielona Góra war die Zentrumsfrage an der Oder kein Thema. Auch Vogler dachte die Städte nicht zusammen. Doch er dachte Frankfurt am Fluss. Gegen die Einwände von oben schaffte er es, die Oderpromenade unter der Grenzbrücke hindurchzuführen.


Im Herzen des von Platten umarmten Zentrums verfiel die 700 Jahre alte kriegszerstörte gotische Hallenkirche. Im Gras der Ruine traf sich die Jugend. Oberbürgermeister und Stadtarchitekt wollten die Marienkirche erhalten, aber in der Frage, schien es, kamen sie nicht gegen ihre Parteichefs an. Unter Mückenberger war der Abriss beschlossene Sache. Voglers Büro wurde beauftragt, einen Neubau zu konzipieren. Sie entwarfen ein anspruchsvolles millionenschweres Kulturzentrum in modernster Gleitbauweise, das wegen der hohen Kosten schnell wieder vom Tisch war. So konnte Vogler seine eigentliche Vision als günstigere Alternativlösung verkaufen.


„In Kirchen wie St. Marien wurden im Mittelalter Kühe gehandelt, Verträge gemacht, Wein gelagert, und da wurde auch geliebt. Alles, was menschlich ist, fand da statt. Das wollte ich in der Neuzeit fortführen“, sagt Vogler. Sein Modell zeigte die Ruine als Gartenhof, wahlweise mit oder ohne Dach, mit Kneipe. „Kulturforum St. Marien“ nannte es Vogler. Ein Ort für alle, auch für die Kirche, sagt er. Doch die wollte nicht.


Krause und Vogler schafften es in den 80ern, mehrere Millionen DDR-Mark aus Haushaltsposten des Staates und der Stadt am Ende des Jahres abzuschöpfen und in die Befestigung der Kirchenruine zu stecken. Ein Schwarzbau, wie es sie auch anderswo in der DDR gab. Vogler besorgte heimlich Kupfer aus dem Harz, um auf den Turm eine Spitze zu setzen. Die Marienkirche ist sein unstrittigster Beitrag, nach der Wende führten andere die Arbeit weiter. Ein Ort der Ausschweifung ist sie nicht geworden, aber ein beliebter Kultur- und Ausstellungsraum.


Vogler schlurft von Słubice zurück durch die Scharrnstraße, eine verwaiste Fußgängerzone, die nah der Brücke parallel zum Fluss verläuft. Leerstehende Ladenlokale, einige haben die Studierenden der Universität umsonst bekommen, zwei Kneipen halten sich, ein Geschäft, Büros. Vogler wohnt am Ende im quergestellten Haus mit der eleganten weißen Fassade, in der Fenster gesprungen sind. Kleinteilig und liebevoll gestaltete Platte der DDR-Spätzeit mit vorgebauten Balkonen, angeschrägten Dächern und kubistischen Laternen, ganz Voglers Kind. Damit wollte er seiner Zunft beweisen, dass man die unter Architekten in Verruf geratene Platte, auch schön machen kann. Er hatte gehofft, für die Straße den Nationalpreis der DDR zu bekommen. Stattdessen kam die Wende. Vogler ärgert sich, dass manche der undogmatischen Kunstwerke an den Fassaden einfach zugemauert wurden. Dem Ergeschoss sind weiße Arkaden vorgebaut. Vogler ist darauf besonders stolz, Kritiker sagen, sie verdunkelten die Läden, deswegen habe diese Geschäftsstraße nie funktioniert. Nun soll sie umgebaut werden, wahrscheinlich ohne Arkaden, Appartements im höheren Preissegment. Vogler bekam Post, er müsse ausziehen. Er weigert sich, legte Widerspruch ein, natürlich.


„Nicht kollektivfähig“ sei er, erklärte der DDR-Chefarchitekt Henselmann, als Vogler seine Planung für Frankfurt ohne Absprache mit dem Bezirk beim Politbüro einreichte.

„Kollektiv ist wichtig“, sagt Vogler. „Aber entscheiden kann nur einer.“

„Du hast deine Mitarbeiter unterdrückt“, sagte Oberbürgermeister Krause auf seine alten Tage zu Vogler. „Warum hast du nichts dagegen getan, Fritz?“, entgegnete ihm Vogler.

„Nicht demokratiefähig“, sagte man Vogler im Rathaus, als er gekündigt wurde.

„Widerrede stachelt mich an, um Lösungen zu kämpfen“, sagt Vogler.


In Voglers Leben gab es neben Frankfurt auch andere Frauen. Immer, wenn sie ihn verließen, hat er für sie zum Abschied eine Zeichnung angefertigt. Die Frauen fanden sich darauf immer zu alt, deswegen hängten sie das Bild nicht auf. Erst als sie das Alter auf dem Bild überschritten hatten, hätten sie es aufgehängt, erzählt Vogler.

Sein Frankfurt ist auch alt geworden, 47 Jahre beträgt das Durchschnittsalter. Auch wenn die Stadt ihr Angesicht saniert und aufgehübscht hat. Neben dem knallbunten Comic-Brunnen sitzen Rentner im Café.



Erschienen in 39NULL Nr.5 - 2017 Aufbruch