Nadine Carolin Wahl

Autorin, Illustratorin, Dozentin, St. Blasien (Hochschwarzwald)

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Artikel

Die Jahreszeiten und wir

Wilde Selbstversorgung durchs ganze Jahr

Nebel und herbstliche Farben haben sich über die Schwarzwald-Berge gelegt. Jeder Tag trägt ein anderes Gefühl mit sich, einen ureigenen Charakter. Alles ist im Wandel - immer, wenn auch nur im Kleinsten.


Auch wenn es vieles gibt, was sich meinem Blick entzieht und auch wenn ich nie alles überblicken kann, so ist es doch immer wieder erstaunlich wie detailliert das Bild ist, das sich in meinem Kopf ergibt, wenn ich an draußen denke. Eine der größten Veränderungen, die der Umzug auf einen alten Aussiedlerhof im Schwarzwald und das Sammeln von wilden Pflanzen und Pilzen mit sich gebracht haben, ist ganz sicher die intensivere Wahrnehmung. Aus grün wurde bunt. Aus Wiese wurde ein Buffet.

Und ganz nebenbei hat sich auch der Blick auf den Wandel der Jahreszeiten verändert. Jetzt sind die nicht mehr nur durch Geburtstage und andere Feste geprägt, sondern auch durch das, was sich auf den Wiesen, Feldern und in den Wäldern um uns herum wandelt. Wenn ich mich aus der Natur selbstversorgen will, ist es nützlich ein Gefühl dafür zu bekommen, was wann dran ist. In diesem Jahr schreibe ich an einer detaillierten Liste, welche wilden Kräuter, Beeren und Pilze wir wann ernten konnten - und was man wann am besten daraus machen konnte.


Der Verlauf des Jahres spielt für uns mittlerweile eine viel größere Rolle als früher, weil unser Alltag sich zumindest in Teilen - und in der Zukunft noch viel mehr - daran orientiert. Und deshalb habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was die unterschiedlichen Jahreszeiten für uns bedeuten, was wichtig ist und was wir wann tun...


Der Herbst

Was in der Natur passiert: Nach den Monaten, in denen der Tag die Nacht dominierte, sind beide nun wieder ausgewogen. Die Herbsttagundnachtgleiche um den 23. September bedeutet aber auch, dass ab nun die Nächte länger sein werden als die Tage. Es wird spürbar kälter. Auch die Vielfalt an find- und essbaren Wildpflanzen nimmt jetzt deutlich ab. Die letzte größere Ernte kann aus dem Garten geholt werden. Bald werden sich auch die Bäume bunt verfärben. Alles bereitet sich auf die kalte Zeit vor.

Hier im Hochschwarzwald stehen die Hänge im Oktober voller leckerer Parasol-Pilze, die man schon aus der Ferne erkennt. Durch die Berge zieht jetzt der Nebel und beeindruckt mit seiner ganz eigenen mystischen Ausstrahlung. Die Wälder verfärben sich wunderschön bunt.


Was wir so machen: Wir feiern die vergangene Ernte, die Farben und die Abkühlung des Herbsts - und stellen uns auf die kalte Zeit ein. Wenn wir im Sommer voraus gedacht haben, stehen jetzt in den Beeten noch winterharte Gemüse wie Grünkohl und Topinambur. Auch unsere Mehrjährigen - zum Beispiel Ewiger Kohl, Meerkohl - können wir noch beernten.

Ich mache mich nochmal auf, um Vorräte an wilden Pflanzen zum Trocknen zu sammeln - je nachdem woran es noch mangelt. Es gibt Äpfel, Hagebutten, Weißdornbeeren und viele andere Früchte. Jetzt ist außerdem eine tolle Zeit, um nach Pilzen Ausschau zu halten. Bei unserem Lieblingshofladen kaufen wir Äpfel zweiter Wahl mit kleinen Macken und kochen daraus unser Apfelkompott. Herbst ist auch die Zeit, um Sträucher und Bäume zu pflanzen. Und um Wurzeln zu sammeln - z.B. für Löwenzahnwurzelkaffee.

Wir machen uns Gedanken über kleine Projekte für den Winter, bereiten den Garten auf Schnee vor, indem wir unter anderem die Mehrjährigen markieren, sodass wir sie im nächsten Frühjahr wieder finden.


Der Winter

Was in der Natur passiert: Die Hälfte der dunklen Zeit ist geschafft. Zwar erleben wir nun zur Wintersonnwende um den 21. Dezember herum die kürzesten Tage im Jahr, Wintersonnwende heißt aber auch, dass jetzt die Tage wieder länger werden. Das Licht kommt zurück. Doch es ist kalt und wird noch kälter. Nicht umsonst wird um diese Zeit vielerorts gefeiert: etwas Licht und Fröhlichkeit an dunklen Tagen tut gut.

Was wir so machen: Wir freuen uns über die Schönheit schneebedeckter Landschaften und über unsere leckeren Vorräte und machen es uns gemütlich. Um uns nicht von den kurzen Tagen betrüben zu lassen, gibt es auch bei uns Lichterketten und Kerzen. Mit Verwandten feiern wir Weihnachten, für uns aber feiern wir die Rückkehr des Lichts und der Wärme.

Es geht ruhig zu. Wenn es der Schnee zulässt - in den Bergen können auch gut mal über längere Zeit 40, 50 cm liegen -, gibt es im Garten Topinambur und Ewigen Kohl zu ernten. Auch manche Wildpflanzen lassen sich um diese Zeit noch blicken, etwa Taubnessel, Brennnessel, Schafgarbe und sogar wilder Thymian, der hier am Hof an einem - meist nicht von Schnee bedeckten - Hang wächst.

Wir wandern durch Tiefschnee und gehen Schlitten fahren. Jetzt, wo es im Garten und auf den Wiesen wenig zu tun und zu sammeln gibt, ist Zeit für Handarbeit wie Häkeln, Nähen oder Socken stopfen. Außerdem steht die Planung fürs nächste Jahr an: neue Kreationen, Workshops, Aufträge, Gartenbeete und so weiter. Gegen Ende des Winters kommen dann auch schon die ersten Samen in die Erde.


Das Frühjahr

Was in der Natur passiert: Die kälteste Zeit im Jahr ist vorüber. Das Licht besiegt die Dunkelheit. Ab der Frühjahrstagundnachtgleiche um den 20. März, sind die Tage wieder länger als die Nächte. Es wird wärmer.

Schneeglöckchen und Bärlauch sprießen aus dem Boden. Und überhaupt lassen sich nun viele Wildpflanzen blicken, die den Winter über versteckt waren. Auch junge Brennnesseln und die ersten zarten Löwenzahnblätter sind Boten dieser Zeit. Die Nächte sind meist noch kalt, doch es wird immer milder.


[Fortsetzung auf der verlinkten Seite]
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