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Kommentar: Nicht jeden Corona-Gegner aufgeben!

Aus ganz Deutschland sind am vergangenen Wochenende Corona-Gegner – darunter viele Radikale aus allen Milieus – nach Berlin gereist, um dort gegen staatliche Corona-Maßnahmen zu protestieren. Foto: Paul Zinken, dpa

Es waren nicht viele, die vergangenes Wochenende zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor ihre Wut und ihren Hass auf die Straße getragen haben: Die 20 000 "Covidioten", wie die SPD-Chefin Saskia Esken die Corona-Gegner nannte, sind für sich genommen eine Minderheit.

Doch wir dürfen uns nichts vormachen: Diejenigen, die da Deutschland zur Corona-Diktatur erklärt haben, sind nur der harte, besonders radikale Kern der Bewegung. Es wäre kurzsichtig, den Blick allein auf die komplett Verblendeten zu richten, denn Verschwörungsmythen, wie die Erzählung vom ungefährlichen Virus, sind seit Jahrhunderten ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Warnung des Verfassungsschutz

Wer verhindern will, dass die Bewegung der Corona-Gegner neue Anhänger findet, muss in die Auseinandersetzung gehen, auch mit denen, die wissenschaftliche Beweise ignorieren und stattdessen Demagogen und Hetzern hinterherlaufen.

Erst diese Woche warnte der bayerische Verfassungsschutz, dass Extremisten den Protest instrumentalisierten und die Verschwörungen geeignet seien, "größere Bevölkerungskreise zu infizieren". Darin liegt die eigentliche Gefahr.

Viele kleine Nadelstiche

Wenn Mitbürger anfangen, Fakten zu leugnen und ein tödliches Virus zu relativieren, dürfen wir uns nicht abwenden und damit den Glauben an die Kraft des Arguments aufgeben. Es braucht die Gegenrede, den Widerspruch im Diskurs, um solche Weltbilder immer wieder zu irritieren – mit ganz vielen kleinen Nadelstichen.

Wer glaubt, durch Gesprächsverweigerung die Bewegung bekämpfen zu können, hat das Problem nicht verstanden. Es gilt zunächst zuhören, um die Zweifler und Mitläufer, die sich haben blenden lassen, überhaupt zu erkennen. Auf diese Gruppe müssen wir zugehen, nicht auf den radikal-extremistischen Kern der Bewegung.

Es geht darum, einerseits in die individuelle Auseinandersetzung zu gehen und sich gleichzeitig öffentlich abzugrenzen. Denn wer die Demokratie verteidigen will, muss sich von den irren Positionen distanzieren – nicht von den Menschen.

"When they go low, we go high"

Ja, das ist mühselig – und innerlich, das verspreche ich, wird man in den Gesprächen immer wieder mit den Augen rollen. Doch wir erinnern uns: Bei Pegida war einer der großen Fehler, von Beginn an ein Label auf eine Bewegung zu kleben, die wir eigentlich noch gar nicht richtig verstanden hatten. Das hat die Wut letztlich immer weiter befeuert.

Wer das Gespräch mit Corona-Gegnern pauschal verweigert oder gar Demo-Verbote fordert, tappt erneut in die Falle der Ideologen und bedient deren Narrativ der Meinungsdiktatur. Begriffe wie "Covidiot" offenbaren eigentlich nur die eigene Hilflosigkeit. Lasst es uns doch lieber mit Michelle Obama halten: "When they go low, we go high".

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