Michaela Strassmair

Reisejournalistin, Fotografin, Ebersberg bei München

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Statt Party in Ischgl - Feiern im Pulverschnee

Von wegen nur Après-Ski-Bars: Ischgl ist auch ein Paradies für Freerider (TVB Paznaun-Ischgl)

Relax. If you can... Statt der drei Pünktchen am Ende des Werbeslogans von einem der weltweit bekanntesten Skiorte Österreichs müsste eigentlich ein Fragezeichen stehen. Denn wie soll man bitte in Ischgl relaxen?


Freerider-Herz, was willst Du mehr?

Allein aus skifahrerischer Sicht ein Ding der Unmöglichkeit. Auf den Pisten ist viel los - bis zu 20.000 Menschen brettern pro Tag über die 239 Kilometer Abfahrten in dem Skigebiet. Und jenseits davon, dort beginnt das Herz eines jeden Freeriders wie wild zu schlagen. Selbst nach vielen Tagen ohne Schneefall können die örtlichen Guides nur lachen: „Aber natürlich ziehen wir heute den ganzen Tag die ersten Lines in unverspurte Hänge", sagt Stefan Siegele, staatlich geprüfter Skilehrer und Bergführer sowie Mitglied der Lawinenkommission Ischgl.


Jeder aus unserer Gruppe muss einzeln an ihm vorbeifahren, um zu checken, ob der persönliche Lawinenpiepser funktioniert. Natürlich haben alle einen Lawinenairbag auf dem Rücken. Im Rucksack befinden sich auch Schaufel und Sonde. Da ist Stefan gnadenlos - ohne dieses Sicherheitsequipment fährt niemand ins Gelände.


Vorteil des Partyimages: Die meisten Skifahrer bleiben auf der Piste

Im freien Skiraum des weitläufigen Silvretta-Gebietes ist jedoch kaum jemand unterwegs - noch. Wo sind die norwegischen Jungs, die morgens zeitgleich ihren Skiguide aus der Ischgler Skischule begrüßten? Keine Spur von ihnen, den ganzen Tag lang. Denn die meisten Bretterfans verbinden Ischgl nicht mit einem Freeride-Gebiet, sondern der Party-Location in den Alpen schlechthin. Dieser Ruf bringt momentan noch viele Vorteile für Off-Piste-Fahrer: Unberührte Hänge soweit das Auge reicht und kein Druck, der Erste morgens am Lift sein zu müssen, um noch ein bisschen unverspurten Schnee zu erwischen.


Die meisten Ischgl-Gäste bleiben aber auf der Piste und genießen die durch etliche automatische Lawinensprenganlagen gut gesicherten und gepflegten Abfahrten im Skigebiet. Und natürlich die Panorama-Restaurants, auf denen sich mittags Ladies in Leoparden-Skihosen und goldenen Anoraks treffen, um ein gepflegtes Gläschen Schampus zum Kaiserschmarrn zu schlürfen.


Skischuhverbot ab 20 Uhr hat den Ort ruhiger gemacht

Und da wären wir beim nächsten Punkt, der eindeutig gegen Relaxen spricht: die Après-Ski-Bars. Ob oben am Berg, auf dem Weg nach unten oder im Tal - das Ritual des Après-Ski wird überall begangen. In den bekanntesten Locations im Dorf wie „Kuhstall" und „Schatzi Bar" ist jeden Abend die Hölle los, allerdings geht es seit einigen Jahren deutlich gesitteter zu. Die Einführung des Skischuhverbots ab 20 Uhr - kontrolliert von der Skischuhpolizei - aber auch immer weniger russische Skigäste mögen dazubeigetragen haben.


Andere Ausrichtung: Gourmetküche und Musik für Feinschmecker

„Wir wollen weg vom Party- und Saufimage", erklärt Andreas Steibl, Chef des Tourismusverbandes Ischgl-Paznaun. Neben den mittlerweile schon legendären Konzerten auf der Idalpe in 2300 Metern Höhe, wo im April 2019 Sarah Connor und Lenny Kravitz auftreten, setzt man auf Gourmetküche. Acht Haubenlokale, so viele wie in keinem anderen österreichischen Skiort, unterstreichen diese Ambition. Kein Wunder, dass der Geldautomat mitten in Ischgl täglich drei Mal aufgefüllt werden muss und mehr Umsatz macht als der Bankomat am Stefansplatz in Wien, wie der Tourismuschef berichtet.


Kleiner Nachbarort Kappl ist noch ein Geheimtipp

Wer es mit dem Relaxen ernst nimmt, fährt ein paar Kilometer talabwärts nach Kappl. Das Skigebiet auf der Sonnenseite des Tales hat nur sechs Lifte und breite Pisten und lockt mit seiner ruhigen Atmosphäre eher Familien an. Aber Freerider wissen, was hier für ein Schatz schlummert: Scheinbar unendliche Geländehänge, die man am besten und sichersten mit einem Local Guide erkunden kann.


Weitere Infos: www.ischgl.com, www.kappl.com

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