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„All India Bakchod": Ist das lustig, oder gehört das verboten?

Nennen sich die

„All India Bakchod": Gursimran Khamba, Tanmay Bhat, Rohan Joshi und Ashish Shakya

Zurückhaltung ist nicht gerade ihre Stärke. Ganz unbescheiden nennen sich Gursimran Khamba, Tanmay Bhat, Rohan Joshi und Ashish Shakya „die hochkarätigste Komikergruppe Indiens". Zusammen sind sie „All India Bakchod", kurz AIB und bekannt für ihre derben Witze. „Unter der Gürtellinie" ist das Standardterrain ihrer Sprüche. Doch der Erfolg scheint den jungen Indern recht zu geben: 1,2 Millionen Menschen gefällt ihre Facebook-Seite, ihr Youtube-Kanal zählt knapp eine Million Abonnenten. Allein das Video ihrer jüngsten Show wurde binnen weniger Tage mehr als acht Millionen Mal angeschaut. Das war Ende Januar. Seitdem herrscht Funkstille auf ihrem Kanal, denn gegen das Quartett läuft ein Verfahren. Die indische Polizei prüft, rechtlich gegen die Gruppe vorzugehen.

Im indischen Bundesstaat Maharashtra, wo die bislang letzte AIB-Show aufgezeichnet wurde, haben die katholische Kirche, eine hindunationalistische Partei und eine regionale Hinduorganisation Beschwerde gegen die Komiker, ihre Show sowie alle an ihrer Produktion Beteiligten eingereicht. Die Witze von AIB seien schwer beleidigend und schädlich für die indische Jugend, heißt es in der Erklärung der Partei. Das Kulturministerium in Maharashtra sagte, man gehe dem Verdacht der „Anstößigkeit" nach. Allerdings meldete sich umgehend der zuständige Minister auf Twitter zu Wort und erklärte, man spiele keineswegs die „Moralpolizei", sondern prüfe lediglich, ob die Gruppe eine Lizenz besitze.

Die saß im Publikum und lachte

Ausgelöst hatte das Ganze eine sogenannte Roast-Show - eine Veranstaltung, bei der Berühmtheiten mit anstößigen Witzen auf der Bühne „gegrillt" werden. An jenem Abend in Bombay gaben die beiden Bollywoodschauspieler Ranveer Singh und Arjun Kapoor die freiwilligen Opfer. Und so war an jenem Abend beispielsweise über Ranveer Singh und seine Freundin Deepika Padukone zu hören: „Ich sage nicht, dass er schlechte Filme macht. Aber das letzte Mal, dass er in etwas Gutem drin war, war in Deepika Padukone." Die saß im Publikum und lachte - selbst über solche Witze.

Radhika Vaz kann solchen Scherzen nichts abgewinnen. „Es ist nun wirklich nicht das Lustigste, das ich je gesehen habe", sagt die 42 Jahre alte Inderin aus Bombay. Seit 2006 steht sie selbst auf der Bühne und versucht, das Publikum zum Lachen zu bringen. Weil sie nicht nur in Indien, sondern auch in Großbritannien und New York auftritt, blickt Radikha Vaz auch von außen auf den indischen Humor, und der sei eben sehr speziell. Dass die Jungs von AIB kein Blatt vor den Mund nehmen, ist ein offenes Geheimnis.

Der „sinnlose Scheiß“

Schon ein Blick auf ihren Namen genügt: All India Bakchod. Bakchod ist eine Wortkreation, bestehend aus Bakar, was übersetzt „sinnlos" bedeutet, und Chod, die umgangssprachliche Bezeichnung für „Scheiß". Der „sinnlose Scheiß", den die vier regelmäßig produzieren, fällt in die Kategorie des „insult humor". Es geht darum, sich hemmungslos über andere lustig zu machen und auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen. Dem indischen Produzenten Karan Johar wird beispielsweise nachgesagt, er sei homosexuell. Das AIB-Quartett begrüßt ihn deshalb wie folgt: „Karan, du bist Regisseur, Produzent, Autor und Schauspieler - vier Männer in einem, genau wie du es am liebsten hast."

Vielen Indern scheint diese Art von Humor zu gefallen. Und so blicken AIB bislang zwar auf eine kurze, aber erfolgreiche Geschichte zurück: Im Februar 2012 produzierten Gursimran und Tanmay ihre erste Podcast-Folge. „Es war ein Riesenerfolg", schreiben die beiden auf ihrer Internetseite. „Drei Typen haben uns auf Twitter empfohlen." Diese Unterstützung reichte den beiden, es war die Geburtsstunde von AIB. Sie produzierten viele weitere Podcasts, mit Rohan und Ashish verdoppelte sich das AIB-Team. Je frivoler und rücksichtsloser ihre Witze wurden, desto mehr Verbreitung fanden sie.

Altersbegrenzung „ab 18“

Eines Tages blockte Apple jedoch die AIB-Podcasts, sämtlicher Inhalt erhielt die Altersbegrenzung „ab 18". Seither boykottieren die Komiker sämtliche Apple-Produkte und begannen, mit alten Thinkpads aus dem Jahr 1988 zu arbeiten. Dem Erfolg tat beides keinen Abbruch. Auf Youtube fanden sie immer mehr Fans, es folgte die eigene Bühnenshow. 2013 waren alle ihre Vorstellungen ausverkauft.

Radhika Vaz überrascht das nicht „Es gefällt uns Indern, uns über andere lustig zu machen. In dieser Hinsicht sind wir vielleicht ein bisschen kindisch." Deshalb die AIB-Show zu verbieten, hält sie für übertrieben, schließlich gehe es um Komik, und nicht um Hasspredigt. Keiner werde physisch verletzt, es werde auch nicht zu Gewalt aufgerufen. Die vier von AIB scheinen jedenfalls von der aktuellen Diskussion überrascht: „In den vergangenen Wochen wurden wir mehr beobachtet, untersucht und bewertet, als wir überhaupt wert sind." Sie sind der Meinung, dass ihre Shows nicht derart wichtig sein sollten. „In einer sicheren Kultur wären sie auch nicht wichtig."

Auch Radhika Vaz sieht in der Diskussion um AIB ein kulturelles Problem. „Sie zeigt, dass unsere Kultur anscheinend noch immer nicht reif genug ist." Warum sonst sollte man sie vor ein paar durchschnittlichen Komikern schützen müssen? Religiöse Gruppen hätten einen zu großen Einfluss. Sie schüfen eine Atmosphäre der Angst. „Sie beschwören eine Gefahr für indische Kultur, um diese dann retten zu können." Inzwischen haben die Komiker das Video ihrer letzten Show aus dem Internet entfernt und an seiner Stelle eine Nachricht veröffentlicht. „An alle, die uns zuletzt staatsgefährdende Pornographen genannt haben, während sie selbst den Niedergang unserer indischen Werte planen: Wir sind lediglich ein Haufen Komiker, ohne böse Hintergedanken."


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