Melanie Öhlenbach

Journalistin·Redakteurin·Bloggerin, Bremen

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Tüte statt Tonne: Bremer Start-up FoPo macht gesundes Fruchtpulver aus hässlichen Früchten

Täglich wird Obst und Gemüse weggeworfen, weil es nicht schön aussieht oder nicht den Handelsnormen entspricht. Verschwendung, dachten drei junge Gründer. Sie leiten in Bremen das Unternehmen FoPo, das aus hässlichen Südfrüchten schmackhaftes Pulver macht. Ihr nächstes Ziel: Auch deutsche Produzenten für ihr Produkt zu gewinnen.

Mission: Lebensmittel retten

Die drei Bremer Jungunternehmer Adriana Balazy, Vita Jarolimkova und Gerald Perry Marin haben eine Mission: Sie wollen Lebensmittel retten. Und das nicht erst, wenn die Produkte bereits im Supermarktregal liegen und kurz vor Ende des Haltbarkeitsdatums stehen. Es geht ihnen um Obst und Gemüse, das gar nicht erst in die Läden gelangt, weil es vom Feld direkt in den Müll wandert. „Viele Früchte werden weggeworfen, weil sie für den Handel nicht perfekt sind“, sagt die 27-jährige Adriana Balazy.


Genauso nahrhaft und gesund – nur nicht so schön

Nicht perfekt – das heißt in der Regel: Das Obst oder Gemüse ist zu klein oder zu groß gewachsen, zu krumm oder zu gerade, hat Schorf auf der Haut oder eine Verfärbung. „Vom Aroma und den Inhaltsstoffen her sind solche Früchte genauso nahrhaft und gesund, auch wenn sie nicht so schön aussehen“, betont die Lebensmitteltechnikerin. Um dieser Verschwendung etwas entgegenzusetzen, gründeten Balazy, Jarolimkova und Marin 2015 das Unternehmen FoPo. Das Ziel des Bremer Start-ups: Lebensmittelproduzenten mit Verarbeitern zusammenbringen, um ungewollte Früchte vor dem Wegwerfen zu bewahren und den Menschen in den Anbaugebieten ein Einkommen zu sichern.


Lebensmittelpulver vielseitig einsetzbar

Der Name des Start-ups setzt sich aus dem Namen des Produkts zusammen, das es vertreibt: FoodPowder (Lebensmittelpulver), das aus Mangos, Äpfeln, Ananas, Limetten und Oliven hergestellt und in Tüten verkauft wird. „Das Pulver kann man schnell und vielseitig einsetzen: Man kann es in Joghurts, Smoothies, Cocktails und ins Müsli rühren, damit backen und kochen“, sagt Nadine Ghawi, die vor einem Jahr zum FoPo-Team stieß und sich um das Marketing kümmert.


Früchte werden gefriergetrocknet

Um das Pulver herzustellen, werden die Früchte nach der Ernte noch vor Ort gefroren und unter niedrigem Druck getrocknet. Ein aufwändiges Verfahren, nach Angaben von Adriana Balazy aber die schonendste Form, um die Haltbarkeit auf bis zu zwei Jahr zu verlängern: „Anders als beim normalen Trocknen bleiben beim Gefriertrocknen Nährstoffe wie Vitamine und Mineralien bis zu 90 Prozent erhalten.“ Nach der Konservierung werden die getrockneten Früchte zu feinem Pulver gemahlen und nach Deutschland verschifft, wo es verpackt und verkauft wird. „Als Pulver lassen sich die Früchte nicht nur vielseitiger verwenden“, sagt die 35-jährige Nadine Ghawi. „Sie sparen dadurch auch Platz und Geld beim Transport.“


Von der Idee zum mehrfach prämierten Start-up

Kennengelernt hatten sich die Lebensmittelretter aus Polen, Tschechien und den Philippinen beim Erasmus-Mundus-Programm „Food Innovation & Product Design“, einem Master-Studiengang der Universitäten Paris, Dublin, Lund und Neapel. Die Idee für FoPo entwickelten sie ursprünglich für den Wettbewerb „Thought for Food“. Die Aufgabe: Wie ernährt man im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen? Ihr nachhaltiges Konzept überzeugte die Jury in Lissabon – und nicht nur die: FoPo gewann im Anschluss auch die Wettbewerbe der US-amerikanischen Eis-Produzenten Ben & Jerry‘s und des französischen Einzelhandelsunternehmens Carrefour, sie belegten zudem Platz zwei beim Kickstart Accelerator Zürich.


Guter Start dank der Initiative kraftwerk – city accelerator bremen

Dass sich das internationale Start-up schließlich in Bremen niederließ, hängt mit einer weiteren Auszeichnung zusammen: dem Gewinn der „Smart Tech Trophy“ der Bremer Initiative kraftwerk – city accelerator bremen. Das Förderprogramm von swb, EWE und dem Mercedes-Benz Werk Bremen unterstützt Jungunternehmer finanziell und begleitet sie bei der Gründung und dem Einstieg in den Markt. „Die Initiative hat uns sehr dabei geholfen, unsere Idee zu verwirklichen“, sagt Adriana Balazy.


Kunden nicht nur in Deutschland

Von der Weser aus vertreibt das Start-up die Produkte auch an seine Kunden. „FoPo ist ein Convenience Produkt für alle, die sich gesund ernähren wollen, aber nur wenig Zeit zum Kochen haben“, sagt Nadine Ghawi. Das Fruchtpulver gibt es unter anderem online und in Edeka-Supermärkten zu kaufen – und findet offensichtlich nicht nur hierzulande bei Verbrauchern und Unternehmen Anklang. „Unsere Kunden kommen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, der Schweiz und den USA“, sagt Balazy.


Projekte auf den Philippinen, in Kenia und Israel

Die erste Zusammenarbeit mit Bauern startete FoPo auf den Philippinen, dem Heimatland von Gerald Perry Marin. „Er kennt die Probleme der Farmer und wir konnten schnell Kontakte zu den Akteuren vor Ort knüpfen“, sagt Balazy. Inzwischen sind die Lebensmittelretter auch in anderen Ländern aktiv: In Kenia lassen sie Mangos zu Pulver verarbeiten, die sonst in den Fluss gekippt, an Kühen und Ziegen verfüttert werden. Aus Israel kommt Fruchtpulver aus Äpfeln und Oliven.


Ziel: Auch in Deutschland Produzenten zu überzeugen

Am Ziel sehen sich die Jungunternehmer aber noch lange nicht. „Es werden noch viel zu viele Früchte weggeworfen, bloß weil sie nicht schön aussehen“, sagt Balazy. Und das betrifft offensichtlich nicht nur Produzenten in fernen Ländern, sondern auch solche in Deutschland: Laut der Studie „Das große Wegschmeißen“ des WWF Deutschland aus dem Jahr 2015 erreichen hierzulande jede dritte Möhre und jeder zehnte Apfel nicht den Nachernteprozess, weil sie nicht den Normen und Standards entsprechen. Hier möchte FoPo in Zukunft ansetzen. „Es ist jedoch schwierig, mit den Landwirten in Kontakt zu treten und ein Unternehmen zu finden, das Vorverarbeitung und Trocknung der verschiedenen Obstarten übernimmt“, sagt Balazy. „Wir freuen uns darauf, Kontakte zu Partnern in Deutschland zu knüpfen, die unsere Einstellung teilen und mithelfen wollen, der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken.“




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