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Die Show gestohlen

Die UCLA-Spieler Cody Riley, LiAngelo Ball, and Jalen Hill (von links) erklären sich auf einer Pressekonferenz in Los Angeles, nachdem sie in China unter Arrest standen. (Foto: Lucy Nicholson/Reuters)

Die Basketballmannschaft der UCLA ist eine der berühmtesten der USA und steht seit Jahrzehnten für spektakulären Sport. Doch die Festnahme von drei Spielern in China kratzt am Image.


Bill Walton konnte einfach nicht anders. Ihm war etwas sehr wichtig - und das musste er jetzt loswerden. So wichtig, dass er noch vor dem Sprungball die Worte ins Mikrofon des US-Sportsenders ESPN sagte, die den Zuschauern der College-Basketball-Partie zwischen Georgia Tech und UCLA in Erinnerung bleiben würden: "Ich möchte mich hier und jetzt im Namen der Menschheit für diese Farce entschuldigen."

Es war ein Freitag Anfang November in Shanghai, als die Basketball-Mannschaft des Georgia Institute of Technology im Baoshan Sports Centre auf die der University of California, Los Angeles, traf. Jedes Jahr reisen einige der besten College-Teams aus den USA zum Saisonauftakt ins Ausland, um dort Werbung für ihren Sport zu machen. Doch was sich drei Tage vor dem Spiel in einem Luxusmode-Laden in Hangzhou abspielte, war keine Werbung. LiAngelo Ball, Jalen Hill und Cody Riley, drei jungen Männer zwischen 16 und 20, waren am Dienstag vor dem Spiel von chinesischen Polizeibeamten aus dem Teamhotel abgeführt worden. Der Vorwurf: Ladendiebstahl.

"Das ist ein großes Problem", sagte Walton ins Mikrofon, "Mitglieder unserer Familie haben sich respektlos gezeigt". Walton, 65, ein 2,11 Meter großer Mann mit grauen Haaren und einer Vorliebe für regenbogenfarbene Batikshirts, ist selbst Teil dieser Familie. Von 1971 bis 1974 spielte er als Center für UCLA, gewann zahlreiche Auszeichnungen und führte das Team zu zwei nationalen Meisterschaften. Nach erfolgreichen Jahren und zwei Titeln in der NBA kehrte er 1990 als Kommentator zurück in den Kreis seiner Familie zurück. Seit 2012 berichtet er für ESPN und den Sender der regionalen Hochschulliga, der Pac-12-Conference, über College-Basketball an der Westküste der USA.

Walton hatte an jenem Abend das Gefühl, er müsste sich entschuldigen für den Fehler dreier junger Männer. Um den Ruf seiner Alma Mater als Elite-Uni des Basketballs zu schützen - und um das zu retten, was von der Promo-Tour nach Asien noch übrig geblieben war. Denn weder UCLAs Basketballer noch die Pac-12-Conference sorgten zuletzt für positive Schlagzeilen.

"Undankbarer Narr", twittert Donald Trump, "ich hätte die Spieler im Gefängnis lassen sollen"  

Sechs Wochen vor der Festnahme der drei Basketballer waren vier College-Basketball-Assistenztrainer vom FBI festgenommen worden. Sie sollen Highschool-Spielern Geld geboten haben, um sie an bestimmte Berater und Ausstatter zu binden, quasi illegaler Handel mit Talenten. Zwei der Trainer kamen von den stärksten Basketball-Universitäten der Pac-12-Conference: der University of Arizona und der University of Southern California. Die Teams mit den größten Chancen auf den nationalen Titel sind jetzt vorbelastet, die Ermittlungen dauern an, Konsequenzen ungeklärt.

Das Problem, das das die UCLA Bruins belastet, das drittstärkste Team der Liga, erscheint da auf den ersten Blick wie eine Bagatelle. Eine, die von zwei Akteuren zum Staatstheater aufgebläht wurde: US-Präsident Donald Trump, der nach eigener Aussage mit seinem chinesischen Kollegen Xi Jinping verhandelt hatte, um die Spieler in ihre Heimat zurückzuholen, und der Spielerpapa LaVar Ball stritten sich nach der Rückkehr der drei Diebe nach Los Angeles über die sozialen Medien darum, wer den größten Beitrag zur Rückreise der drei jungen Männer in die USA geleistet habe.

Ball, bekannt für seine provokanten Sprüche gegen jeden, der das Basketball-Familienprojekt um seine drei Söhne Lonzo (LA Lkers), LaMelo und LiAngelo kritisiert, spielte den Diebstahl in einem TV-Interview herunter. Jeder mache ein großes Problem daraus, dabe sei das doch gar nicht so schlimm. Trump widersprach: Besonders in China sei Diebstahl eine große Sache. Und weil Ball sich bei Trump nicht für dessen Eingreifen bedanken will, giftete Trump hinterher: "Undankbarer Narr, ich hätte die Spieler im Gefängnis lassen sollen."

Es wurde bald ersichtlich, dass die UCLA-Spieler schon nach wenigen Stunden auf Kaution wieder frei gekommen waren, aber zunächst das Hotel nicht verlassen durften. Eine Woche nach dem Vorfall mussten sie in Los Angeles bei einer Pressekonferenz vor die Kameras, die Köpfe gesenkt und die Stimmen gedämpft. Drei vorbereitete Statements und zahlreiche Entschuldigungen später saßen sie schon wieder aufrechter, auf dem Spielfeld stehen werden sie dennoch nicht in naher Zukunft. In gleich drei Läden hatten die Basketballer in 90 Minuten Freizeit geklaut, bestätigte die Universität - und suspendierte die Spieler auf unbestimmte Zeit.

Die UCLA dominierte einst den College-Basketball, gewann zwischen 1967 und 1973 sieben Meisterschaften in Serie. Die Uni hat prominente Basketballer hervorgebracht, Kareem Abdul-Jabbar, den besten Scorer aller Zeiten in der NBA, dazu neben Walton Reggie Miller und die heute noch aktiven Kevin Love und Russell Westbrook. In diesem Sommer kam Lonzo Ball hinzu, der ältere Bruder von LiAngelo. Das Team um Lonzo wurde zu Beginn dieses Jahres noch glänzend in der Sports Illustrated porträtiert. "Die größte Show im College-Basketball", lautete der Titel. Und nun?

Die Anklage gegen die drei Spieler wurde zwar inzwischen fallengelassen, doch der sportliche Schaden für UCLA ist absehbar. Cheftrainer Steve Alford hat für die mindestens bis März andauernde Saison nur acht Spieler. Zwar wäre wohl keiner der drei Suspendierten in dieser Runde zum Star aufgestiegen. Doch ohne Kadertiefe sinken die Chancen der Mannschaft, Mitte März an der March Madness teilzunehmen, dem Turnier der 68 besten Teams des Landes. Von der großen Show ist gerade - trotz eines Saisonstarts mit vier Siegen und einer Niederlage - wenig zu sehen.

Während andere Colleges nun wahrscheinlich schon schwach geworden wären und die Suspendierung begrenzt hätten, sobald sie den Erfolg gefährdet, scheinen sie in Los Angeles allerdings verstanden zu haben, dass ihre Institution doch für noch etwas mehr steht als sportlichen Ruhm. Zum Beispiel dafür, Fehler nicht zu verstecken, sondern aus ihnen zu lernen. Bill Walton wird zufrieden sein, dass seine Worte angekommen sind.

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