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Für immer im Privatjet

NFL-Commissioner Roger Goodell. Foto: Derek Hamilton/imago

Der umstrittene NFL-Chef Goodell unterschreibt einen 200 Millionen Dollar wertvollen Vertrag.


Anfang August lagen sich Roger Goodell und Jerry Jones noch in den Armen. Es war der Vorabend von Jones' Aufnahme in die Pro Football Hall of Fame, die Ruhmeshalle der einflussreichsten American-Football-Persönlichkeiten. Goodell, der Commissioner der US-Profiliga NFL, gratulierte dem Besitzer, Präsidenten und Manager der Dallas Cowboys. Es wurde gefeiert, für 16 Millionen Dollar, heißt es. In einem weißen Zelt, so groß wie ein Footballfeld, mit Musik von Justin Timberlake.

Das, was der kauzige Jones, 75, seinem Freund Goodell, 58, nur wenige Tage später in einer Telefonkonferenz mitteilte, war dann nicht mehr so feierlich: "Ich werde dich verfolgen mit allem was ich habe." Es ging um Geld. Um mehr Geld, als man auf einer 16-Millionen-Dollar-Party ausgeben könnte.

Schon am Abend der Party hatte Goodell gewusst, dass Ezekiel Elliott, Superstar der Dallas Cowboys, suspendiert werden würde. Der Ligachef teilte Jones aber erst später in einem Telefonat mit, dass der Spieler wegen des Vorwurfs der häuslichen Gewalt für sechs Spiele gesperrt wird. Elliott bestreitet die Vorwürfe und wurde strafrechtlich nicht belangt. Doch die Liga statuierte ein Exempel, auf Kosten der guten Beziehung zwischen den zwei mächtigsten Männern im American Football.

Noch im Mai war sich Goodell der Unterstützung der 32 Teambesitzer sicher, der Anteilseigner der NFL. Die Eigner, darunter Jones, beschlossen einstimmig, die Sondierungsgespräche zu einer Vertragsverlängerung für Goodell aufzunehmen. Es wurde berichtet, der Ligachef wünsche sich neben einem Jahresgehalt im mittleren zweistelligen Millionenbereich die lebenslange Nutzung eines Privatjets und eine lebenslange Krankenversicherung für sich und seine Familie. Als dann aber Elliott suspendiert war und damit die Hoffnungen der Cowboys auf eine erfolgreiche Saison schwanden, konnte Jones sich nicht mehr zurückhalten. Er drohte zuletzt sogar damit, die Liga zu verklagen.

Am Mittwoch unterschrieb Goodell nach monatelangem Hickhack einen neuen Vertrag, der ihm im Anschluss an seinen bis 2018 laufenden Kontrakt in den fünf Jahren bis 2024 rund 40 Millionen US-Dollar pro Saison einbringen könnte.

Doch Goodells Fehde mit Jones steht sinnbildlich für die vielen kleineren und größeren Brandherde, die in der NFL seit Monaten vor sich hin flackern. Warm genug, dass sie am Image der NFL kratzen, aber noch nicht so heiß, dass sie das Produkt zum Verlustgeschäft machen: Die anhaltenden Proteste vieler Spieler gegen soziale Ungerechtigkeit ohne klare Position der Liga; ein stichelnder US-Präsident, der keine Möglichkeit auslässt, protestierende Sportler zu kritisieren; halbherziges Durchgreifen gegen gewalttätige Spieler; sinkende Einschaltquoten; die anhaltende Debatte über Kopfverletzungen. Alles Themen, bei denen Goodell nicht immer als konsequent durchgreifender Verantwortlicher auftrat.

Hinzu kamen die Umzüge der Rams von St. Louis nach Los Angeles und der Chargers von San Diego nach Los Angeles, wo beide Teams aktuell vor halbleeren Zuschauerrängen spielen, und die Forderung der Spielergewerkschaft nach mehr garantiertem Gehalt. Ungleich der anderen großen US-Ligen verdienen Athleten in der NFL nur dann Geld, wenn sie tatsächlich im Einsatz sind. Die Folge: Spieler ignorieren Verletzungen und Teams tauschen ihr Personal teils wöchentlich aus. Die brutalste der drei großen amerikanischen Sportarten gibt ihren Spielern keine finanzielle Sicherheit, lässt man die üppig entlohnten Superstars mal außen vor. Bekanntlich hat jedes Team 53 Plätze im Kader.

Auf der anderen Seite sprechen die Geschäftszahlen für den Ligachef: 2006, als Goodell Commissioner wurde, war ein NFL-Team durchschnittlich 898 Millionen Dollar wert und erzielte Gewinne von 31 Millionen. Inzwischen liegt der mittlere Teamwert bei 2,5 Milliarden Dollar, die Profite bei 101 Millionen. Doch Kritiker wie Jones finden, dass das Produkt leidet. Und Eric Winston, Spieler bei den Cincinnati Bengals und Präsident der Spielergewerkschaft, sagte gegenüber dem Magazin GQ: "Du könntest der schlechteste Barkeeper im Spring Break (dem Massenbesäufnis der US-Studenten in den Frühlingsferien) sein, du würdest immer noch großartig dastehen." Übersetzt: Die Attraktivität der NFL zieht auch ohne Goodells Zutun die Massen an.

In der Tat übernahm Goodell 2006 ein glänzendes Erbe. Unter seinem Vorgänger Paul Tagliabue hängte die NFL die Konkurrenz aus Basketball, Eishockey und Baseball ab, setzte sechs Milliarden Dollar um und nahm bis 2012 pro Jahr mehr als drei Milliarden Dollar aus TV-Rechten ein. Große Namen aus der Politik wurden in Verbindung gebracht mit dem Posten des Commissioners: darunter die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice und der erfolglose Präsidentschaftskandidat Jeb Bush. Am Ende aber wurde es Goodell, der zu diesem Zeitpunkt schon 24 Jahre für die Liga gearbeitet und sich vom Praktikanten zum Millionär hochgearbeitet hatte. Rund 200 Millionen Dollar hat er bis heute verdient.

Jerry Jones pochte in den vergangenen Monaten auf Goodells Verantwortungsbewusstsein. Die Probleme der Liga hätten Vorrang vor verfrühten Vertragsgesprächen. Dass Goodells neuer Vertrag am Ende dennoch zustande kam, liegt vor allem an den sechs Teambesitzern, die das sogenannte Vergütungskomitee bilden. Sie verhandelten im Namen aller 32 Anteilseigner. Bis zur Androhung einer Klage hatte Jones diesem Gremium als siebtes, nicht stimmberechtigtes Mitglied angehört.

"Wir freuen uns zu vermelden, dass unter den Besitzern fast einstimmiger Konsens bezüglich des Zeitpunkts der Vertragsverlängerung herrscht", heißt es in einem Statement des Kommitees. Im kollektiven Gedächtnis der Eigner ist das Jahr 2011 fest verankert. Damals handelte Goodell mit der Spielergewerkschaft den neuen Tarifvertrag der Liga aus. Das Ergebnis war ein besitzerfreundlicher Tarif, der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg der NFL. 2021 stehen neue Verhandlungen an. Auch die Übertragungsrechte werden in Goodells nächster Amtszeit neu verhandelt.

Vielleicht nahm Jerry Jones deshalb zuletzt Abstand von der Klage-Drohung. Denn auch seine Cowboys haben vom Wachstum der NFL profitiert. Sie sind laut Forbes mit einem Wert von über vier Milliarden Dollar das teuerste Team der Welt.

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