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Fernbusse: Reisen in der Weihnachtszeit

Garnicht mal so kurz vor dem Ende meines Aufenthalts bei Starbucks kommen sich Glanz und Elend einer Fernbusreise schon wieder ganz nah. Als aus den in unsichtbaren Nischen versteckten Lautsprechern des Starbucks-Cafés im Münchner Hauptbahnhof das Lied „Last Christmas“ ertönt, muss ich gähnen. Dieser Starbucks ist meine Rettung: Er ist der einzige Ort – es scheint in dieser ganzen, verdammten Stadt – der um fünf Uhr morgens sowohl eine Sitzgelegenheit, als auch Wärme und eine Tasse Kaffee spendet. Ich nehme einen Schluck und atme aus – beinahe zufrieden.


Links von mir schlummern vier junge Damen wie Vögel auf der Stange, vor mir teilt sich ein lesbisches Pärchen die Apple-Kopfhörer, um einen Netflix-Film auf dem Samsung Galaxy zu streamen. Merry Christmas! Aber noch nicht für mich. Meine Reise ist noch nicht zu Ende. Ich nehme einen weiteren Schluck Filterkaffee aus meiner überdimensionierten Starbucks-Tasse.


Meine Reise beginnt an einem Ort, diesem hier ganz ähnlich, aber gefühlte zehntausend Kilometer entfernt. Wenn der ZOB Berlin – der „Zentrale Omnibus Bahnhof“ – eine Seele hat, dann die einer insolventen, untoten Ex-Eckkneipenbesitzerin mit grau lackierten Fingernägeln. Oder die einer noch schnell angezündeten Zigarette. Oder einer Strickmütze in Regenbogenfarben, noch schnell auf die ungewaschenen Haare gestülpt in aller Eile. Ich hasse diesen Ort. Und ich brauche diesen Ort. Der ZOB bietet billige Fahrten in die Heimat – selbst in der unmittelbaren Vorweihnachtszeit. Sechzig Euro für eine Nachtfahrt vom Norden in den Süden der Republik. Ich bin jung und Journalist. Muss ich noch mehr sagen?


20:55 Uhr, es ist der 22. Dezember. Am Steig 32 drücken sich die Menschen aneinander. Reisegepäck, schwarze Plastikregenmäntel, grimmig-gleichgültige Gesichter. Ein Mann spricht den Reisenden neben mir an: „Buff?“, sagt er. Aber vielleicht heißt es auch „Bus?“ Keine Ahnung. „Where you go?“, fragt der Mann. „Zürich“, murmelt der andere und muss grinsen. Meine Linie – N95, nach Mailand – ist zu spät.


Moment Mal. Mailand? Normalerweise fährt das Ding doch nach Zürich. Entspannte zehn Stunden Fahrt bis an den Bodensee, Schnäppchen, da lacht mein Schwabenherz. Aber Mailand? Seit wann denn bitteschön Mailand? Ich checke mein Online-Ticket. Tatsächlich. Abfahrt 21 Uhr in Berlin. Ankunft in München: 4:25 Uhr, dann Umstieg. In Worten: Vier Uhr fünfundzwanzig. Um halb acht geht es weiter Richtung Zürich. Drei Stunden Aufenthalt in München mitten in der Nacht. Augen auf beim Ticketkauf! Arschlecken fröhliche Weihnacht.


Der Bus kommt. Irgendwie ist plötzlich Krieg. Auf einmal ist niemand mehr gleichgültig. Zwei grün gekleidete Fahrer springen aus dem Doppeldecker. Einer klemmt sich in den Gepäckraum, der andere verteidigt mit seinem Handy den Eingang. „Milano!“, brüllt der Mann in der Gepäckablage. Er will die Gepäckstücke derer haben, die nach Mailand fahren. Doch die Leute - mutmaßlich Italiener - verstehen es so, dass jetzt die Mailänder in den Bus einsteigen dürfen, und bedrängen den Mann am Eingang. „Bozen“, brüllt der Gepäckmann, woraufhin die Bozen-Gruppe den Mailändern am Eingang in den Rücken fällt. Da beschleicht mit zum ersten Mal an diesem Abend das Gefühl, dass das möglicherweise eine besondere Fahrt wird.


Irgendwie schaffe ich es, mein Gepäck zwischen den "Mailändern" und "Bozenern" hindurch in den Gepäckraum zu schmuggeln. Mit der langjährigen Erfahrung eines Fernbus-Veteranen erreiche ich den Eingang des Busses. Lifehack: Immer über die Flügel angreifen, niemals durch die MItte. Ich will gerade mein Handyticket registrieren lassen, als ein Bozener – vielleicht der Letzte – mit Gewalt an mir vorbeirauscht und dem Busfahrer beinahe seinen Ausweis ins Gesicht schlägt. „Mein Gott, das ist doch keine Flucht hier!“, motzt eine junge Frau neben mir.


Immerhin: Der Bus fährt beinahe pünktlich ab. Ich sitze gemütlich, es gibt sogar einen Tisch. Aber der Mann mir gegenüber muss weichen: Ein Pärchen hat reserviert. Mir wird kurz ganz anders. Seit wann kann man in diesen grünen Dosen Sitzplätze reservieren? Ich will nicht wieder aufstehen und bitte inständig um die Gnade des Fernbus-Gottes. Sie wird mir gewährt. Aber – wie immer mit der Milde der Götter – ist Misstrauen angebracht.


Das Pärchen mir gegenüber ist verliebt. Sie ist schmiegsam und leise. Er ist laut und zweifellos auf Drogen, ich vermute MDMA. Wenigstens einer in diesem Vehikel, der vorbehaltlos glücklich ist, der lieben Emma sei Dank. Irgendwo knistert eine Alufolie. Plötzlich riecht es nach Salami. Dann nach Urin. Willkommen im Fernbus. Ich hole mein kleines, orangenes Kissen aus dem Rucksack. Gute Nacht Welt. Übermorgen ist Weihnachten, ich muss mich vorbereiten. Besinnlichkeit incoming.


Ich kann natürlich nicht schlafen. In regelmäßigen Abständen schlägt mir der Rucksack des Emma-Kollegen gegen die Beine. Schließlich bitte ich ihn, das Ding in den Gang zu stellen. Er schaut mich aus großen, verständnislosen Augen an und tut: Nichts. „We can use both vaporizers“, sagt er zu seiner Freundin. Es klingt fasziniert. Ach, leck mich doch. In Leipzig steigen die beiden aus.


„Kontrolle“ dröhnt es plötzlich in brüchigem Deutsch aus dem Lautsprecher. Es gibt zu wenig Sitzplätze. Die beiden Fahrer gehen von Passagier zu Passagier, um die Illegalen zu finden. Irgendjemand hat hier gemogelt – sonst wären schließlich ausreichend Sitzplätze da. Keine Ahnung, wieviel Uhr es ist. Es fühlt sich an wie mitten in der Nacht. Ich oszilliere irgendwo zwischen Halbschlaf und Resignation und erfahre daher nicht das Ergebnis der Fahndung. Nach einer gefühlten Ewigkeit fahren wir weiter. Ich vermute, dass jetzt alle sitzen.


Irgendwann fällt das Licht auf der Bustoilette aus und auch die WC-Tür kann nicht mehr geschlossen werden. Es riecht schon wieder nach Salami. Und nach Schlimmerem. Ich will schlafen. In meiner Verzweiflung greife ich zum Äußersten: „Die drei ???“ sind auf Spotify verfügbar. Die Geschichten der drei Detektive habe ich schon als Achtjähriger zum Einschlafen gehört. Bewährte Methode. „Wir übernehmen jeden Fall“. Soso. Doch auch Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews können mich nicht in den Schlaf recherchieren. „Der grüne Bus“ bleibt wohl einer der wenigen, ungelösten Fälle des Trios.


München. 4:30 Uhr. Mittlerweile ist es der dreiundzwanzigste Dezember. Morgen ist Weihnachten. Ich stakse aus dem Bus. Draußen klemmt einer der Fahrer schon wieder in der Gepäckablage und wirft Koffer, Rucksäcke und Taschen auf die Passagiere. Ein echter Sportsmann.


Alle schmeißen, keiner fängt, denke ich. Fast schon wie in Berlin. Dann fallen mir die Geschenke ein. Fast schon panisch checke ich in Gedanken den Koffer durch. Nicht zerbrechlich, nicht zerbrechlich. Das Glas habe ich gut verpackt. Toi-Toi-Toi to myself. „Where the bus to Konstanz?“, fragt irgendjemand engagiert. Wüsste ich auch gern. Da fliegt mir mein Koffer entgegen.


So. Schlappe drei Stunden Aufenthalt am ZOB München. Ein Ort, gemacht für die Durchfahrt, nicht für den Aufenthalt. Ich will Kaffee. Müde ziehe ich meinen Trolly hinter mir her, zwischen den Bushaltestellen hindurch. Dann schleppe ich mich eine stehende Rolltreppe hinauf. Der Zentrale Omnibusbahnhof München liegt unter einem globigen – ja, was ist das überhaupt? Ein Einkaufszentrum? Ich gehe durch eine Glastür. Und plötzlich bin ich in der Vorhölle.


In der Vorhölle ist es warm. Fast schon feuchtwarm. Zu meinen Füßen liegt Müll. Linker Hand stehen drei Jugendliche mit gegelten Haaren und schwarzen Jacken. Rechter Hand liegt ein dunkler, langer Gang. Eine Passage, würde ich sagen. Am Tag ist sie vermutlich ein Konsumlaufsteg. Jetzt ist sie einfach nur furchterregend und traurig zugleich. Ich ziehe meinen Trolly in die Wärme. Links und rechts von mir liegen Obdachlose, Betrunkene oder Erschöpfte. Vielleicht alles gemeinsam, vielleicht nichts davon. Spekulationen eines Privilegierten. Schlafsäcke, Körper, und Müll. Überall Müll. Eine Spur von Essensresten schlängelt sich auf die beiden Läden zu, die um diese Uhrzeit geöffnet haben. Ein McDonald’s und ein Dönerladen. Ich empfinde Bewunderung für die Leute, die da arbeiten.


Aber ich kann hier nicht bleiben. Draußen ist es kalt. Aber das hier drin ist zu viel jetzt gerade. Meine Nerven liegen blank, ich habe kaum geschlafen. Ich empfinde keinerlei Neugier, ich habe keine Resilienz, mir dieses Elend durch Abstraktion irgendwie erträglich zu machen. Der Zustand in dieser Passage schießt mir sowohl ins Herz als auch in den Magen, und das ist jetzt, um vier Uhr dreißig am dreiundzwandzigsten Dezember 2018, einfach zu viel für mich. Entschuldigung aber: Ich habe Urlaub. Ich will Besinnlichkeit. Und mich nicht fragen müssen, wie ihr alle den morgigen Tag verbringt. Ich wünsche euch alles Gute, wirklich. Aber ich muss hier weg.


Die Glastür der Passage fällt hinter mir ins Schloss. Irgendjemand schreit hysterisch. Von oben sehe ich, wie eine Gruppe junger Menschen sich anpöbelt. Vielleicht ist es auch nur eine Prügelei unter Freunden. Neben dem ZOB liegt ein Club. Ich war da vor Jahren bei der Eröffnung, aber ich habe den Namen vergessen. Müdigkeit setzt meinem Gedächtnis immer zu. Der Bass drängt sich an meine Ohren. Leute stolpern vor mir die Treppen hinauf und dann an mir vorbei in die Passage hinein. Genug. Weg hier.


Ich ziehe meinen Trolly hinter mir her, hinein nach München. Vorbei am Augustinerkeller. Vorbei am eckigen Gebäude des Bayerischen Rundfunks. Ich frage mich, ob es einen Aufenthaltsraum für gestrandete Journalistenkollegen gibt, traue mich aber nicht hinein. Ein junger Mann mit einem großen Coca-Cola-Becher in der Hand läuft an mir vorbei. Er sieht irgendwie schick aus. So stelle ich mir Münchner vor. Sein Softdrink weckt in mir Hoffnungen, dass es hier einen McDonald‘s gibt. Aber es gibt keinen. Ich laufe weiter. Vorbei an einer Table-Dance-Bar, vorbei an vielen dunklen Fensterscheiben und den erleuchteten eines beinahe schicken Hotels. Auch da traue ich mich nicht hinein. Ich bin schließlich nur ein Fernbuspassagier.


Und plötzlich ist da der Münchner Hauptbahnhof. Bin ich so weit gelaufen? Halluziniere ich? Oder war es garnicht so weit? Es leuchtet. Wo es leuchtet, gibt es Stühle, sagt mir lustlos meine linke Gehirnhälfte. Die rechte hat nur Verzweiflung im Angebot. Also rein da. Ein freundlicher Ditsch-Mann verkauft mir eine Schinken-Pizza und einen Milchkaffee. Perverse Mischung. Ich fahre eine Etage höher. Eigentlich will ich mich in die „DB-Lounge“ setzen. Doch als ich einen Blick hineinwerfe, entscheide ich mich dagegen. Die Leute da drin sehen aus, als hätten sie alle ihre Seelen am Eingang abgegeben. Aber vielleicht sehen Menschen auf Reisen einfach so aus. Wahrscheinlich sehe ich auch so aus.


Ich lehne mich an die Balustrade. Reflexhaft verbinde ich mein Handy mit der Power-Bank. Dann schaue ich mir die Weihnachtsbeleuchtung im Hauptbahnhof an. Wie schön das aussieht. Ich muss an die Passage im ZOB denken. Nachher kann man mit dem TGV nach Paris fahren. Krass. Der Bodensee würde mir schon reichen. Ich nehme einen Bissen von der Schinken-Pizza. Dann sehe ich den Starbucks.


Verdammt. Gerade habe ich einen Milchkaffee für Zweieurosiebzig gekauft. Ich trinke schneller. Die letzten Schlucke samt Pappbecher werfe ich in den Mülleimer vor dem Starbucks. Das muss der Planet hinnehmen, denn meine Not ist groß. Ich will sitzen.

„Last Christmas, I gave you my heart“, tönt es aus den Lautsprechern des Kaffeerösters. „But the very next day, you gave it away.“ Mhm. Dieser Starbucks ist meine Rettung: Er ist der einzige Ort – es scheint in dieser ganzen, verdammten Stadt – der um fünf Uhr morgens sowohl eine Sitzgelegenheit, als auch Wärme und eine Tasse Kaffee spendet. Ja, ich habe mir nochmal einen Kaffee gekauft. Keramiktasse. Filter. Nichts zu kaufen wäre unanständig. Nicht zu trinken wäre Verschwendung. Mein Magen kündigt schon Bauchschmerz an.


Links von mir schlummern vier junge Damen wie Vögel auf der Stange. Vor mir teilt sich ein lesbisches Pärchen die Apple-Kopfhörer, um einen Netflix-Film auf dem Samsung Galaxy zu streamen. Merry Christmas! Merry Christmas euch allen. Aber noch nicht für mich. Meine Reise ist noch nicht zu Ende. Gleich muss ich zurück an den ZOB, in einen anderen grünen Bus und dann an den Bodensee. Ich nehme einen weiteren Schluck Kaffee aus meiner überdimensionierten Starbucks-Tasse. Ich reibe mir die Augen. Aus den Lautsprechern dröhnt jetzt „Jingle Bells“. Kein Scheiß.


Bild knnte enthalten Nacht und im Freien