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Reportage

Was passiert um Mitternacht am Siedepunkt? Reportage über Innsbrucks beliebtesten Würstelstand


Text erschienen in: 20er - Die Tiroler Straßenzeitung

10/2020, S.15-16


Was passiert um Mitternacht am Siedepunkt?

 

Die Maria-Theresien-Straße: tagsüber Flaniermeile für Touristen, nachts Auffangnetz für Betrunkene. Unser Autor hat sich für eine Nacht an Innsbrucks beliebtesten Würstelstand neben der Annasäule gestellt und einige bsoffene Gschichten” eingesammelt. 

„Gummipimmel, Lolli-Pimmel, wir haben Pimmel ohne Ende”, sagt Judith und präsentiert stolz den Inhalt ihres Bauchladens mit der Aufschrift „Ich heirate! Die anderen sind nur zum Saufen hier.“ Neben Gummiwürsten hat sie darin auch Klopfer in den Geschmacksrichtungen Kirsch und saurer Apfel, eine halbvolle Flasche Sambuca, einen Plastikblumenstrauß und ein echtes, aber angebissenes Würstel, eingehüllt in Currysoße und Baguette. 

„Junggesellenabschiede kommen oft hier vorbei und machen lustige Sachen“, erklärt Matthias, während er an seiner Zigarette zieht. Der Südtiroler ist 32 Jahre alt, studiert Pharmazie und arbeitet seit sieben Jahren beim Siedepunkt, dem Würstelstand in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße. Vor betrunkenen Pöblern fürchtet sich Matthias nie, denn er weiß, dass er hinter der Theke am längeren Hebel sitzt: „Wenn sie blöd tun, gibt’s eben nix zu essen“, sagt er mit einem Grinsen im Gesicht. 

Seine Chefin Armine beteuert, dass Matthias ihr bester Mitarbeiter ist. Um fürs gemeinsame Foto zu posieren, legt sie sich noch ihre Haare in der Spiegelung des Getränkekühlschranks zurecht. Armine ist eine kleine Frau in ihren Vierzigern, die Schürze und das Stirnband trägt sie in einheitlichem Gelb. Zu Beginn des Jahres übernahm sie den bekannten Würstelstand von Vorgänger Hermann, der die Grillzange nach mehr als einem Jahrzehnt niedergelegt hat, um in Rente zu gehen. 

Armine lebt seit zehn Jahren in Innsbruck, der Siedepunkt ist ihr neuer Lebensmittelpunkt. Hinter der Theke verkauft sie nicht nur Innsbrucks einzige Late-Night-Bosna, sondern verteilt auch gratis Weisheiten an die Kundschaft. „Ich kenne die ganze Stadt, die Leute sagen nur noch Frau Wurst zu mir.”

Sie mimt gerne jedes Wochenende aufs Neue die Streetworkerin, wenn der Bereich vor dem Würstelstand im Dunst aus Bratfett und Alkohol zum sozialen Brennpunkt wird. Mit nahezu jedem Kunden kommt sie ins Gespräch. Egal ob verrückt, verlobt, versoffen oder vereinsamt – am Siedepunkt sind alle Menschen gleich. Einem obdachlosen Mann spendiert sie ein kleines Bier und eine Currywurst. „ich kann nicht Nein sagen und helfe, wo ich kann.“

Zehn Meter daneben verlassen Frauen mit Edelhandtaschen und Männer in weißen Jacketts einen Club. Eine der Frauen läuft barfuß und trägt ihre silbernen High Heels mit dem Zeigefinger. Ihre Freundin hält sich gerade noch auf den Absätzen ihrer Krokodilleder-hacken, auch wenn ihre Knöchel jeden Moment einzuknicken drohen. Die beiden sitzen mit Bosna auf einer Bank, bis ein betrunkener Niederländer auf sie einredet. Diesmal nehmen beide die hohen Absätze in die Hand, um das Weite zu suchen. 

Armine und ihre Tochter Milena, die ebenfalls vorbeigekommen ist, stellen Stammkunden vor. Einige sind zu Freunden der Familie geworden. Tobi wohnt nebenan, kann nicht kochen und holt sich nahezu täglich eine Bosna, wenn seine Schicht beim Roten Kreuz endet. Er bestellt ausschließlich die klassische Variante. Ein Vater und sein Sohn kommen schon seit 15 Jahren zum Siedepunkt, haben keine Vorlieben auf der Speisekarte und kaufen jedes Mal etwas anderes. Auch eine vegetarische Bosna mit Mozzarella bietet Armine an. „Man muss sich ja den Trends anpassen”, sagt sie. 

Andi, etwa fünfzig Jahre alt, Glatze, kurze Jeanshose, raucht gerade einen Joint ohne Filter und führt seine Pitbull-Dame „Wuschi“ spazieren. Für Vegetarier hat er kaum Verständnis. „Die werden alle noch verhungern“, sagt er und lacht. Er beißt von seiner Bosna ab, klemmt ein Stück Wurst zwischen die Zähne und lässt es direkt in Wuschis breiten Rachen fallen, die das Leckerli mit einem freudigen Luftsprung entgegennimmt.

Dann wird Andi melancholisch: „Ich bin ein Nachtmensch, ich liebe die Nacht, aber das Leben ist hier einfach nicht mehr so schön wie früher“, klagt er. Verantwortlich sei auch das 2014 von der Stadt erlassene Alkoholverbot, das die Obdachlosen aus der Maria-Theresien-Straße vertreibe. „Dabei sind die gar nicht die Schlimmen, die schlafen ja nur. Schlimm sind die Leute, die alles haben, und trotzdem aggro sind.“ Generell findet Andi: Um das Treiben am Siedepunkt zu verstehen, reicht ein Abend sowieso nicht aus. 

Das spüren auch Javier und Jesus, zwei schöne Spanier mit schönen Namen und schönen schwarzen Lederjacken. Resigniert fragen sie, wo man denn heute noch tanzen könne. Sie sind erst vor zwei Tagen aus Alicante angekommen und wollen jetzt das Nachtleben erkunden. Javier interessiert sich für die Berge und Skifahren, Jesus eher für die Frauen. Ein Skater empfiehlt den beiden, am Inn nach Feierwütigen zu suchen und bestellt selbst noch acht Bier, die er in einem Müllsack über der Schulter davonschleppt. 

Um Ein Uhr spucken die Bars und Clubs im Umkreis ihre letzten Gäste auf die Straße. Natürlich stranden sie am Siedepunkt. Für Armine beginnt die letzte Gesprächsrunde und Matthias drückt nochmal ordentlich auf die Senftube, bevor er schließlich die Jalousien so weit herablässt, dass bloß eine kleine Luke auf Kniehöhe Einblick in das Innenleben des Wagens gewährt. Die Gestrandeten verschwinden langsam mit den Taxis in die Nacht, nur zwei flaumbärtige, 19 Jahre alte Jungs irren noch vor der Annasäule herum. Einer von ihnen hat seine Schuhe auf einer Hausparty vergessen, sein linker großer Zeh lugt durch die kaputte Socke hervor. „For Real, Ich liebe den Vibe hier“, lallt er und fragt Armine nach einem Bier. Sie reicht ihm durch die kleine Luke ein letztes Gratis-Seidel. „Ehrenmama“, sagt er.