Matthis Kattnig

Freier Videoredakteur/Journalist

2 Abos und 1 Abonnent
Artikel

"Ägyptens Kampf gegen den Terrorismus hängt von Israel ab"

Die Beziehungen zwischen den einstigen Feinden Israel und Ägypten wurden oft herausgefordert. Der Krieg im Gazastreifen stellt sie nun wohl auf die bisher härteste Probe. Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Die beiden Länder hatten trotz aller Probleme stets bemerkenswerte Kooperationen.

Matthis Kattnig

Gerade erst fand das 45-Jahr-Jubiläum des Friedensvertrags zwischen Ägypten und Israel statt. Dass der damalige ägyptische Präsident Anwar al-Sadat zu einem ernsthaften Friedensschluss bereit war, galt als Meilenstein. Seit der Gründung Israels waren die beiden Länder Feinde, die mehrere Kriege gegeneinander führten. Gemeinsam mit dem ehemaligen israelischen Präsidenten Menachem Begin und US-Präsident Jimmy Carter schloss Sadat im März 1979 den historischen Frieden, mit dem Ägypten zum ersten arabischen Staat wurde, der Israel anerkannte.

In der ägyptischen Öffentlichkeit findet der Friedensvertrag allerdings bis heute wenig Beachtung: "Jedes Jahr feiern wir in Ägypten den Jahrestag des Kriegs mit Israel von 1973 [ Jom-Kippur-Krieg]. Wir haben aber noch nie den Jahrestag des Friedensvertrags mit Israel gefeiert", sagt Dalia Ziada. Die Politikexpertin ist Mitbegründerin des Liberal Democracy Institute in Kairo und wurde vom US-Magazin Newsweek zweimal im Ranking der einflussreichsten Frauen der Welt aufgeführt.

Nach dem 7. Oktober 2023 unternahm sie etwas, das im Westen viele tun: Sie verurteilte öffentlich den Angriff der Hamas auf Israel. Doch das hatte in ihrer Heimat Ägypten enorme Konsequenzen: Sie habe Morddrohungen erhalten, und eine Gruppe von Salafisten habe das Haus ihrer Mutter gestürmt. In letzter Sekunde sei ihr die Flucht gelungen. Wo sie zurzeit lebt, ist geheim. Ihre Meinung hat sie aber nicht geändert: "Israel hat ein legitimes Verteidigungsrecht." Wie Israel und Ägypten trotz aller Probleme in der Vergangenheit gut zusammengearbeitet haben, lässt sich in unterschiedlichen Bereichen feststellen.

Sicherheit: Kampf gegen Terroristen im Sinai

Im ägyptischen Sinai kam es zwischen den beiden Ländern ab 2011 zu bemerkenswerten Militärkooperationen. "Hamas-Kämpfer drangen in den Sinai ein. Sie bildeten Terrorzellen und nannten sich ISIS-Sinai. Sie waren offiziell mit dem Islamischen Staat (IS) verbunden", so Ziada. Nicht nur ägyptische Militärbasen und Soldaten wurden angegriffen, sondern auch koptische Christen und Moscheen. Einer der schrecklichsten Vorfälle war ein Angriff auf die Moschee in Bir al Abed, bei dem 2017 mehr als dreihundert Menschen getötet wurden.

Israel unterstützte Ägypten im Kampf gegen die Terroristen. Die ersten gemeinsamen Einsätze hat dabei niemand Geringerer als der heutige ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi als damaliger Verteidigungsminister durchgeführt. Dalia Ziada glaubt, dass er auch aus diesem Grund weiterhin von einem Frieden mit Israel überzeugt ist. Das Problem seien die Ebenen unter ihm, der militärische Geheimdienst und die Sicherheitskräfte: "Sie haben Israel als Feind." Selbst wenn sie einer Zusammenarbeit zustimmen, sind "sie nicht wirklich bereit, echten Frieden mit Israel zu akzeptieren".

Gegenüber dem amerikanischen Sender CBS bestätigte al-Sisi Anfang 2019: "Wir haben eine Menge an Kooperationen mit den Israelis." Zum Angriff der Hamas auf Israel meint Ziada: "Ich glaube, Israel dachte, Ägypten würde dasselbe für sie tun." Für sie ist es eine Ironie, dass ägyptische Medien heute wieder die Hamas verehren, die einst von Ägypten und Israel gemeinsam bekämpft wurde.

Wirtschaft und Energie: Gaskooperation

Im Jahr 2018 schlossen Israel und Ägypten ein Gasabkommen. Israel belieferte von nun an Ägypten mit Erdgas, das für das Land immer wichtiger wurde, da es mit Energieengpässen und Stromausfällen zu kämpfen hatte.

Zu einem weiteren Deal kam es im Juni 2022, diesmal gemeinsam mit der EU: Israel leitet Gas nach Ägypten, von wo es zum Großteil nach Europa verschifft wird. Am 9. Oktober 2023 stoppte Israel den Export: "Israel hatte Angst, die Rohre könnten Ziele von Angriffen werden", vermutet Ziada. Einige Wochen später wurde der Betrieb wieder aufgenommen und zusätzlich im Februar eine künftige Erweiterung beschlossen. Im Jahr 2023 ist der Export um insgesamt 28 Prozent gestiegen.

Gemeinsam mit den USA unterzeichneten Israel und Ägypten 2004 die QIZ-Vereinbarung (Qualified Industrial Zone). Diese ermöglicht unter anderem die zoll- und steuerfreie Ausfuhr von Produkten aus Ägypten in die USA, sofern die ägyptischen Produkte Vorleistungen von 10,5 Prozent aus Israel enthalten.

Tourismus: Israelis auf Urlaub in Ägypten

Laut der Nachrichtenagentur AP, die sich auf die israelische Flughafenbehörde bezieht, sind 2019 1,4 Millionen Israelis mit dem Auto in den ägyptischen Sinai gefahren. Der Sinai ist eine Pilgerstätte für Juden und ein beliebtes Urlaubsziel. Am 4. Oktober 2021 landete erstmals offiziell eine Maschine der EgyptAir aus Kairo auf dem Flughafen Tel Aviv. Zuvor landeten nur Maschinen der AirSinai in Israel. Diese gehörte zwar auch zur EgyptAir, wurde aber extra gegründet, da EgyptAir einen Boykott durch die eigene Bevölkerung befürchtete. Seit dem 7. Oktober sind die Flüge der EgyptAir auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Durch den Angriff der Hamas hat sich die Lage für Touristen aus Israel verschärft: "Für Israelis ist es sehr gefährlich geworden, nach Ägypten zu kommen", so Ziada. Laut dem israelischen Außenministerium wurden am 8. Oktober 2023 zwei israelische Touristen und ein ägyptischer Reiseführer in Alexandria von einem Polizisten erschossen. Ob es einen Zusammenhang mit dem 7. Oktober gab, blieb unklar.

Für Ägypter, die nach Israel reisen wollen, ist die Lage deutlich komplizierter: "Die ägyptischen Behörden verlangen zuerst eine Genehmigung der Regierung und man muss den Sicherheitskräften erklären, warum man reisen will", so Ziada. Seit 2014 reisen laut VaticanNews zu Ostern koptische Christen aus Ägypten nach Israel. Damals waren es neunzig, 2019 bereits mehr als sechstausend. Dass sich die Zahl der koptischen Christen so erhöht hat, wertet Ziada als weiteres Zeichen der Verbesserung.

Kultur und Bildung: Gemeinsame Events in Kairo

Im Jahr 1982 wurde das Israelische Akademische Zentrum in Kairo gegründet, um die Beziehungen zwischen israelischen und ägyptischen Universitäten zu stärken. Für die Zusammenarbeit der beiden Länder setzte sich auch der ägyptische Menschenrechtsaktivist Saad Eddin Ibrahim ein, der 1988 den Think-Tank Ibn Khaldun Center for Development Studies in Kairo gründete.

In den letzten drei Jahren bis zum Überfall der Hamas auf Israel gab es laut Dalia Ziada deutliche Annäherungen zwischen der israelischen Botschaft und der ägyptischen Regierung im kulturellen Bereich. Mehrfach kam es zu gemeinsamen Veranstaltungen. "Ein Projekt war die Renovierung von alten Synagogen und jüdischen Friedhöfen in Ägypten." 2023 wurde das jüdische Neujahr Rosh haShana gemeinsam mit siebzig Menschen, darunter auch Muslime, Christen und Juden aus dem Ausland, in der Synagoge in Kairo gefeiert.

Ziada: "Ägypten abhängig von Israel"

Sollte Israel in Rafah im Süden des Gazastreifens einmarschieren, werde Ägypten den Friedensvertrag aussetzen, so die Drohung Mitte Februar. Dalia Ziada bewertet sie nüchtern: "Ich glaube, diese Aussage war nicht an die Israelis gerichtet, sondern an die ägyptische Öffentlichkeit." Ägypten könne Drohungen aussprechen, aber "es hat nicht die Macht, den Friedensvertrag rechtlich auszusetzen".

Was den Frieden der beiden Länder auch zusammenhält, sind die USA. Sie unterstützen Ägypten mit rund 1,3 Milliarden Dollar Rüstungshilfe, die nach Beendigung des Friedensvertrags wohl wegfallen könnte. Kairo war zudem in der Vergangenheit des Öfteren Vermittler zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten.

Dalia Ziadas Fazit: "Unsere Wirtschaft ist abhängig von Israels stabiler Wirtschaft. Unser Kampf gegen den Terrorismus hängt von Israels Kampf gegen Terrorismus ab. Wir haben gemeinsame Feinde: Die Hamas, die Muslimbruderschaft, der extremistische Islamische Dschihad. Wir müssen wieder auf das Niveau von vor dem 7. Oktober kommen. Das ist sehr wichtig für alle, auch für das Wohlergehen der Ägypter."

Zum Original