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Mehr Klartext, bitte! Zum offenen Brief an Kardinal Marx | kath.de-Kommentar

Neun Jahre Argumente - noch immer nicht durchgedrungen

Keine der Forderungen des Briefs ist neu. Doch hätten die Autoren die Argumente für ihre Forderungen noch einmal neu ausführen müssen. Einige der Unterzeichner haben das in den letzten Jahren beständig getan, haben ausführlich argumentiert und begründet. Offenkundig sind sie damit jedoch immer noch nicht durchgedrungen, zu vielen Laien nicht, aber auch nicht zu den Bischöfen.


Daher wäre es nötig gewesen, den Brief zu nutzen, um die Argumente noch einmal medienwirksam zu wiederholen und zu präzisieren. Weil das versäumt wurde, kommt der Brief holzschnittartig als leicht angreifbarer, weil kaum fundierter Forderungskatalog daher. Die Forderungen könnten – entgegen ihrer Intention – wie ideologischer Reformismus wirken. Zu diesem Eindruck könnten auch nicht weiter ausgeführte Schlagworte wie die „vormoderne Ordnung der Kirche“ beitragen.


Einige der Unterzeichner des Briefs haben sich in den letzten Jahren gewissermaßen in eine „privilegierte“ Position gebracht, weil sie den direkten Kontakt mit Betroffenen nicht gescheut haben. Sie haben sich deren Leid, deren Sorgen ausgesetzt, so etwa der Jesuitenpater Klaus Mertes mit den Betroffenen von sexueller Gewalt, Ansgar Wucherpfennig und der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz in der Seelsorge mit homosexuellen Gläubigen in der Frankfurter Stadtkirche. Diese direkte Begegnung führt zu anderen Erkenntnissen, einer geschärften Perspektive, die vielen anderen fehlt. Ohne diese Perspektive kann der Brief mit seinen einfach gestrickten Forderungen wie ein billiger Abklatsch alter Reformforderungen wirken. Von Zeitgenossen, die sich in den letzten Jahren medial nicht völlig blind und taub gestellt haben, kann man aber berechtigterweise erwarten, zu wissen, aus welchem Hintergrund sich die Forderungen der Unterzeichner jeweils speisen.


Der Forderungskatalog ist aber kein Missbrauch des Missbrauchs, keine kirchenpolitische Agenda auf dem Rücken der Betroffenen. Im Gegenteil. Es geht um die systemischen Gründe für Missbrauch innerhalb der Kirche.


Die Forderung, die Lebensform für Kleriker freizustellen, speist sich aus den Erfahrungen der letzten neun Jahre, den vielen Leidensgeschichten von Betroffenen sexueller Gewalt durch Kleriker. 2010 trug einer der Unterzeichner, der Jesuitenpater Klaus Mertes, maßgeblich dazu bei, dass der sogenannte „Missbrauchsskandal“ ins Rollen kam, dass Betroffene sich trauten, zu sprechen. Entscheidend war, ihnen endlich zuzuhören. Die zölibatäre Lebensform, das Männerbündische des Klerus scheint eine Anziehungskraft zu haben – auch für Menschen, die sich mit ihrer Sexualität schwertun, sich nicht damit auseinandersetzen wollen. Und für solche, die gerne Macht ausüben möchten. Denn der sakrosankte, kaum angreifbare Charakter des Priesterlichen, ergibt sich ja für nicht wenige aus dem Eindruck, der Priester bewirke durch seine großen Anstrengungen sexueller Enthaltsamkeit eine besondere Art heiliger Macht.


Die Forderung nach einer Neuorientierung der kirchlichen Sexualmoral, speziell in Bezug auf Homosexualität, erklärt sich mit Blick auf die anhaltende Ausgrenzung und Diskriminierung homosexueller Gläubiger und das Redeverbot für homosexuelle Priester – nach dem Motto: "Sprich nicht über deine sexuelle Orientierung, dann gibt es auch kein Problem und wir können Dich weihen!". Was für ein krudes Konzept von Wahrheit vermittelt die Kirche, wenn viele Priester über ihre Sexualität schweigen, ja lügen müssen? Hetero- wie homosexuelle Priester müssten in die Lage versetzt werden, über Sexualität auch in der 1. Person Singular sprechen zu dürfen und nicht professionell distanziert herumdrucksen zu müssen – in Seelsorgegesprächen, z.B. mit Paaren - heterosexuellen und homosexuellen - aber auch in der Berufungspastoral und in der Priesterausbildung.


Ein heterosexueller Priester kann ja sogar seinen Firmlingen vermitteln, dass er schon einmal verliebt war, mit einer Frau zusammen war, warum er sich dagegen entschieden hat, wenn sie fragen, wie das mit Sexualität, Liebe, Partnerschaft ist. Der Zölibat kann wesentlicher Bestandteil der priesterlichen Berufung sein. Ein Glaubenszeugnis in der Nachfolge Jesu. Nichts weniger soll ja der verpflichtende Zölibat nach Ansicht seiner Verteidiger sein. Und das ist er ja für viele Priester, die in dieser Lebensform glücklich sind, die sogar Kraft daraus schöpfen für ihre Arbeit. Es ist nicht zu vermitteln, warum ein homosexuell orientierter Priester kein authentisches Lebens- und Glaubenszeugnis geben darf.


Im Sinn der Missbrauchs- und Vertuschungsprävention ist es richtig, eine Form echter Gewaltenteilung in der Kirche zu fordern. In der Glaubenskongregation, die irrsinnigerweise zentralisiert für alle weltweiten Missbrauchsfälle zuständig ist, arbeiten vor allem Priester. Ein wichtiger Schritt, um die Macht in der Kirche sinnvoll zu verteilen, wäre, dass endlich auch Frauen mitbestimmen. Macht hängt in der Kirche aber vor allem mit der Weihe zusammen. Macht hat nur der zölibatäre Priester. Warum das problematisch ist, habe ich oben erläutert.

Da es kein theologisches Argument gegen die Weihe von Frauen gibt, ist auch die Forderung nach Weiheämtern für Frauen sinnvoll. Jüngst ist ein ranghoher Mitarbeiter der vatikanischen Kurie zurückgetreten, weil eine ehemalige Ordensschwester, Doris Wagner, ihm vorwirft, sie vor Jahren vergewaltigt zu haben. Seine Abteilung war auch mit Missbrauchsfällen betraut. Ein strafrechtliches Verfahren hat es nie gegeben. Laut Doris Wagner wurde der Priester von seinen Vorgesetzten „ermahnt, künftig mit Klugheit und Bedacht zu handeln“.

Gewaltenteilung ist also dringend notwendig.


„Missbrauch in unserer Kirche hat auch systemische Gründe“ – so beginnt der Brief. Diesen Satz und dessen Bedeutung haben nicht nur die Unterzeichner in den letzten Jahren immer angeführt. Seine weitreichenden Implikationen werden immer noch nicht ausreichend gehört.

Matthias Alexander Schmidt

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