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Fake News beim Spiegel | kath.de-Kommentar

21. Dezember 2018

Fake News beim Spiegel

Medien sind von Menschen gemacht und bilden nicht einfachhin eine objektiv-neutrale „Wahrheit“ ab. Selbst der SPIEGEL, der seit jeher für einen hohen Wahrheits- und Objektivitätsanspruch stand, gibt jetzt zu, dass die Ressortleiter, Chefredakteure, Lektoren, und „Dokumentare“, also Faktenchecker der Zeitschrift, über mehrere Jahre nicht in der Lage waren, einen fälschenden Reporter zu erkennen und zu stoppen.


Claas Relotius hat mit seinen Reportagen offenbar Chefredakteure, akademisch ausgebildete Faktenprüfer und die Jurys von mehreren Journalisten-Preisen getäuscht.

Gerade in Zeiten immer weiter sinkender Auflagen und Leserzahlen darf insbesondere nicht jedes Mittel recht sein, um Geschichten besser zu erzählen und zu verkaufen. Noch dazu, wenn eine lautstarke Minderheit in Deutschland nicht müde wird, „Lügenpresse“ zu rufen. Der SPIEGEL hat sich wohl vor allem deshalb und wegen seines Rufs als Wahrheitsmedium gewissermaßen „selbst angezeigt“.


Auf der Website „Spiegel online“ dokumentiert die Zeitschrift ausführlich die Täuschungen, Fälschungen und Erfindungen von Claas Relotius, und traut sich sogar, Fehler in der eigenen Qualitätssicherung zu benennen. Oft bestehe beispielsweise eine große Nähe zwischen dem Autor und dem „Dokumentar“, also dem Faktenchecker: „Die Sympathien, die aus dieser Nähe entstehen, lassen sich kaum ausblenden, ebenso wenig die Gefahren“, heißt es. Bestimmte exklusive Fakten, gerade aus investigativen Recherchen im Ausland, könne der Dokumentar einfach nicht überprüfen. Diese Umstände habe Relotius „gezielt genutzt und das in ihn gesetzte Grundvertrauen missbraucht“.


Journalisten sollen möglichst neutral und objektiv berichten und die Wahrheit erzählen. Gleichzeitig gibt es aber das berechtige Anliegen und den Anspruch, gute, anschauliche Geschichten zu erzählen, „Kopfkino“ soll bei den Lesern entstehen. Darin liegt die Kunst einer guten Reportage. Der Leser oder Hörer soll sich ganz in eine beschriebene Situation hineinfühlen können und dabei und dadurch auch über die Fakten informiert werden. Eine journalistische Reportage muss trotzdem klar und deutlich von einer fiktiven Geschichte unterschieden und unterscheidbar sein. Darauf müssen sich die Medienkonsumenten verlassen können.


Reportagen sind Kompositionen


Alle Quellen, Zahlen Fakten und Ereignisse müssen korrekt sein. Dahinter darf es kein Zurück geben, das ist der Minimal-Anspruch von sorgfältigem Journalismus. Es wäre allerdings naiv zu glauben, dass journalistische Produkte nicht trotzdem immer von der Wahrnehmung des berichtenden Journalisten geprägt sind. Völlige Objektivität gibt es – trotz aller journalistischen Sorgfalt – nicht. Wahrnehmung ist immer subjektiv. Eine noch so ausführlich und genau recherchierte und auf alle möglichen Fakten gecheckte Reportage ist und bleibt doch eine dramaturgisch durchdachte Komposition, die auch Lust zum und beim Lesen oder Hören machen soll. Ist nicht jede Darstellung der Wirklichkeit bereits eine Deutung derselben? Das macht sie allerdings nicht zur Lüge, zur Täuschung oder gar zur Fälschung.


Claas Relotius hat offenbar vorsätzlich getäuscht und gelogen, der SPIEGEL spricht von Fälschungen. Das ist inakzeptabel und dem Journalistenberuf absolut unangemessen.

Claas Relotius wurde nicht mit Reportage-Preisen ausgezeichnet, weil die Jurys meinten, er habe die Realität objektiv dargestellt – davon gingen sie offenbar aus oder auch nicht –, sondern weil er gute Geschichten erzählt hat. Er ist aber kein Fiction-Autor, sondern Journalist, daher ist es richtig – zumindest nach allem, was bisher bekannt ist – ihn jetzt als Fälscher oder Betrüger zu bezeichnen. In fiktiven Publikationen wären seine Geschichten unproblematisch.


Neben dem berechtigen, unhintergehbaren Anspruch an sorgfältige journalistische Arbeit brauchen Medienkonsumenten eine kritische Distanz, auch zu journalistischen Texten – eine intellektuelle Leistung der Unterscheidung –, um sich auf eine gut geschriebene Reportage einzulassen, auf das „Kopfkino“ – und dabei trotzdem im Hinterkopf zu haben, dass ein Mensch das geschrieben hat, mit seiner immer auch subjektiven Wahrnehmung, in einer Weise, die Lust zum Lesen oder Hören macht.

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