Matthias Alexander Schmidt

Freier Journalist & Kath. Theologe, Köln

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Artikel

Atheismus kann religiöse Gewalt nicht beenden

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Bild: mkorsakov – flickr.com

Terroranschläge in Paris, sexuelle Übergriffe in Köln, europäische Bürger als IS-Kämpfer in Syrien. Terror und religiöse Gewalt sind im säkularisierten Europa angekommen, nicht nur gedanklich. Die islamistischen Attentäter sagen: Wir tun das im Namen unseres Gottes, unserer Religion. In Europa versteht man nur Bahnhof. Was soll das heißen - im Namen Gottes? Die säkularisierten Europäer haben verlernt, religiös zu denken. Dabei würde es sich lohnen, auf Gewalt religiös zu reagieren.


Die einzig plausible Reaktion auf die religiöse Gewalt ist offenbar eine atheistische Antwort. Sie lautet: Religion ist die Ursache. Wenn man die Ursache abschafft, beendet man auch die Folgen. Folglich gehört Religion abgeschafft. Wer nicht religiös ist, wählt demnach die bessere, nämlich die gewaltfreie Alternative. Wer noch religiös glaubt, sollte schleunigst damit aufhören.


Wenn man Religion abschafft, löst man das Gewaltproblem. Das meint etwa der bekennende Atheist Richard Dawkins. Er schreibt:


„Stellen wir uns doch mit John Lennon mal eine Welt vor, in der es keine Religion gibt - keine Selbstmordattentäter, keinen 11. September, keine Anschläge auf die Londoner U-Bahn, keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgung, [...] keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, kein Blutbad unter Serben/Kroaten/Muslimen, keine Verfolgung von Juden als ‚Christusmörder', keine ‚Probleme' in Nordirland, keine ‚Ehrenmorde' [...,] keine Zerstörung antiker Statuen durch die Taliban, keine öffentlichen Enthauptungen [...]." (Der Gotteswahn. Berlin : Ullstein Buchverlage, 2007, S. 12.)


Religiöser Atheismus: Das hat nichts mit Religion zu tun


Die atheistische Position ist mittlerweile nicht nur das vorherrschende Paradigma unter Nicht-Religiösen, sondern - und das wiegt wesentlich schwerer - sie ist angesichts religiöser Gewalt auch zum Paradigma der Religiösen geworden. Christen und Muslime werden nicht müde, reflexartig zu antworten, der Terror habe mit Religion nichts, aber auch gar nichts zu tun. Diese Antwort ist aber zu einfach. Die Terroristen sagen, dass sie im Namen ihres Gottes, ihrer Religion handeln. Ihre Motivation ist also ganz offenkundig eine religiöse. Wie kommt man dazu, das Gegenteil anzunehmen? Lügen die Terroristen?

Wir leben in einer post-metaphysischen Epoche. Übernatürliche Normen für ethisch gutes Handeln braucht es nicht mehr - und es gibt sie auch nicht. Gott und andere metaphysische Größen haben als normative Grundlagen ausgedient. Die Grundlagen für ein geordnetes Zusammenleben gewährleistet der Staat mit Recht und Gesetz. Die gesellschaftliche Ordnung, die „Werte", nach denen wir leben, sind staatlich garantiert. Man kann sich darauf berufen, sie halten Stand, auch wenn es Gott nicht gibt - „etsi Deus non daretur".


Das Dilemma des säkularen Rechtsstaates


In Deutschland müssen alle das Grundgesetz anerkennen und sich an die geltende Rechtsordnung halten. Das soll genügen. Daher kommt es auch zu der Forderung, Einwanderer, vor allem muslimische Flüchtlinge, müssten sich unbedingt und uneingeschränkt zum deutschen Grundgesetz bekennen. Aber was ist damit gewährleistet? Der Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat das Dilemma des post-metaphysischen, säkularen Rechtsstaates treffend auf den Punkt gebracht:


„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und - auf säkularisierter Ebene - in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat." (Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.)


Menschenwürde braucht Gott oder Naturrecht


Um die vom Grundgesetz geforderten Werte und Freiheiten zu rechtfertigen, bedarf es eigentlich metaphysischer Grundlagen, die der Staat selbst nicht gewährleisten kann, ohne metaphysische Annahmen zu machen oder gar religiös zu sprechen. Um etwa zu begründen, dass der Staat für so etwas wie die unantastbare Menschenwürde einsteht, kann er sich nicht auf die Gottebenbildlichkeit jedes Menschen berufen. Das ist ja eine religiöse Begründung. Es müsste also irgendeine naturrechtliche Grundlegung geben, aber auch die ist metaphysisch. Seit Habermas ist eigentlich klar: Es muss ohne metaphysische Voraussetzungen gehen, im Diskurs. Religion und Metaphysik haben ausgedient.


Post-metaphysisch glücklich und moralisch?


Welche inhaltlichen Werte bleiben aber in dieser post-metaphysischen Gesellschaft übrig? Die atheistische Position verspricht Gewaltlosigkeit, intellektuelle Freiheit und Aufklärung, ein gutes Leben. Richard Dawkins ist überzeugt, man könne als Atheist „glücklich, ausgeglichen, moralisch und geistig ausgefüllt" sein (Der Gotteswahn, 2007, S.11). Aber worauf gründet der Atheist sein Glück, seine Moral? Wenn gefordert wird, muslimische Einwanderer müssten sich im Westen integrieren, in was genau sollen sie sich dann eigentlich eingliedern? Das Bekenntnis zum Grundgesetz bleibt letztlich eine Äußerlichkeit, die allein noch nicht glücklich und moralisch macht. Sollen sie sich also unserem Konsumverhalten anpassen? Kann man mit dem Versprechen auf unbegrenzten Konsum einen religiösen Fanatiker davon abhalten, in Syrien für den IS zu kämpfen?


Welche Art von religiöser Freiheit verspricht denn das Grundgesetz? Heute meinen viele, Religionsfreiheit bedeute, seinen religiösen Überzeugungen solle man - wenn überhaupt - bitteschön nur privat nachgehen und alle anderen damit in Ruhe lassen. Die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit hat sich irgendwie zu der Forderung verdreht, man müsse frei von Religion sein.


Dawkins argumentiert oberflächlich und abwertend


Die atheistische Position, die das religiöse Bekenntnis als unvernünftigen, indoktrinierten Wahn abtut, ist oberflächlich und pauschalisierend. Der auf diese Weise argumentierende Atheist psychologisiert die religiöse Überzeugung sehr vieler Menschen und wertet sie ab. Die Abwertung soll die unzureichend begründete atheistische Position aufwerten. Dawkins kann nicht zeigen, dass Religionslosigkeit immer mit Gewaltlosigkeit verbunden ist. Er nimmt auch verschiedene Forschungen zur Gewaltbereitschaft auf Seiten der Atheisten nicht zur Kenntnis.


Komplexe Probleme - einfache Antworten?


Genauso unzutreffend ist allerdings auch die Antwort derjenigen, die sagen, religiöse Gewalt habe nichts mit Religion zu tun. Beide Antworten sind genauso einfach wie sie falsch sind. In der sich als unglaublich komplex zeigenden Welt läge es eigentlich nahe, keine einfachen Antworten zu geben, sondern zunächst einmal anzuerkennen, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Denn wie kann die Antwort auf komplexe Vorgänge derart unterkomplex sein? Gerade diejenigen, die im politischen oder akademischen und intellektuellen Kontext tätig sind, sollten sich selbst ein Mindestmaß an intellektueller Ehrlichkeit abverlangen. Sie sollten nicht so tun, als hätten sie die einfache, allumfassende Antwort auf schwierige Fragen.


Ambiguität aushalten


Intellektuell adäquat wäre es, religiöse Bekenntnisse erst einmal als solche anzuerkennen und nicht etwa als Resultat kindlicher Minderwertigkeitskomplexe abzuwerten. Es gilt ernst zu nehmen, dass viele Menschen die Frage nach Gott stellen und sie wachhalten wollen. Manche wollen sogar ihr ganzes Leben dieser Frage widmen. Den Glauben an Gott als eine plausible Erklärungsmöglichkeit für reale Phänomene zuzulassen, zeugt von einer intellektuellen, rational völlig legitimen Erweiterung des Verständnishorizontes. Das müssten aufgeklärte, wissenschaftliche Atheisten eigentlich anerkennen.


Nicht jeder religiös Gläubige ist fundamentalistisch veranlagt. Zwar gibt es immer die Tendenz bzw. die Gefahr zum Fundamentalismus oder Extremismus. Das darf nicht geleugnet werden. Gleichzeitig bietet religiöser Glaube in seiner nicht extremistischen, nicht fundamentalistischen Form zumindest die Einsicht, nicht auf alle Fragen eine abschließende Antwort zu haben.


Religion als mehrschichtiges Phänomen ernstnehmen


Es ist intellektuell in Ordnung, an komplexen Fragen erst einmal zu scheitern. An dieser Einsicht mangelt es Atheisten wie Richard Dawkins. Dieser Mangel an Ambiguitätstoleranz ist aber eher ein Auslöser von Gewalt. Die radikal atheistische Position kann eigentlich Gewalt nicht erklären. Zur Gewaltvermeidung bzw. Gewaltprävention kann sie auch nicht richtig beitragen. Eher dürfte eine solche Position Gewalttendenzen begünstigen. Die Antwort auf religiöse Gewalt kann keine atheistische sein, nach dem Motto: Religion ist Gewalt, wir können Gewalt nur ohne Religion überwinden. Sie kann aber auch keine pseudo-religiöse sein, nach dem Motto: Religiöse Gewalt hat mit Religion nichts zu tun. Im Grunde ist das auch eine atheistische Antwort. Beide Antworten zeugen von der Scheu, Religion als komplexes Phänomen ernst zu nehmen.


Angemessen wäre es, die Reaktion auf religiöse Gewalt religiös zu begründen. Dazu folgt ein weiterer Beitrag: Religiöse Gewalt religiös beenden.

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