Matthias Alexander Schmidt

Freier Journalist & Kath. Theologe, Köln

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Radio-Beitrag

Einer für alle? Wenn Vertreter kirchlicher Institutionen Schuld bekennen

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Vor sieben Jahren begann der sogenannte Missbrauchsskandal: Hunderte Fälle sexualisierter Gewalt durch katholische Priester wurden öffentlich. Auslöser war ein Brief, geschrieben vom Rektor der Berliner Jesuiten-Schule Canisius Kolleg, Pater Klaus Mertes. Drei ehemalige Schüler hatten ihm von ihren Gewalterfahrungen an der Schule berichtet. In einem Brief an 600 Ehemalige bekannte Mertes sich zu der Schuld, die seine Institution 30 Jahre zuvor auf sich geladen hatte. Als Vertreter der Institution stellte er sich der Verantwortung. Doch wie kann das funktionieren? Kann sich ein einzelner Vertreter zur Schuld einer ganzen Institution bekennen und stellvertretend für die Institution um Vergebung bitten? Eine Gruppe von Theologen beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Schuld in der Kirche. In diesem Jahr haben sie Klaus Mertes gebeten, bei einer Tagung über seine Erfahrungen sprechen.

Veröffentlicht: hr-iNFO "Himmel und Erde", 7. Mai 2017

Die katholische Theologin Julia Enxing leitet das 7-köpfige ökumenische Forschungsnetzwerk „Schuld ErTragen. Die Kirche und ihre Schuld.“ In diesem Jahr trafen sich die Forschenden an der Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt und diskutierten, wie es Vertretern kirchlicher Institutionen gelingen kann, öffentlich Schuld zu bekennen und Verantwortung zu übernehmen, auch für die sündhaften Teile in der Geschichte ihrer Institution. Bei solchen öffentlichen Schuldbekenntnissen durch Institutionen komme es darauf an, dass nicht bloß die Schuldigen selbst zu Wort kommen, sagt Julia Enxing:

„Das Risiko ist, dass Schuld bekannt wird, ohne dass die Betroffenen überhaupt an dem Prozess des Schuldbedenkens und Bekennens beteiligt sind. Das ist ein Riesenproblem. Die große Chance ist, in einem gemeinsamen Prozess nicht für sie zu sprechen, sondern sie sprechen zu lassen und das zu hören, so schwer das ist.“

Julia Enxing hat den Jesuitenpater Klaus Mertes eingeladen. In seiner Funktion als Rektor des Canisius-Kollegs war Mertes nach Schilderungen von drei Männern im Jahr 2010 klar geworden, dass es an seiner Schule in den 70er und 80er Jahren sexualisierte Gewalt durch Jesuiten gegeben hat. Damals haben die Verantwortlichen weggeschaut. Mertes entschied sich daher, auf institutioneller Seite die Verantwortung zu übernehmen, um nun, 30 Jahre später, den Opfern selbst das Sprechen zu ermöglichen:

Klaus Mertes: „Wenn in einer Schule in verantwortlicher Position eine Entscheidung getroffen wird, die schweren Schaden verursacht hat, und ich dann als Nachfolger mit dieser Fehlentscheidung konfrontiert werde, dann kann ich nicht sagen: Nee, das waren meine Vorgänger, habe ich nichts mit zu tun. Das ist Verantwortungskontinuität. In dem Moment, wo ich sie verweigern würde, würde ich ja auch die weitere Zuständigkeit für die Aufarbeitung dieser Geschichte ablehnen. Das wäre dann ein Zurückstoßen der Betroffenen ins Schweigen.“

Und so signalisierte Klaus Mertes den Opfern und potenziell Betroffenen, dass er selbst institutionell auf der Seite der Täter stehe und in dieser Position ansprechbar sei. Hätte er sich mit den Opfern solidarisiert oder eine bloße Vermittlerrolle eingenommen, dann hätte es keinen Verantwortlichen auf der Seite der Täter gegeben.

Speziell kirchliche Einrichtungen müssten Verantwortung auch für frühere Schuld übernehmen, sagt Mertes. Denn als Institution habe die katholische Kirche einen besonders starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie verstehe sich auch von ihrem Wesen her als eine die Zeit überdauernde Gemeinschaft von Lebenden und Toten:

„Dann kann man nicht in dem Moment, wo man dann über die Zeit hinweg konfrontiert wird mit Schuld, plötzlich sagen: Haben wir nichts zu tun damit, war früher! Das ist ja genau dasselbe wie, meinetwegen, mit Kreuzzügen. Nee, das hat mit der Religion nichts zu tun, hat mit dem Evangelium nichts zu tun, das haben irgendwelche Leute damals falsch gemacht! Man kann nicht so einen starken Institutions- und Gemeinschaftsbegriff haben und dann, an der Stelle, wo man mit Schuld konfrontiert wird, individualisieren.“

In einem Brief an die potenziell von sexualisierter Gewalt betroffenen Jahrgänge ehemaliger Schüler brachte Mertes seine Scham und Erschütterung zum Ausdruck, signalisierte seine Ansprechbarkeit, und bat die Opfer um Entschuldigung.

Jutta Koslowski, evangelische Pfarrerin und ebenfalls Mitglied im Forschungsnetzwerk „SchuldErTragen“ hält Mertes Reaktion und speziell seinen Brief im Sinne der Schuld-Aufarbeitung für wegweisend. Eine Passage ist ihr besonders wichtig:

„Wir danken den Opfern dafür, dass sie uns helfen, diese blinden Flecken zu überwinden, Buße zu tun, Umkehr.“

Der Dank bringe zum Ausdruck, dass es gut sei über die Kirche und ihre Schuld zu sprechen,..

„…nicht aus nem Masochismus heraus, und weil es toll ist, schmutzige Wäsche zu waschen, sondern weil es uns entlastet, uns befreit. Es geht ja darum, dass wir Schuld loswerden dürfen!“

Als evangelische Pfarrerin begegne ihr in diesem Jahr, 500 Jahre nach der Reformation, eine Schuld-Frage besonders oft:

„ ‚Ihr und Euer Luther, war der nicht ein großer Judenhasser?‘ – Das bringt überhaupt nichts, das unter den Teppich kehren zu wollen: Ach, der war aber doch gar nicht so schlimm, und das ist schon lange her, sondern proaktiv damit umzugehen, weil es auch für mich selbst gut ist, sozusagen mich nicht mit diesem Negativen zu identifizieren, sondern kritisch damit auseinanderzusetzen.“