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Nordirland bei der EM-Qualifikation - Götter in Grün-Weiß

Die nordirische Nationalmannschaft will auch in Bukarest auf EM-Kurs bleiben. (Archiv)

Seit Jahrzehnten ist Nordirland bei keinem großen Fußball-Turnier dabei. Nun führt das Nationalteam plötzlich die Gruppe F der EM-Qualifikation an. Trainer O'Neill hat den Verband kräftig umgebaut.

Der nordirische Stürmer Kyle Lafferty legt einen 50-Meter Sprint hin. Vor dem Tor schaut er kurz hoch, dann schiebt er den Ball links am griechischen Torwart zum 2:0 vorbei. Lafferty reißt die Hände in die Luft, er rutscht auf den Knien über den nassen Rasen. Schon wieder ein Sieg!

Die britische Zeitung The Sun titelt am Morgen nach dem überraschenden Erfolg Nordirlands in Athen: Lafferty und die Nationalmannschaft, sie hätten gespielt wie "griechische Götter". Was der kleinen Fußballnation gelingt, wirkt derzeit wahrlich fast übermenschlich - oder zumindest unwirklich. Plötzlich ist Nordirland Tabellenführer in Gruppe F der EM-Qualifikation.

Der Erfolg gegen Griechenland war der dritte Sieg im dritten Spiel - so gut starteten die Nordiren noch nie in eine Qualifikationsrunde. Zuvor gewannen sie bereits 2:1 in Ungarn und 2:0 gegen die Färöer-Inseln. Die Tabelle führen sie nun mit neun Punkten an. Rumänien bringt es derzeit nur auf 7. Die Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich scheint auf einmal möglich zu sein. Nach 30 Jahren Abstinenz wäre es endlich wieder ein großes Turnier. Zuletzt waren die Nordiren bei der WM 1986 in Mexiko dabei.

Der plötzliche Erfolg der Mannschaft hat mehrere Gründe, der wichtigste ist: Trainer Michael O'Neill. Der 45-Jährige hat die Strukturen des nordirischen Fußballs professionalisiert und internationalem Niveau angepasst. Der ehemalige Nationalspieler O'Neill hat einen Psychologen installiert, die Reisebedingungen bei Länderspielen verbessert und, natürlich, das Training weiterentwickelt. Er arbeitet mit mehr Technologie und wertet die Leistungsdaten seiner Spieler statistisch aus - was in anderen Nationen schon längst Standard ist, ist endlich auch in Belfast angekommen.

Der Trainer kann innerhalb der Mannschaft auf drei wichtige Stützen bauen: Stürmer Kyle Lafferty von Norwich City traf bisher in allen drei Spielen. Torwart Roy Carroll ist mit 37 Jahren in Topform und Mittelfeldspieler und Kapitän Steven Davis vom FC Southampton, dem Tabellenzweiten der Premier League, ist als Ideengeber und Organisator unverzichtbar.

Doch an diesem Freitagabend, wenn es gegen Rumänien geht, fehlt genau dieser Davis. Der 29-Jährige musste am Wochenende im Liga-Spiel gegen Leicester City zur Halbzeit verletzt vom Platz. Eine Oberschenkelverletzung. Davis fällt aus - ein Schock für Grün-Weiß.

Trotzdem soll in Bukarest der nächste Sieg her. "Wir sind überzeugt, dass wir gewinnen können - genau wie wir das in Ungarn und Griechenland auch getan haben", sagte Trainer O'Neill selbstbewusst.

Während der vielen Jahre der Erfolglosigkeit war Resignation eingekehrt in der nordirischen Bevölkerung. Doch nun ist die Begeisterung zurück. Die Sportjournalistin Laure James aus Belfast erzählt: "Die Bars und Straßen sind hier hier wieder überflutet mit grün-weißen Flaggen, Schals und Trikots."

Nordirland ist traditionell unterteilt in Protestanten und Katholiken. Doch selbst das hat der Fußball verändert: "Normalerweise haben die Katholiken im Fußball immer Irland unterstützt und die Protestanten Nordirland", sagt Journalistin James. "Jetzt will jeder mitfeiern, es wird nicht mehr als politisches Statement angesehen." Etwa 200 Fans aus Nordirland werden ihre Mannschaft in Rumänien unterstützen.

In der Fifa-Weltrangliste hat sich Nordirland von Platz 95 auf43 vorgearbeitet. Mit einem Unentschieden gegen Rumänien würde die Insel zumindest bis März auf Platz eins dieser EM-Gruppe überwintern. "Das ist mehr als wir erwarten konnten", sagt Coach O'Neill. "Aber es ist nur eine wirkliche Errungenschaft, wenn wir am Ende auch etwas herausbekommen."

Die Fans jedenfalls stimmen sich schon einmal auf die Europameisterschaft ein. Seit dem Auswärtssieg gegen Griechenland schmettern sie ein neues Lied - auf der Tribüne und in den Kneipen von Belfast: "We love to sing, we love to dance, in two years time we're going to France!" Wir lieben zu singen, wir lieben es zu tanzen, in zwei Jahren fahren wir nach Frankreich.

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