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Und bis dahin?

Die Notaufnahme am Klinikum Main-Spessart in Lohr. Foto: Roland Pleier

Ein Facebook-Beitrag beschreibt eine überforderte Lohrer Notaufnahme. Dessen Autor ist kein Unbekannter. Er befürchtet, dass das Krankenhaus langfristig seinen Ruf verliert.


Nicht einmal drei Jahre ist die Beerdigung her. Es war ein bewölkter Samstag, der 30. September um genau zu sein, als sich 70 Karlstadter versammelten, um sich von "ihrem" Krankenhaus zu verabschieden. Sieht man heute die Bilder, es muss bizarr anzusehen gewesen sein: Männer in schwarzen Anzügen und Zylindern, die einen Sarg vor das Krankenhaus tragen. Dahinter der Trauerzug. Leute, die sich um ein Kondolenzbuch scharen. Für die Main-Post zeichnete der Karlburger Marco Zagrabinsky später ein Comic, das die mit Blumen, Kerzen und Trauergebinden belegten Krankenhausstufen zeigt. Darauf unterhalten sich zwei Männer: "Die wahren Gründe seines Todes werden wir nie erfahren." Antwort: "Wir könnten es exhumieren." 


Vielleicht war dieser Trauergang so etwas wie eine Katharsis für die Karlstadter. Denn: Seitdem ist es um dieses Thema größtenteils ruhig geworden. Im Krankenhaus sollen bald 15 Arztpraxen entstehen, barrierefrei und freundlich. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. 


Nicht so in Marktheidenfeld. Einen Trauermarsch gab es hier nicht. Noch gibt es 60 Betten für die Innere und Akut-Reha sowie 45 Betten für die Reha. Trotzdem watschten die Wähler Mitte März die Freien Wähler ab, denen sie die Hauptschuld an der Krankenhausentscheidung gaben. Im Stadtrat bekam mit proMar die zur Partei gewordene Bürgerbewegung zum Krankenhauserhalt die zweitmeisten Stimmen. Im Kreistag holte die Liste "UGM - Unabhängig - gemeinsam - für Main-Spessart" mit ihren fast ausschließlich aus der Region Marktheidenfeld stammenden Kandidaten  vier Sitze. 

Facebook-Beitrag über Überforderung in der Notaufnahme

Vor Kurzem entfachte sich die Debatte über das Lohrer Krankenhaus erneut – auf Facebook. 94 Likes, 57 Kommentare. Angestoßen wurde sie durch einen Beitrag von Michael Rohm. Der 46-Jährige war einst Kommandant der Marktheidenfelder Feuerwehr, kandidierte auf Platz 11 der UGM-Liste für den Kreistag. "Ich habe ehrlich gesagt mit so vielen Reaktionen gerechnet", sagt Michael Rohm am Telefon einige Tage später. 

In seinem Beitrag vom 12. August schildert Rohm, wie sich am selben Tag zuvor in der Notaufnahme des Lohrer Krankenhauses unter erschwerten Corona- Bedingungen "zeitweise Überforderung" breit gemacht habe: "Wartezeiten von vier Stunden in der Notaufnahme für eine sprichwörtlich 0815-Untersuchung sprengen den Rahmen massiv." 


Rohm begleitete eine Bekannte, die von ihrem Hausarzt nach Lohr überwiesen worden war. Um 11 Uhr vormittags seien beide am Eingang der Notaufnahme angekommen, um halb vier nachmittags wäre die Bekannte erst wieder draußen gewesen. In der Zwischenzeit saß Rohm draußen und beobachtete, wie nur ein Mitarbeiter an der Pforte einen Besucheransturm abfedern musste. Seine Bekannte soll währenddessen zeitweise alleine im Krankenhaus gewartet haben. Rohm kritisiert in seinem Beitrag aber in erster Linie nicht das Krankenhaus und seine Mitarbeiter ("Fachlich ist alles top, man hört nur Gutes", sagt er am Telefon), sondern den früheren Kreistag. Weil man die anderen beiden Krankenhäuser voreilig geschlossen habe, fehle in den beiden Städten jetzt ein Anlaufpunkt in Notfällen. "All die Leute werden in Lohr durch ein Nadelöhr gedrückt werden. Das belastet das ja auch die Mitarbeiter des Krankenhauses", sagt er. "Vor denen habe ich größten Respekt. Aber wenn sich Lapalien anhäufen, dann entstehen zu Stauzeiten Probleme."

Ist eine Abfederung der Notaufnahme überhaupt möglich?

Rohm, der die Notwendigkeit der Notaufnahme-Schließungen ja durchaus nachvollziehen kann, fordert nun eins: Besserung. Angefangen mit einem Plan für beide Städte, wie in der Zeit, bis das Zentralklinikum fertig ist, die Lohrer Notaufnahme entlastet werden kann. Zwar hätten auch andere Krankenhäuser so ihre Probleme, die müsste es aber in Main-Spessart nicht geben, "wäre nicht der zweite Schritt vor dem ersten beschlossen worden." 


Das Problem: So viele Möglichkeiten zur Besserung gibt es nicht. Das liegt unter anderem daran, dass der Raum Marktheidenfeld noch ärztlich überversorgt ist. Es herrscht Zulassungssperre. Ein zusätzliches Ärztehaus, wie in Karlstadt gerade gebaut wird, würde zum Beispiel nur dazu führen, dass Ärzte aus ihren eh schon bestehenden Praxen rausgingen, erklärt Christian Pfeiffer von der KVB-Bezirksstelle Unterfranken. Das aber würde keine Entlastung für eine Notaufnahme darstellen. Sicher könnte ein schickes MVZ irgendwann Ärzte nach Marktheidenfeld lotsen, wenn in ein paar Jahren Engpässe drohen. Aber dann steht voraussichtlich auch schon das neue Zentralklinikum. 


Die KVB kann auch keine Bereitschaftspraxen in Karlstadt oder Marktheidenfeld aufmachen. Die müssen nämlich immer an der Notfallambulanz angegliedert sein, sagt Pfeiffer. Außerdem: Solche Gedankenspielereien, wie die Notaufnahme an einem der Krankenhäuser einfach wieder aufzumachen, ist rein haftungstechnisch gar nicht möglich. Es seien Ärzte einfach auch nicht mehr bereit gewesen, die medizinische Verantwortung in solchen Notaufnahmen zu übernehmen, sagte zum Beispiel die damalige Klinik-Sprecherin Sandra Amberger 2019. Damit sind wir wieder am Anfang des Textes, beim Comic über die Schließung. Denn die Haftung war damals ja auch einer der Hauptgründe, beide Krankenhäuser bzw. deren Notaufnahmen vor dem fertigen Neubau schließen zu müssen. 

Wie ist aktuell die Notfall-Situation im Landkreis?

Wieder zurück bei Michael Rohm. In seinem Facebook-Beitrag schreibt er, dass er beim nächsten Mal doch wieder zu einem Besuch in den Kliniken außerhalb des Landkreises tendiere. Sollte die Situation weiter so bestehen, so fürchtet Rohm am Telefon, werde das neue Krankenhaus an Image verlieren. Damit scheint er einen Nerv getroffen haben, denn unter dem Post stimmen ihm einige zu. Mancher behauptet, nur noch in Krankenhäuser außerhalb des Landkreises zu gehen. 



Boykottieren Main-Spessarter Patienten also aus Prinzip die Lohrer Notaufnahme? Auf Anfrage geben das Universitätsklinikum Würzburg oder die Rotkreuzkliniken in Wertheim und Würzburg keine Zahlen heraus. Das Universitätsklinikum sagt jedoch, dass es seit der Schließung keinen proportionalen Zuwachs von Patienten aus Main-Spessart gegeben habe. Die Rotkreuzkliniken sagen nur, dass es seit 2017 einen Zuwachs an MSP-Patienten gegeben hat. Aber wie signifikant er war, sagen sie nicht. Einer, der die Frage zumindest anekdotisch beantworten kann, ist Thomas Schlott, Kreisgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz. "Wir fahren die Patienten in der Regel zur nächsten Notaufnahme. Wir müssen aber auch den Patientenwunsch berücksichtigen", sagt er. Nach den Krankenhausschließungen hätten tatsächlich einige Patienten abgelehnt, nach Lohr gefahren zu werden. Die Kränkung sei tief gesessen. "Das hat mit der Zeit aber abgenommen. Das kommt kaum mehr vor."

Schlott hält die Zentralisierung aus Sicht der Rettungssanitäter für den richtigen Weg. Man habe jetzt eine ordentliche Notaufnahme. Brachten die Sanitäter früher zum Beispiel einen Patienten nach Marktheidenfeld, dann konnte es gut sein, dass sie den Patienten weniger später doch nach Lohr bringen mussten. Die KVB sieht den gesamten Landkreis Main-Spessart von der kassenärztlichen Notfallversorgung her gut aufgestellt. Die Bereitschaftsversorgung sei sichergestellt. Das Empfinden darüber, sei jedoch auch immer eine Frage der Vergangenheit, sagt Christian Pfeiffer: "Wenn man in die Rhön schaut, da können die von Wegen wie in Main-Spessart nur träumen."

Wie Andrang in der  Notaufnahme abgefedert werden soll

Das Klinikum Main-Spessart beantwortete die Fragen der Redaktion wie folgt:

Waren Staus und schwierig einzuhaltende Abstandsregeln beim Corona-Check vor der Notaufnahme ein Grund dafür, den Haupteingang wieder zu öffnen? 

Der Haupteingang wurde wieder geöffnet, um den Eingang an der Notaufnahme wieder wie vor der Corona-Umstellung als reine Liegendeinfahrt zu nutzen. Die Trennung der mobilen und immobilen Patienten ermöglicht eine Entzerrung und der Rettungsdienst und Krankentransport hat bei Anlieferung von Patienten mehr Platz. 


Wie versuchen Sie Besuchsspitzen normalerweise abzufedern?

Die Personalplanung wird aufgrund von Erfahrungswerten erstellt. Dennoch können sich Notfälle nicht terminieren lassen und es kommt zu Schwankungen in den Wartezeiten. Mittels Ersteinschätzung stellen wir die Erkrankungsschwere des jeweiligen Patienten fest, wonach sich die Dringlichkeit der Behandlung richtet.


Wie flexibel sind sie hier zum Beispiel im Personal?

Kommt es zu nicht planbaren Spitzen, helfen sich die Abteilungen gegenseitig aus.


Warum haben, wie oben genannt, nicht dann mehrere Mitarbeiter die Notaufnahme durchführen können?

Im angesprochenen Facebook-Post ging es nicht um die Wartezeit bei der Corona-Einlasskontrolle, sondern um die Wartezeit in der Notaufnahme. Ein Mitarbeiter zur Einlasskontrolle reicht in der Regel aus.


Warum lassen sich Staus zu gewissen Zeiten einfach nicht vermeiden?

Das Patientenaufkommen in der Notaufnahme schwankt ganz natürlich, da sich Notfälle nicht terminieren lassen. In Spitzenzeiten kann es so zu Wartezeiten kommen.

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