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Reaktionen auf Essener Tafel: Kritik von vielen Seiten - „Für alle Bedürftigen da"

Die Entscheidung der Essener Tafel, nur noch Deutsche als Neukunden in ihre Kartei aufzunehmen, ist bundesweit auf massive Kritik gestoßen. Der Bundesvorsitzende der Tafeln, Jochen Brühl, sagte der ARD: „Wir halten das nicht für den richtigen Weg." Die Tafel, die Lebensmittel müsse Menschen helfen, die in Not seien. Diese Entscheidung dürfe nicht nach Pass oder Herkunft getroffen werden.

Der Paritätische Gesamtverband forderte die Essener Tafel auf, ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Er erwarte, dass die „Diskriminierung sofort beendet" werde, erklärte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. „Hilfe für Menschen in Not von Herkunft und Ethnie abhängig zu machen - das geht gar nicht." Angesichts einer großen Zahl an Bedürftigen geht Schneider davon aus, dass die Tafel in Essen „ganz offensichtlich überfordert" sei.

Verstoß gegen Grundsätze des Verbandes

Auch Bernd Mesovic, Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, hält die Entscheidung der Essener Tafel rechtlich für „fragwürdig". „Ohne sachlichen Grund darf niemand diskriminiert werden", sagte Mesovic dieser Zeitung. „Die Tafel ist für alle Bedürftigen da."

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Die Vorsitzende der Berliner Tafel, Sabine Werth, warf den Essener Kollegen indirekt einen Verstoß gegen die Grundsätze ihres Verbandes vor. „Wir in Berlin haben wie alle anderen Tafeln in Deutschland die Grundsätze des Bundesverbandes unterschrieben, darunter auch dieser Satz: ‚Die Tafeln helfen allen Menschen, die der Hilfe bedürfen'", teilte Wirth mit. „Daran halten wir uns und das aus voller Überzeugung." Es gebe „keine Bedürftigen erster oder zweiter Klasse." Die Bedürftigkeit der vielen Menschen in Berlin dürfe nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Ihren Angaben zufolge erhalten in der Hauptstadt pro Monat 50.000 Bedürftige an den 45 Ausgabestellen Lebensmittel. Bei Neukunden werde ausschließlich die Bedürftigkeit der Menschen überprüft, nicht die Nationalität.

„Jedem, der bedürftig ist, sollte geholfen werden"

Die Bundesregierung blieb verhalten: Nur ganz allgemein könne sie sagen, „dass Deutschland ein Land der Mitmenschlichkeit ist und in diesem Land jedem, der bedürftig ist, geholfen werden sollte", sagte Ulrike Demmer, stellvertretende Regierungssprecherin.

Vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass die Essener Tafel seit Mitte Januar ausschließlich Bedürftige mit deutschem Pass neu in ihre Kundenkartei aufnimmt. Der Verein begründete dies damit, dass Migranten mittlerweile drei Viertel seiner Kunden ausmachten. Auch die Berliner Ausgabestellen seien durch die große Fluchtbewegung in den Jahren 2015/2016 vor Herausforderungen gestellt, sagte die Tafel-Vorsitzende der Hauptstadt, Werth. Unter der Kunden sei es bei der Ausgabe „durchaus zu Spannungen" gekommen. Daraufhin hätten die Ausgabestellen ihr Wartesystem geändert. Eingeführt wurden zum Beispiel Losverfahren und individuelle Ausgabezeiten in festen Zeitfenstern.

Tafeln verteilen umsonst Lebensmittel an Bedürftige. Diese Lebensmittel wurden von Restaurants und von Geschäften aussortiert. Sie sind nicht verdorben, würden aber sonst etwa wegen kurz bevor stehender Ablauffrist der Haltbarkeit auf dem Müll landen.

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