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Reportage

Wollt ihr's wirklich wissen?

Gott schwebt auf einem Koordinatensystem. Luis Samaniego sitzt auf der vordersten Kante seines Bürostuhls, seine dunklen Locken hängen tief über dem Schreibtisch. Er legt zwei Achsen mit einem roten und einem schwarzen Edding: Eine steht für Wissen, eine für Glauben. "Wissenschaftler sind keine glaubensorientierten Menschen", sagt er. Dann tippt er auf den Tisch, auf eine imaginäre Koordinate zwischen den zwei Linien, auf der ungefähr die Agnostiker zu Hause sind. "Ich bin da", sagt er mit südamerikanischem Akzent. "Vielleicht gibt es Gott, vielleicht nicht." Aber Luis Samaniego glaubt nicht. Er weiß, oder er weiß nicht. Das Problem ist, sagt er: "Die Menschen glauben zu viel."
Auf der Tafel hinter ihm ist kein Platz mehr für Gottesfragen. Die unfassbaren Wassermengen im Westen Deutschlands, das statistisch gesehen alle hundert Jahre eintretende Hochwasser "HQ100", die Dämme, die Flutkatastrophe 1993 in Ecuador, die Brücken in Ahrweiler, das Neigungsproblem, warum die Fische nicht mehr laichen können, SUVs und Bugattis, das alles hat er skizziert in den letzten zwei Stunden auf der anfangs so unschuldig weißen Fläche. Jetzt krachen da Linien ineinander, aufgeregt mehrmals gezogene rote Kreise, Kreuze, Dreiecke, Pfeile. Luis Samaniego will, dass man ihn versteht. Jetzt, wo ihm endlich mal jemand zuhört.

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https://www.sueddeutsche.de/politik/klimawandel-flutkatastrophe-hydrologie-wetterextreme-helmholtz-zentrum-leipzig-1.5361897